Viel Vergnügen gewährte es uns zu beobachten, wie die Kajakmänner schnupften. Besonders einer von ihnen zeichnete sich in dieser Beziehung aus. Ich glaube, er hielt alle zehn Minuten an, um sein ungeheures Horn hervorzuholen und beide Nasenlöcher vollzustopfen, und dann nieste er, daß es mir unerklärlich war, wie er sich in seinem Kajak im Gleichgewicht halten konnte. Wenn er uns dann wieder ansah, während ihm Schnupftabak und noch sonst allerlei über die Oberlippe rann und ihm die Thränen die Backe hinabliefen, da war sein joviales Gesicht so unbezahlbar, daß wir ihn regelmäßig mit einem herzlichen Gelächter begrüßten, wozu er nickte und lächelte, als wenn er sehr damit einverstanden sei. Und dann wurde von beiden Seiten das einzige Wort gerufen, das wir behalten konnten, nämlich pitssak’ase. Wir meinten, daß es „schöne“ oder „herrliche Fahrt“ bedeute, denn es wurde uns bei jeder Gelegenheit zugerufen, sowohl wenn wir das Eis durchbrachen, als wenn wir durch das offene Wasser hindurchruderten. Als wir später an die Westküste kamen, erfuhren wir von den Eskimos dort, daß es so viel bedeutet als „Ihr seid geschickt“ oder auch: „Ihr seid gut, Ihr seid freundlich.“
Die großen Böte der Eskimos, die sog. Frauenböte (auf Eskimoisch heißen sie „Umiak“) werden bekanntlich nur von Frauen gerudert. Bei den unvermischten Eskimos gilt es als unter der Würde eines Mannes, in ihnen zu rudern. Ein Mann — gewöhnlich das Oberhaupt einer Familie — muß es dagegen steuern, und zwar ist es seine Pflicht, sich darin aufzuhalten, obwohl alle Seehundsfänger am liebsten in ihren Kajaks fahren. Diese Frauenböte sind ungefähr dreißig Fuß lang oder darüber, an der Ostküste Grönlands pflegen sie kürzer zu sein als an der Westküste, da hier stets so viel Treibeis ist, daß ein längeres Boot schwer zu handhaben wäre, — überall sind diese Böte im Treibeis schwer zu hantiren.
Als wir alle 6 Mann auf einmal zugriffen, mußte das Eis weichen.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)
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GRÖSSERES BILD
Die Frauen in den beiden Böten, die uns begleiteten, ruderten ohne regelmäßigen Takt und auf höchst eigenthümliche Art. Sie fingen mit einigermaßen schnellen Schlägen an, mit einem passenden Moderato, dann aber wurde der Takt schneller und schneller, die Ruderschläge kürzer und kürzer, sie hoben die Körper ganz von den Sitzen auf, so daß sie fast bei jedem Schlag in den Böten standen, wodurch das Ganze ein merkwürdig hüpfendes Aussehen bekam. Plötzlich, mitten im besten allegro vivace, hält man inne, man verpustet sich einen Augenblick, und dann beginnt dieselbe Geschichte wieder von neuem. Ein solcher Ruck währt immer nur wenige Ruderschläge, man fährt aber ununterbrochen damit fort. Die kurzen Ruder sind wohl zum Theil schuld an dem auffallend kurzen Takt. Auf diese eigenthümliche Weise kommen sie aber doch sehr schnell vorwärts. Im offenen Wasser nahmen sie es mit uns auf, was auch kein Wunder war, wenn man bedenkt, daß in unsern Böten nur 2 Mann an den Rudern saßen, während sich in jedem der ihren bis zu 7 rudernde Frauen befanden. Einmal gewannen sie einen kleinen Vorsprung vor uns. Als wir sie einholten, waren sie abermals von festem Eis aufgehalten, und einige der Frauen winkten uns zu, daß wir ihnen zu Hülfe kommen möchten. Wir kamen denn auch mit unsern langen Bootshaken herbei und mußten laut auflachen, als wir einen Eskimo dastehen und mit einem Stock auf eine Eisscholle losschlagen sahen. Es lag etwas so unendlich Macht- und Hoffnungsloses in der Art und Weise, wie er so allein dastand. Es fiel natürlich keiner von den Frauen in den Böten, keinem der Männer in den Kajaks ein, ihm zu Hülfe zu kommen. Wir griffen alle sechs Mann zu, und das Eis wich zurück, so daß unsere Böte hindurch kommen konnten. Wir ruderten weiter, während die Frauenböte infolge ihrer Länge in Verlegenheit kamen und große Beschwerde hatten, sich durchzuarbeiten. Es war übrigens oft der Fall, daß sie festsaßen, wo wir ihnen mit unsern kürzeren Böten schon den Weg gebahnt hatten; auf diese Weise hätten wir oft einen langen Vorsprung gewinnen können, wenn wir nicht gewartet hätten. Mit großem Staunen machte ich diese Erfahrungen, die in krassem Widerspruch zu dem Lob stehen, das in der Heimath von allen Seiten diesen Frauenböten gespendet wird. Sowohl Kapitän Holm als Kapitän Garde sagen, daß eine Reise an Grönlands Ostküste entlang ohne dieselben eine Unmöglichkeit ist. Dieser Ansicht sind die Dänen übrigens schon seit langer Zeit gewesen. Sie haben selbst keine oder doch nur wenig Erfahrung in der Führung eines Bootes durch das Treibeis gehabt und haben infolgedessen die Ueberlegenheit der Eskimos anerkannt; da diese jedoch nur Frauenböte haben, liegt es nahe, dieselben für die besten zu halten und auch die aus Eskimos bestehende Besatzung beizubehalten. Meiner Erfahrung nach verhält sich jedoch die Sache gerade umgekehrt. Europäische Böte mit einer tüchtigen europäischen Mannschaft, die an dies Leben gewöhnt ist, sind im Treibeis bei weitem vorzuziehen. Die Behauptung, daß ein europäisches Boot nicht genug tragen kann, ist völlig unbegründet.
Da der Tag zur Neige ging, mußten wir Europäer ein wenig Nahrung zu uns nehmen. Wir machten deswegen Halt, um unsere Rationen auszutheilen. Die Eskimos, die ein merkwürdiges Talent zum Fasten haben, zogen indessen weiter. Nur zwei Kajakmänner blieben bei uns zurück, um uns essen zu sehen. Zur Belohnung erhielten sie einige Stücke „Knäkkebrot“, worüber sie sich sehr freuten.
Bald hatten wir die Andern so weit wieder eingeholt, daß wir sie vor uns sehen konnten. Wir bemerkten, daß ein paar Kajakmänner an der Nordseite der Ruds-Insel ans Land gegangen waren und von einem Vorgebirge aus in nördlicher Richtung über das Eis und das Meer spähten. Das waren schlimme Zeichen! Wahrscheinlich war das Eis unpassirbar. Sie setzten ihren Weg jedoch fort, ehe wir sie erreichen konnten, und ruderten über den Fjord, der zwischen der Insel und dem Festlande liegt. Indessen hatte das Wetter sich verändert, dunkle Wolken zogen am Himmel herauf, und es fing an zu regnen. Wir zogen unsere braunen Regenkleider an und ruderten getrost weiter, waren aber noch nicht weit vom Lande entfernt, als wir die Eskimoböte auf uns zukommen sahen. Alle Frauen zeigten mit bekümmerten Mienen gen Himmel, auch die Männer machten uns Zeichen zu, daß das Eis vor uns dicht und schwierig sei, wir müßten Alle auf der Insel an Land gehen, um unsere Zelte aufzuschlagen und zu übernachten. Ich bedeutete ihnen indessen durch Zeichen, daß wir weiter wollten, aber sie erklärten, es sei ganz unmöglich, vorwärts zu kommen. Hierüber hatte ich nun meine Zweifel, aber ich wollte nicht weiter gehen, ehe ich an Land gewesen war, um die Verhältnisse von einem Felsen aus selbst in Augenschein zu nehmen. Infolgedessen ruderten wir Alle zurück, die Frauenböte richteten ihren Kurs auf die Innenseite der Insel, während wir auf die nächste Landzunge zusteuerten. Als einer der Kajakmänner dies sah, folgte er uns, um die ganze Ueberredungskunst anzuwenden, die er durch Zeichen zu entfalten vermochte. Es nützte ihm jedoch nichts, denn sobald ich das Land erreicht hatte, sprang ich auf einen Felsvorsprung und entdeckte nun, daß das Fahrwasser, so weit ich mit dem Fernrohr sehen konnte, einigermaßen gut aussah; damit war es denn bestimmt, daß wir weiter zogen. Als der Eskimo einsah, daß all seine Mühe vergeblich war, ruderte er tiefbetrübt von dannen. Zum Abschied schenkte ich ihm noch eine Blechdose, was seinen Kummer sehr zu mildern schien. Es war ganz klar, daß einzig und allein der Regen die Eskimos zur Umkehr bestimmt hatte. Sie wollten nicht gern naß werden, besonders die Frauen nicht, was man ihnen ja auch nicht verdenken konnte, um so weniger als einige von ihnen Säuglinge in ihren Amauten auf dem Rücken trugen. Daß sie ihr Möglichstes thaten, um uns ebenfalls zur Umkehr zu bewegen, war auch nicht zu verwundern, — wir waren so merkwürdige Menschen, daß sie gern noch eine Weile mit uns zusammen bleiben mochten, außerdem konnte vielleicht das eine oder das andere für sie dabei abfallen.
Aussicht aus dem „Adlerhorst“ gegen Süden.
(Nach einer Photographie.)