Als wir vor dem größten Zelt stehen blieben, aus dem uns ein gemüthlicher Lichtschein entgegendrang, wurden wir sofort durch Zeichen aufgefordert, einzutreten. Wir folgten der Einladung und gelangten durch die äußere Zeltöffnung an einen dünnen, durchsichtigen Vorhang aus Darmhaut; die eine Ecke derselben wurde zurückgeschlagen, wir mußten die Köpfe der Niedrigkeit halber senken und traten dann in einen gemüthlichen Zeltraum ein.

Der Anblick und die Atmosphäre, die uns hier entgegendrang, mußte, wenigstens auf europäische Augen und Nasen, milde gesprochen, höchst fremdartig wirken. Ich hatte freilich gehört, daß die Eskimos an der Ostküste Grönlands in ihren Hütten nur mit einem Minimum von Kleidern angethan seien, sowie daß in ihren Wohnungen eine wenig angenehme Atmosphäre herrschen sollte, daß es aber so aussähe und so merkwürdig röche, hatte ich mir denn doch nicht vorgestellt. An dem Geruch allein hatte man schon genug. Es war eine ganz eigenthümliche Mischung von den verschiedenartigsten Ingredienzien. Am durchdringendsten war der Thrangeruch aus den Thranlampen, dazu aber kamen noch die verschiedensten Arten von menschlichen Ausdünstungen, sowie Dämpfe von stinkenden Flüssigkeiten, die in Gefäßen aufbewahrt wurden; — aus Rücksicht auf den Leser, will ich lieber mit der Beschreibung innehalten. Man kann sich jedoch bald daran gewöhnen und die Atmosphäre schließlich ganz angenehm finden; Allen erging es freilich nicht so, und zwei von den Gefährten verschwanden bald aus dem Zelt.

I. Frauenbeinkleider. II. Männliche, III. Weibliche Haustracht. IV. Amuletschnur, von Männern getragen. V. Kamik. VI. und VII. Messer.

Ich selber fand mich verhältnißmäßig bald zurecht, wenigstens so weit, daß ich meine Augen gebrauchen und mich in der Wohnung umsehen konnte. Das Erste, was meine Aufmerksamkeit erregte, war die Unmenge nackter Körper, die ich rings umher im Zelt sitzen, liegen und stehen sah. Sie trugen alle ihr „nâtit“ (Hausgewand), dies ist aber so klein, daß ein ungeübtes Auge nicht sonderlich daran hängen bleibt. Es besteht aus einem schmalen Band um die Lenden, das sich besonders bei den Frauen auf das allergeringste beschränkt. Von falscher Scham war hier nicht viel zu entdecken, und daß die Natürlichkeit, mit der man miteinander verkehrte, uns Europäern, die wir an europäische Sitten gewöhnt waren, ein wenig befremdend erschien, kann wohl nicht wunder nehmen. Daß sogar Einzelne von uns errötheten, als wir sahen, wie ein paar junge Mädchen und junge Burschen gleichzeitig mit uns ins Zelt kamen, sich ganz ungenirt entkleideten, diese Haustracht anlegten und Platz auf der Pritsche nahmen, ist wohl ganz erklärlich, wenn man bedenkt, wie lange wir jetzt ausschließlich mit Männern zwischen Meer und Eis verkehrt hatten. Besonders den Lappen schien dieser Anblick sehr anstößig zu sein. Einen eigenthümlichen Eindruck machte es, als eine junge Mutter sich ihrer Kleider entledigte und ohne weitere Umstände auf ihr Lager zu ihrem Kinde kroch, das dort ganz nackend lag, um ihm, auf allen Vieren über dem kleinen Wesen gebeugt, die Brust zu geben. Es war etwas so rührend Natürliches, so Mütterlich-Zärtliches in dieser Scene, daß es auf jeden Zuschauer, der nicht von einem verkehrten europäischen Anstandsgefühl befangen war, einen tiefen Eindruck machen mußte. Sie lag eine Weile völlig nackend da, dann schien es ihr ein wenig zu kalt zu werden, denn sie breitete schützend eine Decke aus Seehundsfell, die hübsch mit dem weißen Fell ungeborener junger Seehunde eingefaßt war, über sich und das Kind.

Allmählich kamen mehr und mehr Menschen ins Zelt, bis es fast ganz gefüllt war. Uns war gleich bei unserm Eintritt ein Platz auf einigen Kisten angewiesen worden, die an dem Darmvorhang an der Vorderseite des Zeltes entlang standen. Dies ist der Platz, den die Gäste einzunehmen pflegen, während die Bewohner des Zeltes auf der langen Pritsche oder der Bank liegen, die sich an der hinteren Wand des Zeltes hinzieht. Sie ist aus Brettern gemacht und so breit, daß man quer darauf liegen kann, während sich die Länge nach der Größe des Zeltes und der Zahl der Bewohner richtet. Sie ist mit mehreren Schichten von Seehundsfellen bedeckt und auf ihr verbringen die Eskimos ihr Leben in den vier Wänden, hier sitzen sie, die Weiber gern mit gekreuzten Beinen, hier arbeiten sie, hier essen, hier liegen, hier schlafen sie.

Die Zelte der Eskimos haben eine ganz eigenthümliche Form. Der Zeltpfosten besteht aus einem Holzbock, über den lange Stangen in einem Halbkreis gelegt werden, so daß die Spitzen einander berühren, über diese wird eine doppelte Schichte von Fellen gebreitet, nach innen zu Haarfelle, deren Haarseite nach innen wendet, und nach außen zu Wasserfelle; hierzu werden hauptsächlich alte Felle benutzt, die früher zu Frauenböten oder Kajaks gedient haben. Die Zeltöffnung befindet sich unter dem erwähnten Bock, von dem eine Darmhaut herabhängt, die den Vorhang des Zeltes bildet, wie das oben [bereits geschrieben] ist.

Besuch in einem Eskimozelt auf Kap Bille. (Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)


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