Ob sie hübsch sind? Das ist ja bekanntlich eine Frage, die sehr schwer zu beantworten ist, da die Auffassung in dieser Hinsicht eine äußerst verschiedene ist. Wenn wir ein bestimmtes Schönheitsideal, z. B. das griechische, nehmen, dann ist die Sache bald erledigt. Formen, die nach der Richtung hingehen, findet man an der Ostküste von Grönland wohl kaum. Können wir uns aber ein wenig von dem Schönheitstypus lossagen, den wir von unseren Vorfahren ererbt haben und anbeten und darüber einig werden, daß schön ist, was uns gefällt, — da wird die Frage weit schwieriger zu erledigen sein. Ich glaube, wenn man länger mit diesem Volk zusammengelebt und sich ein wenig an dasselbe gewöhnt hat, wird man einige sowohl schön als auch anziehend finden. Uebrigens giebt es auch Gesichter, die selbst nach europäischem Geschmack hübsch genannt werden können. So sah ich z. B. eine Frau, die mich lebhaft an eine gefeierte Schönheit erinnerte, und nicht mir allein fiel diese Aehnlichkeit auf, auch einer der Gefährten, der die betreffende Dame kannte, bemerkte sie. Ich bin fest überzeugt, daß die Herren diese Eskimodame umschwärmen, und sie nicht allein im höchsten Grade pikant, sondern auch außerordentlich hübsch finden würden, falls sie sich in eleganter Toilette in einem europäischen Salon zeigte.
Eine ostgrönländische Eskimoschöne in reiferem Alter.
(Nach einer Photographie.)
In der Regel sind die Gesichter rund mit breiten, vorstehenden Backenknochen und besonders bei den Frauen sehr fett. Die Wangen stehen oft vollständig vor und strotzen von Fülle. Die Augen sind dunkel und liegen ein wenig schräg, die Nase ist flach, zwischen den Augen schmal und nach unten zu breit. Das ganze Gesicht macht oft den Eindruck, als sei es flach gedrückt und in die Breite gegangen. Bei den Frauen und besonders bei den Kindern ist es oft so flach, daß man sehr gut ein Lineal von der einen Wange zu der anderen legen kann, ohne in auffallender Weise mit der Nase in Kollision zu kommen, ja bei einigen Kindern bildet die Nase förmlich eine Art von Vertiefung mitten im Gesicht. Daraus wird man ersehen können, daß bei Vielen von einer eigentlichen Schönheit nach europäischen Begriffen nicht die Rede sein kann, aber das ist auch nicht die Art und Weise, auf welche die Eskimos anziehend erscheinen. Es liegt in ihren rundlichen, abgestumpften, fettglänzenden Zügen etwas so Freundliches, Zufriedenes und Gemüthliches, daß sie anziehend wirken müssen. Ihre Glieder, sowohl Hände und Füße, sind auffallend klein und wohlgestaltet; ihre Formen sind im ganzen rundlich, ebenso ihre Bewegungen, — man stößt sich an nichts Eckigem, und ebenso ist es mit ihrem Leben. Dem Eskimo sind seine eigenen Frauen die schönsten und zwar je fetter, desto schöner. Ich glaube daher kaum, daß die europäischen Schönheiten sich Hoffnung machen können, an der Ostküste Grönlands den Preis zu erringen. Es herrscht dort im übrigen auch kein Mangel an Damen.
Das Haar der Eskimos ist rabenschwarz. Bei den Männern wird es oft mit einer Perlenschnur aus der Stirn gehalten und fällt frei über die Schultern herab. Man hält es für gefährlich, etwas von seinem Haar zu verlieren. Bei Einzelnen, die keine Perlenschnur besitzen, wird es über den Augen oder um den ganzen Kopf herum mit den Kiefern eines Eishaies beschnitten, denn infolge ihres Aberglaubens darf Eisen unter keiner Bedingung mit dem Haar in Berührung kommen. Eigenthümlich ist die Sitte, welche erheischt, daß ein Mann, der in seiner Jugend sein Haar beschnitten hat, sein ganzes Leben lang damit fortfahren und dabei viele Formalitäten beobachten muß. Die Frauen binden das Haar am Hinterkopf in einem Knoten auf, der mit einem Stück Fell umwickelt wird und so steif wie möglich vom Kopf abstehen muß. Dies gilt natürlich besonders für die jungen, unvermählten Damen, und um es zu erreichen, ziehen sie das Haar so stramm aus der Stirn und den Schläfen, daß es zuletzt ausfällt und sie in sehr jungem Alter kahl werden — ein solcher Kopf ist keineswegs ein schöner Anblick —, aber dann sind sie meistens schon längst verheirathet und versorgt, und da hat es ja keine Noth mehr. Für eine Eskimodame, die zur guten Gesellschaft gehört, ist es ebenso nothwendig, das Haar aus der Stirn zu ziehen wie für eine europäische Weltdame, daß sie sich schnürt. Sie sind sich insofern gleich, nur ist die Neigung der Eskimos weit unschuldiger und bedeutend weniger schädlich, als die der europäischen Damenwelt.
In dem Zelt, in welchem wir uns befanden, hatten die Frauen durchgehends schönere, oder richtiger gesagt, weniger häßliche Gesichter als die Männer, die freilich auch gut und freundlich aussahen. Sie waren wie gewöhnlich bartlos mit Ausnahme eines Einzigen, der einen kleinen dünnen schwarzen Bart über der Oberlippe hatte.
Als wir eine Weile dagesessen hatten, erhob sich einer der Väter des Zeltes und ging hinaus. Nach einer Weile kehrte er wieder mit einem langen Fangriemen von Seehundshaut zurück, den er, auf der Pritsche sitzend, auseinander zu rollen begann. Ich betrachtete diese Anstalten ganz verwundert, da ich nicht begreifen konnte, was er damit wollte; dann aber zog er ein Messer hervor und schnitt ein großes Stück ab, das er einem von uns überreichte. Dann schnitt er ein ebenso großes Stück ab, das er einem Anderen von uns gab, und so weiter, bis wir alle Sechs unser Ende erhalten hatten. Als diese Arbeit beendet war, sah er uns lächelnd an, äußerst zufrieden mit sich und mit der ganzen Welt. Darauf erhob ein Anderer sich, ging hinaus und kam mit einem Stück Seehundsriemen zurück, das uns auf ähnliche Weise zertheilt wurde, ein Dritter, ein Vierter und ein Fünfter folgten seinem Beispiel, bis wir Alle eine ganze Anzahl von Seehundsfellriemen hatten. Die armen Menschen gaben uns das Beste, was sie hatten, in dem Glauben, daß wir Gebrauch davon machen könnten. Es waren Fangriemen, vermittelst welcher man die Fangblase an den Harpunenspitzen befestigt, da sie auffallend stark sind.
Nachdem diese Mildthätigkeit beendet war, saßen wir eine Weile schweigend da und sahen einander an. Ich wartete, daß sie ein Zeichen machen würden, um anzudeuten, daß sie Gegengeschenke von uns erwarteten. Nach einer Weile erhob sich auch der Erste und kam mit etwas zum Vorschein, das er augenscheinlich wie ein seltenes Kleinod bewahrte. Es war nichts Geringeres als eine alte, verrostete, schwerfällige Büchse mit dem merkwürdigsten Hahn, der mir je vor Augen gekommen ist. Er bestand aus einem großen Stück Eisen, in das ein Loch gebohrt war, wohinein man den Finger steckte, um den Hahn zu spannen. Wie ich später erfuhr, war dies die Form der Büchsen, die gewöhnlich auf Grönlands Westküste verwendet und die speciell zur Benutzung in den Kajaks angefertigt werden. Nachdem er uns das Kuriosum mit großem Stolz gezeigt hatte und nachdem wir pflichtschuldigst unserer Bewunderung Ausdruck gegeben hatten, machte er einige sehr bezeichnende Geberden, daß er nichts habe, was er dahinein thun könne. Ich that eine Weile, als verstehe ich seine Absicht nicht, als dies aber nicht länger anging, mußte ich ihm begreiflich machen, daß ich keine Munition für seine Büchse habe. Er setzte ein sehr enttäuschtes, trauriges Gesicht auf und verwahrte die Büchse wieder. Merkwürdigerweise äußerte keiner der Anderen den Wunsch, daß sie irgend eine Erstattung für das uns Geschenkte wünschten. Sie waren die personifizirte Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit, aber auch sie hatten sicher den Hintergedanken, daß sie Bezahlung für ihre Gaben erhalten würden, was auch selbstverständlich am nächsten Tage der Fall war.
Die Gastfreundschaft bei diesen Menschen an der öden Küste Ostgrönlands kennt übrigens keine Grenzen: selbst ihren ärgsten Feind können sie gut behandeln und mehrere Monate bei sich behalten, wenn die Verhältnisse ihn zu ihnen führen. Die Natur und ihr Nomadenleben hat sie gezwungen, Gastfreundschaft zu üben und anzunehmen, und diese Tugend ist bei ihnen ein Gesetz geworden.
Als wir uns so lange im Zelte aufgehalten hatten, wie wir wünschten, was in Bezug auf einige der Gefährten, wie bereits erwähnt, nicht allzu lange war, begaben wir uns wieder ins Freie.