In dem Zelt, in welchem wir uns befanden, wohnten vier oder fünf verschiedene Familien, — jede dieser Familien hatte ihren durch einen Pfosten begrenzten „Stand“ auf der Schlafbank, und dort saßen Mann, Frau und Kinder auf einem Minimum von Platz. Ein 4 Fuß breiter Pritschenplatz kann beispielsweise breit genug für einen Mann mit 2 Frauen und 6 Kindern sein. Vor dem Pritschenplatz einer jeden Familie brannte eine Thranlampe mit breiter Flamme. Diese Lampen sind aus Stein gefertigt, haben eine halbrunde Form, sind flach und ausgehöhlt wie eine Schale und ziemlich groß, — oft einen ganzen Fuß lang. Der Docht besteht aus trocknem Moos, das flach an die eine Seite der Lampe gelegt und stets mit frischem Speck genährt wird, der bald zu Thran zerschmilzt. Es liegt den Frauen ob, diese Lampen in Ordnung zu halten, und mit einem eigens dazu eingerichteten Stäbchen den Docht zu putzen, so daß er nicht qualmt, aber auch nicht zu klein brennt. Ueber diesen Lampen kochen sie diejenigen Speisen, die sie nicht roh verzehren, in großen Steinkesseln, die von der Zeltdecke herabhängen. Merkwürdigerweise brennen sie keinen Torf, obwohl dies Feuerungsmaterial für sie ohne große Schwierigkeiten zu erlangen ist. In diesem Zelt waren viele Lampen angebracht, über einigen hingen auch große Kochtöpfe und brodelten. Die Lampen brennen Tag und Nacht. Sie sorgen für die Heizung und für die Beleuchtung am Abend und während der Nacht, — die Eskimos schlafen nämlich nicht im Dunkeln wie wir, — auch sorgen sie dafür, sich stets mit einem Aroma von Thran zu umgeben, das auf uns Europäer nicht absolut angenehm wirkt, an das wir uns aber doch sehr bald gewöhnen können.
Als wir so in einer Reihe auf diesen Kisten saßen und die fremden Umgebungen betrachteten, machten unsere Wirthe Versuche, uns zu unterhalten. Man erklärte uns den Zweck jedes Gegenstandes, den wir betrachteten, theils durch Worte, die wir nicht verstanden, theils durch Mienen und Bewegungen, aus denen wir uns besser vernehmen konnten. Auf diese Weise erfuhren wir, daß einige Holzlatten, die unter dem Zeltdach hingen, zum Trocknen der Kleider bestimmt waren, daß man in den Kesseln Seehundsfleisch kochte etc. etc. Dann zeigte man uns verschiedene Gegenstände, auf welche die Besitzer sehr stolz waren. U. a. öffneten einige alte Frauenzimmer einen Beutel und nahmen ein kleines Stück holländischen Rolltabaks heraus, ein Mann zeigte uns ein Messer mit einem langen Knochenschaft. Diese beiden Gegenstände waren wohl das Merkwürdigste in dem ganzen Zelt, denn sie wurden mit der größten Ehrfurcht betrachtet. Dann versuchte man, uns die Verwandtschaft der verschiedenen Zeltbewohner untereinander begreiflich zu machen. Ein Mann umarmte ein fettes Frauenzimmer, worauf Beide mit höchst zufriedener Miene auf einige jüngere Individuen zeigten, was so viel bedeuten sollte, als daß sie Mann und Frau und diese anderen ihre Kinder seien. Der Mann strich mit der Hand an dem Rücken der Frau herab und kniff sie in ihr Fett, damit wir sehen sollten, wie schön und prächtig sie sei, und wie stolz er auf sie war, was sie scheinbar sehr zu schätzen wußte. Merkwürdigerweise schien keiner der Männer in diesem Zelt mehr als eine Frau zu haben, sonst ist es an der Ostküste von Grönland allgemeine Sitte, daß jeder Mann, der ein so guter Fänger ist, daß ihm seine Mittel diesen Luxus gestatten, sich zwei Frauen hält, — niemals aber mehr.
Die Männer sind in der Regel sehr gut gegen ihre Frauen, und man kann sogar sehen, daß Eheleute einander küssen, was freilich nicht auf europäische Art geschieht, sondern indem die Betreffenden die Nasen aneinander reiben. Eheliche Streitigkeiten kommen übrigens auch vor, und da kann es oft böse hergehen; die Uneinigkeit wird in der Regel dadurch geschlichtet, daß die Frau eine Tracht Prügel oder einen Messerstich in den Arm oder das Bein erhält, worauf das Verhältniß ebenso zärtlich zu sein pflegt wie vorher, besonders wenn die Frau Kinder hat. Zuweilen freilich bekommt auch der Mann bei solchen Gelegenheiten Prügel; so erzählt Holm, daß ein Mann, der zwei Frauen hatte, sich auf eine Prügelei mit der einen einließ und von ihr gehörig durchgebläut wurde.
Im ganzen scheint das beste Verhältniß zwischen allen Bewohnern des Zeltes zu herrschen; gegen uns war man sehr freundlich, lächelte und lachte und redete ununterbrochen, obwohl man sich längst darüber klar war, daß wir keine Silbe verstanden. Einer der älteren Zeltbewohner, der scheinbar einen hervorragenden Platz einnahm, — wahrscheinlich ein Angekok,[74] mit einem sehr gewitzten Ausdruck und würdiger Miene — machte uns nach großen Anstrengungen durch Zeichen verständlich, daß Einige von ihnen aus dem Norden gekommen seien und gen Süden ziehen wollten, während Andere aus dem Süden kämen und nach Norden zögen, sie wären einander zufällig begegnet, und nun kämen wir, und das sei doch höchst amüsant. Nun wollte er aber gern wissen, woher wir kämen; das war weit schlimmer, wir zeigten über das Meer und das Treibeis hinweg und deuteten, so gut wir es vermochten, an, daß wir letzteres durchbrochen hätten, daß wir im Süden an das Land gekommen seien und nun gen Norden zögen. Bei diesem Bericht setzten unsere neuen Freunde sehr bedenkliche Mienen auf, und nun wiederholte sich der Chor brüllender Kühe, — sie betrachteten uns wohl kaum als natürliche Menschen. So wurde die Konversation fortgesetzt, und wir unterhielten uns den Umständen nach ganz gut mit ihnen, aber für einen Unbetheiligten würde die Pantomime, die von uns aufgeführt wurde, einen sehr ergötzlichen Anblick abgegeben haben.
Ich will nicht gerade behaupten, daß alle die speckglänzenden Gesichter, die uns hier umgaben, sehr reinlich waren. Von Natur hatten ja freilich die meisten eine ziemlich gelbliche oder bräunliche Farbe, wie viel von der Farbe in diesen auffallend dunklen Gesichtern aber echt war, ist mir nicht ganz klar geworden. In einzelnen Gesichtern — besonders in denen der Kinder — hatte sich der Schmutz so festgesetzt, daß er ganz schwarze Krusten bildete, die an einzelnen Stellen anfingen abzufallen, und hier sah man die echte Hautfarbe hindurchschimmern. Bei den Frauen, besonders den jungen, die selbstverständlich hier — wie überall — sehr eitel sind, soll das Waschen nicht zu den Seltenheiten gehören, ja Holm beschuldigt sie sogar, „sehr reinlich zu sein“. Ohne mich näher auf diese Wäsche einzulassen, glaube ich, daß es genügt, wenn ich sage, daß sie als Waschwasser Urin verwenden. Derselbe Stoff scheint auch ein sehr beliebtes Parfüm zu sein und wird ebenfalls als Haarwasser benutzt. Dies sind die Schönheitsmittel, mit denen die Damen sich in jenen Gegenden für die jungen Männer schmücken.
Weshalb der Urin sich eines so großen Ansehens bei den Eskimos erfreut, daß er zu verschiedenen Zwecken in Gefäßen aufbewahrt wird, hat wohl seinen Hauptgrund darin, daß er die Fähigkeit besitzt, Fett aufzulösen, besonders wenn er alt wird, und nur mit Hülfe dieses Mittels ist es ihnen möglich, ihre eingefetteten Gesichter und Hände, sowie ihre Kleider zu reinigen, denn Seife hat man hier selbstredend nicht. Auf Grund seiner fettauflösenden Fähigkeit wird auch alter Urin zum Zubereiten von Fellen benutzt.
Hat man nichts Besseres zu thun, so giebt es keine beliebtere Beschäftigung, als sich mit den Händen auf dem Kopfe herumzufahren und sich bald hier, bald da in dem wahren Urwald von struppigem, rabenschwarzem Haar zu kraulen. Besonders bei den Männern ist der Haarwuchs sehr üppig und darf in der Regel wild wachsen, ohne beschnitten zu werden, — von Kämmen ist überall keine Rede. Zuweilen werden förmliche Jagden in diesen schwarzen Urwäldern veranstaltet, und die Jagdausbeute wird dann gewöhnlich sofort verzehrt. Nach Kapitän Holms Aussage soll es jedoch häufig geschehen, daß der Fang erst zur Besichtigung und Bewunderung herumgeschickt und von jedem Einzelnen der im Zelte Anwesenden besichtigt wird, worauf man ihn dem Eigenthümer zurückgiebt, der ihn mit sichtlicher Befriedigung verzehrt. Uns war es leider nicht vergönnt, Zeugen eines so interessanten Schauspiels zu sein. Uebrigens scheint es, als ob die meisten Menschen in jenen Gegenden ihre eigenen Koloniebewohner mit sich herumtragen. Als Eigenthümlichkeit ist zu erwähnen, daß Flöhe bei den eigentlichen Eskimos gar nicht vorkommen. Dies Ungeziefer können wir Europäer ihnen noch mitbringen, und auf der Westküste von Grönland ist dies auch der Fall gewesen, — dort nennt man die Flöhe europäische Läuse.
Es scheint beinahe, als ob die Eskimos bei diesen ihren Bewohnern ganz gut gedeihen, denn erstens gewährt ihnen die Jagd eine kleine Zerstreuung in müßigen Stunden, und dann scheinen ihnen die Thierchen ganz vorzüglich zu munden, ja sie werden sogar als Leckerbissen betrachtet.
Zuweilen sollen die Eskimos auch besondere Fangapparate für diese Thiere konstruirt haben. Sie bestehen aus Holzstöcken, an denen ein Büschel Hasenwolle befestigt ist, und die vom Halse herab zwischen die Kleider und die Haut gesteckt werden, wo sie eine Weile sitzen bleiben. Daß diese Thiere allmählich in diese feine, weiche Wolle hineinkriechen, ist nicht so unwahrscheinlich, und man soll auf diese Weise oft einen sehr guten Fang machen können.
Nach allem, was ich hier erzählt habe, muß man zu der Anschauung gelangen, daß diese Menschen einen äußerst abstoßenden Eindruck machen. Aber dies ist keineswegs der Fall; — hat man sich erst über ihre eigenthümliche äußere Erscheinung hinweggesetzt, beachtet man die Neigung der Hände, bald in die Nase, bald in die Ohren, bald in das Haar zu fahren, nicht mehr, vergißt man den Schmutz in ihrem Gesicht, — wozu, nebenbei bemerkt, wir Theilnehmer an der Expedition allen Grund hatten, — gewöhnt man sich an die Atmosphäre und betrachtet man ihre Wirthschaftsgegenstände nicht allzugenau, — so wirken diese Menschen durchaus anziehend. Man befindet sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft, es ist etwas angenehm Berührendes, Natürliches und Echtes in ihrem Thun und Sein.