Wie gewöhnlich wurden die Böte geleert und dann ans Land gezogen. Dies war vielleicht derselbe Platz, der einer ostgrönländischen Sage zufolge der Schauplatz eines Kampfes zwischen einem Europäer und einem Grönländer gewesen sein soll.[76]
Am nächsten Morgen — den 2. August — ruderten wir weiter und wollten gerade über den Fjord, nördlich von der Insel Uvdlorsiutit setzen, kamen aber sehr bald in dichtes, undurchdringliches Eis hinein. Wir mußten abermals umwenden, um auf das Land zuzusteuern und uns an der Küste des Fjords entlang fortzuarbeiten. Da das Eis noch immer sehr dicht zu sein schien, überlegten wir, ob es nicht besser sei, durch den Sund, zwischen dem Festland und der eben erwähnten Insel, zu gehen, als wir auf deren Südspitze Eskimozelte entdeckten. Wir landeten, um uns nach dem nördlichen Fahrwasser zu erkundigen, waren aber nicht wenig überrascht, als wir am Strande von einer Schar Frauen und fast völlig nackter Kinder empfangen wurden, die wir als unsere Freunde vom Kap Bille wiedererkannten. Sie lachten aus vollem Halse und erzählten, sie seien an uns vorübergefahren, während wir schliefen, — wahrscheinlich am vorhergehenden Morgen. Sie hatten ihre Zelte auf einem gemüthlichen kleinen mit Gras und Heidekraut bewachsenen Platz aufgeschlagen. Nur ein Mann war zu erblicken, er stand eben bei dem einen Zelt und besserte seinen zerbrochenen Kajak aus. Alle anderen Männer und Kajaks waren verschwunden, — wahrscheinlich waren sie auf Jagd aus, um sich Nahrung zu schaffen.
Wir fragten nach dem Fahrwasser auf der Innenseite der Insel, aber sie bedeuteten uns, daß wir auf der Außenseite bleiben müßten, ja man wollte uns sogar weismachen, daß die Straße so schmal sei, daß man unmöglich hindurchfahren könne. Dies war indessen eine Lüge, da Holms Expedition mehrmals diesen Weg genommen hatte. Der Sicherheit halber ruderten wir jedoch um die Insel herum und kamen in ziemlich gutes Fahrwasser. Das Eis lag freilich in der Nähe der Landzungen überall recht dicht, aber wir drangen hindurch und schlüpften am Lande entlang fort.
Nach Mittag erreichten wir die Nordseite der Insel Uvdlorsiutit, wo wir eine ganz merkwürdige Grotte fanden, die tief in den Felsen hineinging.
Am Abend, als wir die Insel Ansivit passirten an der nördlichen Seite des Tingmiarmiut-Fjords, vernahmen wir in der Ferne vom Lande her einen Chor heulender Hunde, woraus wir schlossen, daß sich ein Eskimolager in der Nähe befinden müsse. Wir hatten aber keine Zeit, Besuche zu machen, und zogen deshalb weiter, bis wir am Abend an einer Insel bei Nunarsuak (62° 43′ N. Br.; 41° 49′ W. L.) gelangten.
Am Morgen des folgenden Tages (den 3. August) wehte ein so frischer Wind vom Lande her, daß wir beschlossen, unsere Segel aufzuspannen, die in aller Eile aus dem Zeltboden für das eine Boot und aus zwei zusammengenähten Persennings für das andere Boot hergestellt wurden. Im Anfang ging es schnell nordwärts; es war eine reine Lust, wenn das Boot sich auf die Seite neigte, mit dem Winde dahinzusausen durch das enge Fahrwasser zwischen den Eisschollen, wo man genau acht geben mußte, um nicht anzustoßen. Wir hatten jedoch noch nicht lange gesegelt, als das Vergnügen anfing, ein recht zweifelhaftes zu werden. Die Windstöße wurden heftiger und gingen in eine nördliche Richtung über. Bald hatten wir den Wind uns derartig entgegen, daß wir die Segel nicht mehr führen konnten.
Das Land nördlich von der Mündung des Tingmiarmiutfjords.
(Nach einer Photographie.)
Wir ruderten nun eine Weile und gelangten an die hohe, steile Insel Umanarsuak, von deren Bergen der Wind mit einer solchen Heftigkeit herabstürmte, daß wir unsere liebe Noth hatten, das Boot vorwärts zu zwingen. Es wurde schlimmer und schlimmer, zuweilen mußten wir das Boot an den Eisschollen entlang ziehen, um es nur vorwärts zu bekommen, und einmal waren wir nahe daran, in dem vom Sturm heftig erregten Eis zerschellt zu werden. Die beiden Böte hatten sich bis dahin einigermaßen zusammengehalten, nun aber nahm die Sache einen ernsteren Charakter an. Niemand hatte mehr Zeit, auf den Andern zu achten, Jeder mußte sich helfen, so gut er konnte. Gerade als es am schlimmsten aussieht, holt einer der Leute in meinem Boot so kräftig aus, daß sein Ruder am Schaft abbricht. Wir haben keine Reserveruder mehr im Boot, sie sind alle im Eis zerbrochen. Hier ist aber keine Zeit zu verlieren; wir mußten mit dem halben Ruder weiterarbeiten und nur um so kräftiger zugreifen. Zuweilen fallen die Windstöße jedoch so heftig über uns her, daß wir trotz aller unserer Kraftanstrengungen zurückgedrängt werden. Da springt eine Dolle! Das war weit schlimmer als das erste Mißgeschick, denn das Ruder hängt in einer Strippe, die nur an einer Dolle befestigt ist, und alle anderen Ruderplätze sind belästigt. So schnell es sich machen läßt, wird der Schaden reparirt, und wir entgehen auch diesmal glücklich der Gefahr. Langsam aber mit ziemlicher Sicherheit schrammen wir mit Aufbietung aller unserer Kräfte am Lande entlang. Da kommen wir an eine Eisscholle; die Fangleine in der Hand, springt Dietrichson hinauf, um das Boot daran entlang zu ziehen. In seinem Eifer bemerkt er jedoch nicht, daß er auf eine hohle, vorstehende Eiskante springt, die mit ihm zusammenbricht, so daß er kopfüber ins Wasser fällt. Dies war nun freilich nichts Ungewöhnliches für uns, aber zu einem ungelegeneren Zeitpunkt konnte es kaum geschehen. Gewandt und voller Geistesgegenwart wie er ist, kommt er jedoch gleich wieder hinauf, und wie gewöhnlich ohne sich zu ergeben, ergreift er abermals die Fangleine und zieht nun das Boot vorwärts; — — die Arbeit hielt ihn warm, sonst wäre es wohl kaum zu ertragen gewesen in diesen triefend nassen Kleidern und bei dem schneidenden Wind. So etwas focht Dietrichson jedoch niemals an.
Auch an dieser Eisscholle kamen wir glücklich vorüber, aber der Wind hatte so zugenommen, daß wir nur noch mit der größten Anstrengung vorwärts kommen konnten; die beiden Ruderer arbeiteten jedoch meisterhaft mit den Ruderstummeln, die uns noch geblieben waren. Als Dietrichson das Boot mit einem Bootshaken von einer Eisscholle abstoßen wollte, sprang der Haken, und es fehlte nur wenig, so wäre er abermals über Bord gefallen. Wir hatten heute merkwürdig viel Unglück.