Es wurde allmählich Zeit, unsere Kojen aufzusuchen. Wir bedurften der Ruhe gar sehr, denn in den letzten vierundzwanzig Stunden hatten wir nur wenig Schlaf bekommen. Wir breiteten unsere Schlafsäcke auf den Boden des Zeltes und rüsteten uns zum Schlafengehen. Dieser Prozeß war abermals von größtem Interesse für die Eskimos, es sammelte sich sofort ein dichter Kreis von Zuschauern um unsere Zeltthür. Ich muß gestehen, es waren nicht Männer allein, — auch das schöne Geschlecht war sehr stark vertreten; es schien sie nicht im mindesten zu geniren, daß wir ein Kleidungsstück nach dem andern ablegten, bis wir schließlich fast ganz entblößt dastanden. Aber was sollten wir nur anfangen? Es würde nicht sehr höflich gewesen sein, wenn wir die Damen gebeten hätten zu verschwinden; und wenn wir ihnen hätten auseinandersetzen wollen, daß es nach unseren Begriffen sehr anstößig sei, wenn Damen beim Auskleiden der Herren zugegen sind, so würden wir, falls es uns überhaupt gelungen wäre, uns verständlich zu machen, sicher ihr Staunen und ihre Entrüstung hervorgerufen haben: auf der anderen Seite war es doch zuviel verlangt, daß wir aus diesem Grunde ganz auf unsere Nachtruhe verzichten sollten. Also gingen wir mit Todesverachtung an unser Werk.
Große Heiterkeit erregte es, als wir schließlich in unsere Schlafsäcke krochen und ein Körper nach dem andern verschwand, bis von der ganzen Expedition nichts als sechs Köpfe mehr sichtbar war; — dann wurde die Zeltthür zugezogen und gute Nacht gesagt!
Eskimo von Kap Bille. (Nach einer Photographie.)
Diese Nacht konnten wir ruhig und ohne Wache schlafen, und wir schliefen gut trotz Hundegeheul und Spektakel. Erst spät am Morgen erwachten wir und hörten die Eskimos, die sich draußen geschäftig hin- und herbewegten. Durch die Spalte in der Zeltthür konnten wir sie sehen, wie sie ungeduldig auf- und niedergingen, voller Erwartung, daß die Zeltthür sich öffnen würde, damit sie ihre Augen wieder an all dem Wunderbaren dadrinnen weiden könnten. Wir sahen, daß sie heute — wahrscheinlich uns zu Ehren — ihre besten Kleider angelegt hatten. Ihre reinen weißen Ueberziehjacken oder Hemden aus Darmhäuten leuchteten aus der Ferne wie weiße Leinewand, und sie wandelten auf und ab, sich an ihrer eigenen Pracht ergötzend. Bei unsern Böten stand eine ganze Versammlung, Einige von ihnen waren hinaufgeklettert, Andere von ihnen standen ringsumher, und jeder einzelne Gegenstand, jeder Eisenbeschlag wurde befühlt und untersucht; nichts aber wurden beschädigt. Dann wurde die Zeltthür geöffnet, und sofort scharten sich mehrere Kreise von Zuschauern um dieselbe, einer hinter dem anderen, man stellte sich auf die Zehen, sie standen Kopf an Kopf da, um zu sehen, wie wir in unsern Säcken lagen, wie wir herauskrochen, und wie jedes einzelne Kleidungsstück angelegt wurde. Das größte Staunen und die größte Verwunderung erregte ein bunter Gürtel, den Kristiansen trug, und der mit strahlend bunten Perlen geschmückt und mit einer großen Messingschnalle auf dem Magen geschlossen war. Diesen Gürtel mußten sie in die Hand nehmen, nach allen Richtungen hin befühlen, und dann fingen sie natürlich wieder an, zu brüllen wie Kühe. Nachdem er seine Jacke angezogen hatte und vor dem Zelte stand, kam sogar ein Mann auf ihn zu, hob die Jacke in die Höhe, um den Gürtel zu sehen. Dann wurde unser Frühstück, das aus Biskuits und Wasser bestand, in tiefem Schweigen vor ihren Augen verzehrt, geradeso wie am vorhergehenden Abend.
Eskimo von Kap Bille.
(Nach einer Photographie.)
Nachdem wir gegessen hatten, machten wir einen Spaziergang ins Freie. Wir hatten uns vorgenommen, unser Leben an diesem Morgen ein wenig zu genießen und uns die Menschen genauer anzusehen, ehe wir weiter fuhren.
Ich versuchte, unbemerkt eine photographische Aufnahme von dem doppelten Zuschauerkreis, der unsere Zeltthür umringte, zu machen, als ich aber den Apparat auf sie richtete, wurden Einige von ihnen auf mein Thun aufmerksam, und nun stoben sie auseinander, als fürchteten sie, daß eine Gewehrsalve oder irgend eine andere Zauberei aus dem Apparat herausfahren werde. Gleich darauf machte ich einen Versuch, eine auf dem Berge sitzende Gruppe zu photographiren, aber mit demselben Resultat. Endlich wandte ich das Gesicht ab, that als beschäftige ich mich mit etwas ganz anderem, wodurch ich ihre Aufmerksamkeit theilweise ablenkte, und nun gelang es mir wirklich, einige Aufnahmen zu stande zu bringen.
Darauf machte ich einen Rundgang durch das Lager mit meinem photographischen Apparat. Vor einem kleinen Zelt, das abseits ganz für sich lag, traf ich eine ungemein freundliche Dame, die augenscheinlich die Hausfrau der Zeltfamilie war. Sie war verhältnißmäßig jung, hatte ein sympathisches Aeußeres, ein lächelndes Antlitz mit zwei schrägeliegenden schmeichelnden Augen, die sie auf eine höchst kokette, anziehende Weise zu benutzen wußte; ihre Kleidung war zwar nicht sehr elegant, was seinen Grund wohl darin hatte, daß sie bereits verheirathet und versorgt war. Auf dem Rücken in der Amaute trug sie ein kleines, schwarzes Kind, an dem sie große Freude zu haben schien; gleich vielen der anderen Mütter war sie eifrig bemüht, das Kind dazu zu bewegen, seine dunklen Guckäuglein aufzusperren und meine Wenigkeit anzuschauen. Dies war auch eine Art und Weise, sich beliebt zu machen; wir verkehrten überhaupt sehr gemüthlich miteinander, und es gelang mir, unbemerkt einige Bilder aufzunehmen. Dann kam der Hausherr aus dem Zelt und schien keineswegs überrascht zu sein, als er seine Gattin in einem tête à tête mit einem fremden Herrn antraf. Er hatte offenbar geschlafen, und da ihn das helle Tageslicht zu blenden schien, setzte er sich einen Schirm oder vielmehr eine große hölzerne Schneebrille über die Augen. Er war ein starkknochiger, treuherzig aussehender Mann; gegen mich war er sehr freundlich und zeigte mir viele seiner Sachen, besonders schien er sehr stolz auf seine Kajakmütze zu sein, die ich absolut aufsetzen mußte, während er ohne weiteres meine Mütze auf seinen Kopf setzte. Dies alles war mir sehr wenig angenehm. Ferner zeigte er mir sein Frauenboot und noch mancherlei anderes, bis ich weiterzog.