So zogen wir denn weiter, ganz stolz auf unsern Muth, während die Eingeborenen, die doch das Fahrwasser kannten, zurückblieben. Eine ganze Weile ging auch alles gut, und unser Muth wuchs mehr und mehr; in der Mitte des Fjords angelangt, sollten wir jedoch empfinden, daß es kein Kinderspiel war, auf das wir uns eingelassen hatten. Das Eis lag hier ziemlich dicht, und eine reißende Malströmung wirbelte die großen Schollen derartig herum, daß es nicht mehr angenehm war. Bald prallten diese Kolosse gegeneinander, bald wichen sie zurück, und man mußte noch vorsichtiger als gewöhnlich sein, wenn man unbeschädigt mit den Böten hindurchkommen wollte. Und je weiter wir kamen, desto schlimmer wurde die Situation. Einmal waren wir zwischen zwei lange Schollen gerathen, die plötzlich, von anderen Schollen getrieben, mit gewaltiger Macht gegeneinander gestoßen wurden. Durch einen schnellen Rückzug entgingen wir noch im letzten Augenblick dem sichern Verderben. Gegen Abend, als es bereits dunkelte, erreichten wir glücklich die andere Seite des Fjords, hier war das Ufer jedoch sehr steil, und es fiel infolgedessen nicht leicht, einen Zeltplatz zu finden. Es gelang uns, die Böte — nachdem wir sie entleert hatten — vermittelst eines starken Takels in eine Felsschlucht hinaufzuziehen. Ein wenig aufwärts von dieser Schlucht fanden wir einen Felsabsatz, der groß genug war, um unser Zelt aufzunehmen. Das Ganze hatte eine große Aehnlichkeit mit einem Adlernest, das an einem Felsen hängt, deshalb tauften wir den Ort „Adlershorst“ (auf Eskimoisch heißt es übrigens Ingerkajarfik und liegt auf dem 62° 10′ N. Br. und dem 42° 12′ W. L. auf dem Festlande).

Der Felsabsatz, der den Boden des Zeltes bildete, gab nicht gerade den angenehmsten Schlafplatz ab, der mir vorgekommen ist. Er war so abschüssig, daß wir uns am Morgen, als wir nach einem erquicklichen Schlummer erwachten, an der einen Ecke des Zeltes übereinanderliegend fanden.

Am nächsten Tage schien die Sonne wieder, es war das herrlichste Wetter. Gerade vor uns, im Süden, fiel ein mächtiger Eisgletscher steil ins Meer hinab; seine wilden zerrissenen Klüfte spielten im Sonnenlicht in den märchenhaftesten Farben.

Wir nahmen unser Frühstück in aller Eile ein und ließen die Böte hinab, beluden sie und zogen, nachdem wir eine photographische Aufnahme von der südlichen Landschaft gemacht hatten, durch leidliches Fahrwasser weiter. Ueberall stießen wir auf Treibeis, aber es war doch so weit offen, daß wir in der Regel mit ziemlicher Leichtigkeit hindurchkommen konnten.

Etwas über die Mittagszeit hinaus erreichten wir eine kleine Insel, die vor dem Mogens Heinesens Fjord lag, dort legten wir in einem vorzüglichen Hafen an um unser Mittagessen einzunehmen. Diese Insel schien uns der schönste Fleck zu sein, den wir auf der Oberfläche dieser Erde gesehen hatten. Sie war grün bewachsen mit Gras, Heidekraut, Säuregras, Blumen in verschiedenen Farben etc. Oben auf der Höhe fanden wir zwei Ruinen von Eskimobehausungen, und dort war die Vegetation besonders üppig, und wir empfanden ein ungeheures Wohlbehagen, als wir uns in dem hohen Gras ausstrecken und von der brennendheißen Sonne bescheinen lassen konnten. Wir genossen diese süße Ruhe eine kurze Weile, dann pflückten wir uns einige Blumensträuße zur Erinnerung an dies kleine grönländische Idyll, bestiegen unsere Böte und setzten die Reise gen Norden fort.

Die Küste, an der wir bis dahin entlang gefahren waren, zeichnet sich eigentlich nicht durch besonders schöne Formationen aus. Sie ist niedrig, einförmig und kahl. An den meisten Stellen gehen der Schnee und die Gletscher bis hart an die See hinab, und wie man auch aus der Karte ersehen kann, ragen nur verhältnißmäßig wenige graue Felsen aus dem Schnee empor. Nachdem wir an jenem Nachmittag den Eingang zu Mogens Heinesens Fjord passirt hatten, der von einer schönen Reihe wilder Bergzinnen umgeben ist, kamen wir an eine ganz neue Landschaft. Hier reichen nirgends Schneefelder und Eisgletscher bis an das Meer, überall ist das Land frei, die Felsen ragen oft in bedeutender Höhe empor, und nach dem Lande zu — besonders im Norden — trifft man überall die herrlichsten Gebirgslandschaften, in denen sich wilde Gipfel und Zinnen dicht nebeneinander erheben. Alles hier in der Welt ist relativ, und dies gilt wohl nicht im geringsten hier, wo es uns vorkam, als wenn wir in fruchtbare Gegenden gelangt seien. Sommergedanken und Sommerstimmungen bemächtigten sich unserer Seele mitten zwischen dem Treibeis, als wir jetzt an der Küste statt des ewigen Eises und Schnees kahle Felswände erblickten. Der Uebergang hätte kaum fühlbarer sein können, wenn wir jetzt plötzlich in die fruchtbarste Gegend gekommen wären. Im Norden winkte und lockte die blauende Bergreihe des Tingmiarmiuts-Landes, als sei dort das gelobte Land.

Ein großer Eisberg östlich von Nagtoralik.
(Nach einer Photographie.)

Je nördlicher wir gelangten, desto häufiger wurden die großen Eisberge, die hier an der Küste zum Theil bis an den Grund reichten. Gegen Abend erblickten wir östlich von Nagtoralik einige weiße Spitzen, die über den Horizont hinausragten. Sie hatten eine so eigenthümliche Form, daß ich mir lange nicht darüber klar werden konnte, bis ich endlich entdeckte, daß es die Zinnen eines kolossalen Eisberges waren, der eine so phantastische Form hatte, wie ich sie noch niemals gesehen. Ich machte eine photographische Aufnahme davon, die Entfernung war jedoch so beträchtlich, daß das Bild bei weitem nicht den überwältigenden Eindruck wiedergiebt, den der Eisberg auf uns machte, als wir in seine Nähe kamen. Zu oberst ragten zwei Spitzen gleich schlanken Kirchthürmen hoch in die Luft empor. Oben an der hohen, lothrechten Wand quer durch das Feld befand sich ein großes Loch, und unten hatte die See so große Grotten ausgehöhlt, daß ein kleines Schiff bequem unter das Eisdach gehen konnte. In diesen Grotten sahen wir ein wunderbares Farbenspiel von Blau bis zu dem tiefsten Ultramarin. Es sah aus wie ein schwimmender, aus Saphiren gebauter Feenpalast, und ringsumher rieselten Bäche und bildeten kleine Wasserfälle, die sich an den Seiten herabstürzten, während aus den Grotten unaufhörlich der Laut tropfenden Wassers zu uns heraufdrang. Es war Schönheit, aber von einer fremden Natur, sie machte die Gedanken zu den geheimnißvollen Märchenlanden der Kindheit zurückschweifen.

Nachdem wir in der Dunkelheit eine Weile nach einem Lagerplatz gesucht hatten, legten wir gegen Abend an einer Insel an, die auf dem 62° 25′ N. Br., 42° 5′ W. L. liegt.