Wir suchten uns einen Lagerplatz auf einer Fläche in der Nähe des Landungsplatzes aus und brachten unsere Habe ans Ufer. Sofort stürzte eine Schar von Eskimos auf die Böte, und unzählige Hände griffen diensteifrig zu, um unsere Kisten und Säcke den Berg hinauf zu tragen. Jeder Gegenstand wurde mit Ausrufen des Staunens betrachtet, man lachte und amüsirte sich königlich. Besondere Freude und Bewunderung erregten die großen, blanken Blechkasten, in denen wir zum Theil unsern Proviant aufbewahrten, sie gingen von Hand zu Hand, wurden genau untersucht und an allen Ecken und Kanten befühlt.

Bald waren die Böte leer, und wir wollten sie hinaufziehen, aber sofort griffen Alle zu. Man warf die Fangleine ans Land, und nun zogen wohl 20-30 Mann, die in einer langen Reihe an den Berg hinauf standen, um das leere Boot ans Ufer zu bringen. Das war ein Vergnügen! Und als einer von uns auf gewöhnliche Seemannsart anfing zu singen: „Alle Mann auf einmal hoi! o hoi!“ — da erreichte die Freude ihren Höhepunkt, man stimmte mit ein und lachte, Groß wie Klein, so daß man fast nicht mehr ziehen konnte. Wir waren ihrer Ansicht nach sicher höchst amüsante Geschöpfe. Bald waren die Böte oben, und wir konnten unser Zelt aufschlagen. Dies mußten sie sehen, denn nichts interessirt die Eskimos so wie das, was sich mit ihrer eigenen Lebensweise berührt, wie z. B. das Zelt, die Böte und dergl. Das Merkwürdige hierbei erscheint ihnen nämlich nicht überwältigend, das können sie begreifen, und so konnten sie zur Genüge die schnelle Art und Weise bewundern, mit der wir unser kleines Zelt aufschlugen, das so weit einfacher war wie ihre großen, komplizirten Fellzelte, dagegen jedoch lange nicht so warm.

Auch unser Anzug erregte natürlich ihr Staunen, besonders schien die Kleidung der Lappen ihren Beifall zu haben. Die hohen viereckigen Mützen mit den vier Hörnern und ihre weiten, hemdähnlichen Kittel mit rothen und gelben Kanten, — das war etwas ganz Merkwürdiges! — Wie stieg aber das Staunen, als sie sich am Abend in ihren Rennthierwämsern zeigten! Da mußten sie Alle hin und sie befühlen und an den Haaren dieses wunderlichen Felles zupfen, denn so etwas war ihnen noch niemals vorgekommen; dies war ja kein Seehundsfell, kein Bärenfell, auch kein Fuchsfell, — sollte es etwa Hundefell sein? Auf die heulenden Hunde zeigend, fragten sie mit Zeichen und Gebärden, ob es dergleichen sei, aber das war nicht der Fall, und damit war ihre Phantasie erschöpft. Balto redete und machte mit den Händen einige sehr bezeichnende Bewegungen über den Kopf, die das Geweih der Rennthiere vorstellen sollten, aber nein, — hier stand ihr Verstand still. Rennthiere hatten sie augenscheinlich niemals gesehen, diese kommen an dem Theil von Grönlands Ostküste, wo sie leben, nicht vor.

Ein Eskimoknabe von Kap Bille.
(Nach einer Photographie.)

Wir vertheilten unsere Rationen und nahmen unsere Abendmahlzeit vor der Zeltthür ein, umgeben von einem großen Publikum. Dort standen Männer, Weiber und Kinder in dreifachem Kreise, aufmerksam beobachtend, wie jeder Bissen Biskuit zum Munde geführt wurde.

Wir konnten es nicht beachten, daß ihnen bei diesen Leckerbissen das Wasser im Munde zusammenlief, denn wir hatten nicht mehr Brot, als wir selber gebrauchten, und wenn wir an alle diese austheilen wollten, so hätten wir tief in den Brotkasten greifen müssen: angenehm war es freilich nicht zu essen, während so viele Blicke jeden Bissen trocknen Biskuits förmlich verschlangen. Als wir gegessen hatten, gingen wir ein wenig umher und sahen uns im Lager um.

Unten am Strande lag eine Anzahl Kajaks sowie ein paar Frauenböte, die für mich natürlich ein großes Interesse hatten. Besonders einer der Männer war sehr eifrig bemüht, mir alles zu zeigen. Jeder Gegenstand, auf den mein Auge fiel, wurde mir sofort durch Gebärden erklärt. Vor allen Dingen war ihm sehr daran gelegen, mir seinen Kajak zu zeigen, der schön mit Knochen verziert war, und alle seine Waffen, die sich in gutem Stand befanden und reich mit Knochenschnitzereien geschmückt waren. Sein größter Stolz war jedoch seine Harpune, die, wie er mir triumphirend zeigte, eine lange Spitze aus dem Zahn eines Narwals hatte. Er erklärte mir auch sehr anschaulich, wie das Wurfbrett benutzt wird, und wie die Harpune vermittelst derselben mit größerer Kraft geschleudert werden kann. Auf seine Waffen und seinen Kajak ist übrigens jeder Eskimo stolz und auf ihre Verzierung legt er großes Gewicht.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, die Nacht war hereingebrochen und das wunderbar Märchenhafte dieser ganzen Scene und dieser Menschen, die an allen Ecken und Kanten von Eis und Schnee umgeben sind, trat jetzt nur noch mehr hervor.

Dunkle Gestalten bewegten sich auf dem Berge hin und her, am eigenthümlichsten nahm sich die Silhouette der Frauen aus, die ihre Kinder in den Amauten[75] trugen, sie sahen aus, als trugen sie große Buckel auf dem Rücken. Durch die dünnen Darmvorhänge drang aus jedem Zelt ein röthlicher Schimmer, welcher der Scenerie einen eigenartigen Anstrich von Gemüthlichkeit und Wärme verlieh, und der die Gedanken weit fortschweifen ließ. Er glich dem Schein von bunten Papierlaternen und erinnerte unwillkürlich an illuminirte Gärten und Sommerfeste in der Heimath. Aber hinter diesen Vorhängen lebte ein sorgloses, glückliches Volk, das vielleicht mindestens ebenso glücklich war, wie manche Völker jenseits des Oceans.