Samuel Balto. Ole Ravna.

Ole Nielsen Ravna ist ein Berglappe aus der Karasjokgegend und zählte 45 oder 46 Jahre, — er war dessen selber nicht ganz sicher. Sein ganzes Leben lang hat er als Nomade in seinem Zelt gelebt, mit seinen Rennthieren auf den finnmarkischen Feldern umherziehend. Seine Rennthierherde war vor seiner Reise nach Grönland nicht sonderlich groß, — sie zählte zwischen 200 und 300 Thiere. Er war der Einzige von der Expedition, der verheirathet war, — er verließ seine Frau und fünf Kinder. Wie bereits vorhin erwähnt, hatte ich keine Ahnung davon, — ich hatte als Bedingung aufgestellt, daß keiner der Theilnehmer verheirathet sein solle. Wie es die Berglappen in der Regel zu sein pflegen, war er bedeutend phlegmatischer als der jüngere Lappe, er sah es am liebsten, wenn wir uns nicht auf der Wanderschaft befanden, um mit gekreuzten Beinen still in einer Ecke des Zeltes sitzen zu können und nichts zu thun, nachdem er sich vorher gründlich vom Schnee gereinigt hatte. Selten sah man ihn etwas vornehmen, ohne daß er direkt dazu aufgefordert wurde. Er war sehr klein von Wuchs, aber überraschend stark und ausdauernd, obwohl er sich selbst und seine Kräfte stets zu schonen wußte. Er sprach, besonders zu Anfang der Reise, sehr wenig norwegisch, aber infolgedessen konnten seine Bemerkungen oft äußerst komisch klingen und große Heiterkeit hervorrufen. Er konnte nicht schreiben und hatte keinen Begriff von einer so modernen Einrichtung wie einer Uhr, lesen hingegen konnte er, und seine liebste Lektüre war das neue Testament in lappländischer Sprache, von dem er sich niemals trennen wollte.

Beide Lappen waren, wie sie selbst sagten, nur mitgegangen, um Geld zu verdienen, nicht aus Lust an dem Unternehmen oder an Abenteuern. Sie waren im Gegentheil äußerst bange vor dem Ganzen und ließen sich leicht einschüchtern, was ja kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie wenig sie von vorneherein über unsere Pläne unterrichtet waren. Daß sie nicht so unwissend zurückkehrten, kann man u. a. aus Baltos Aufzeichnungen ersehen, von denen auch späterhin einige mitgetheilt werden sollen.

Beide Lappen waren übrigens gutartige und liebenswürdige Menschen. Ihre Treue konnte oft etwas Rührendes haben, und ich habe sie mit der Zeit sehr lieb gewonnen.

[1] Am liebsten wollte ich bei dem unbekannten Scoresbyfjord weiter nordwärts landen. Dazu mußte man jedoch ein besonderes Fahrzeug miethen, und da es voraussichtlich Schwierigkeiten machen dürfte, die hierzu erforderlichen Geldmittel aufzutreiben, habe ich diesen Plan vorläufig aufgegeben.

[2] Als Beispiel kann angeführt werden, daß dort im Sommer 1884 sehr wenig Eis war und die Seehundsfänger die Klappmützen beinahe hart am Lande fingen.

[3] Diese „Truger“ sind aus einem ovalen Holzrahmen gebildet und mit einem Weidengeflecht überspannt. Sie werden in Norwegen viel angewendet, selbst für Pferde.

[4] Auf meine Aufforderung hin schrieb Balto nach unserer Rückkehr den folgenden [Bericht] in lappländischer Sprache. Prof. Fries hat freundlichst einige Theile davon übersetzt, und die Uebersetzung ist so wortgetreu wie möglich gehalten.

Kapitel II.
Die Ausrüstung.