Der Abschied der Kajakmänner bei Kap Bille. — — Mehrere Kajaks flogen pfeilschnell hintereinander gen Süden.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)
Bald waren alle die großen Fellzelte abgebrochen und in die Böte geschafft. Es war erstaunlich, wie schnell die Eskimos sich zur Abreise rüsten konnten mit all ihrem irdischen Hab und Gut und ihrem ganzen Hausstand, aber da waren ja freilich auch viele Hände, die zugreifen konnten. Wir selber waren auch beinahe reisefertig, als einer unserer Säcke platzte und ein darin enthaltenes Gefäß mit Salz sich über einen großen Theil des Proviants ergoß. Dies mußte sofort wieder in Ordnung gebracht werden, weshalb unsere Abreise sich ein wenig verzögerte und wir von den Eskimos Abschied nahmen. Zwei Frauenböte gingen gen Süden, wo gutes Fahrwasser war, während zwei andere Frauenböte bald darauf in nördlicher Richtung hinter einer Landzunge verschwanden. Die Kajakmänner zögerten noch. Sie mußten noch etwas gründlicher und intimer Abschied voneinander nehmen, ehe sie sich — voraussichtlich auf mehrere Jahre — trennten, und nun wurden wir Zeugen der komischsten Scene, die mir in meinem ganzen Leben vorgekommen ist. Es waren wohl im ganzen zwölf Kajaks, die sich in schnurgerader Linie dicht nebeneinander legten, als marschirte eine Rotte Soldaten auf. Ich wurde auf dies sonderbare Manöver aufmerksam und war gespannt, was nun kommen würde. Aber ich sollte nicht lange in Ungewißheit bleiben, den nun wurden die Schnupftabakhörner herausgeholt und gingen von Mann zu Mann. War das ein Geschnupfe! Man öffnete das Horn und fuhr sich kräftig damit in die Nasen. Jedes Nasenloch wurde ganz voll Schnupftabak gepfropft. Es waren mehrere Hörner in Wirksamkeit, und jedes Horn machte zweimal die Runde. Man kann sich vorstellen, welche Quantitäten verbraucht wurden. Einige von ihnen niesten derartig, daß es mich wunder nahm, sie nicht mit ihren Kajaks kentern zu sehen. Ich wollte eine photographische Aufnahme von dieser Scene machen, da aber löste sich die Linie auf und ein Kajak nach dem anderen flog dahin durch das Eis. Es ist Sitte bei den Eskimos der Ostküste, sich gegenseitig mit Schnupftabak zu traktiren, — ungefähr wie die norwegischen Bauern sich gegenseitig in Schnaps zutrinken. In diesem Fall hatten nur Diejenigen, die aus dem Süden kamen und nach Norden gingen, etwas, womit sie traktiren konnten. Sie kamen scheinbar von den dänischen Kolonien am Kap Farvel, während die nach Süden Ziehenden sich offenbar auf der Reise dorthin befanden. Diese Geschäftsreisen unternehmen die Eskimos an dieser Küste leider häufig. Sie haben einen langen Weg bis zu dem Kaufmannsladen, um aus ihrer Heimath dorthin zu gelangen, gebrauchen Diejenigen, welche am nördlichsten wohnen, gewöhnlich ein paar Jahre.
Eine solche Geschäftsreise, hin und her, kann also vier Jahre währen, und man kann sich denken, daß die einzelnen Menschen in ihrem Leben nicht viele solcher Reisen machen können. Und doch geschieht es häufig genug, um einen schädlichen Einfluß zu haben. Nun sollte man annehmen, daß es das Bedürfniß nach einzelnen, ihnen nützlichen Dingen sei, welche die Eskimos zu diesen Reisen veranlaßte; das ist jedoch nicht zutreffend, denn die eigentliche Triebfeder ist ihre Sucht nach Tabak. Das Rauchen und Kauen des Tabaks kennt man an der Ostküste Grönlands nicht, dafür schnupft man aber stärker, als ich es je für möglich gehalten. Der Tabak wird gewöhnlich in Rollen gekauft, sog. Holländischer Rollentabak, zerschnitten und getrocknet — über der Lampe — und zwischen zwei flachen Steinen zerrieben. Man vermischt ihn mit feingestoßenem Kalkspat, mit Quarz oder dergl., um ihn zu verlängern, einige behaupten, daß dies geschieht, um ihn wirksamer zu machen (?).
[73] Indem die Eskimos den Ankommenden den Landungsplatz zeigen, ihre Sachen an Land tragen und das Boot auf den Strand ziehen, wie sie es mit uns thaten, zeigen sie, daß die Fremden ihnen willkommen sind. Ist dies nicht der Fall, so stehen sie still, ohne sich zu rühren. Vergl. „Mittheilungen aus Grönland“, 10. Heft, Kopenhagen 1888, Seite 171.
[74] So bezeichnen die heidnischen Eskimos ihre weisen Männer und Geisterbeschwörer.
[75] Die Amaute ist ein jackenähnlicher Kragen, der von den Frauen getragen wird, welche Säuglinge haben. Auf dem Rücken desselben befindet sich eine beutelähnliche Erweiterung, in der das Kind gut und warm ruht. Ein Riemen, der über der Hüfte um die Amaute gebunden wird, hindert das Kind, zu tief in den Beutel hinabzusinken; so kann es auf dem Rücken bei aller möglichen Arbeit mitgenommen werden, es geht mit der Mutter ins Gebirge, es begleitet sie beim Rudern etc. Eine Eskimo trennt sich nur selten von ihrem Säugling.
Kapitel XIII.
Weiter nordwärts an der Küste entlang.
ls wir endlich unsere Vorbereitungen zur Abreise getroffen hatten, waren alle Kajakmänner verschwunden bis auf einen einzigen, der so galant sein wollte, uns gen Norden zu begleiten. Die Scenerie war nun ebenso öde und leer, wie sie vor einer Stunde voller Leben und Bewegung gewesen war, — statt auf Zelte, Hunde und Menschen schien die Sonne jetzt auf Eis, Schnee und kahle Felsen herab.
Wir nahmen unsern Kurs nordwärts an der Küste entlang. Das Fahrwasser war anfangs offen, und wir holten tüchtig mit den Rudern aus, denn die Anderen hatten einen langen Vorsprung, und da wir uns einen großen Vortheil von ihrer Kenntniß des Fahrwassers und der Eisverhältnisse versprachen, so wollten wir die Reise gern in ihrer Gesellschaft fortsetzen. Es währte denn auch nicht lange, bis wir sie eingeholt hatten. Sie lagen im Schutz einer Landzunge und schienen unschlüssig zu sein. In dem einen Boot erhoben sich einige Frauen und winkten uns zu. Als wir näher kamen, forderten sie uns durch Zeichen auf, vorauszurudern und ihnen einen Weg zu bahnen, denn das Eis war ziemlich dicht. Dies war allerdings das Gegentheil von dem, was wir erwartet hatten, aber wir glitten ruhig an ihnen vorüber zwischen zwei mächtigen Eisschollen hindurch, die dicht nebeneinander lagen und die sich scheinbar nicht aus der Stelle rücken ließen. Sie hatten den Eskimos den Muth benommen. Als wir uns indessen, ohne anzuhalten, mit unserm ersten Boot dazwischen klemmten, und, theils das Boot als Keil benutzend, theils mit Hülfe unserer langen Bambusbootshaken, mit denen wir alle Sechs auf einmal ausholten, diese Ungeheuer wirklich auseinander trieben, — da kannte ihr Staunen keine Grenzen und ihr Gebrüll stand natürlich im Verhältniß dazu. Jetzt bahnten wir uns unsern Weg weiter durch das Eis, das einigermaßen passirbar war. Dann kamen die beiden Frauenböte der Eskimos und zu beiden Seiten folgten 4 Kajakmänner. Jede Bewegung, die wir machten, wurde von lebhaftem, anhaltendem „Gebrüll“ begleitet, — ich will nicht behaupten, daß es die schönste Musik war, die ich gehört habe.