Endlich kamen wir jedoch in ruhigeres Fahrwasser unterhalb der Felsen und erreichten bald das Land, wo Sverdrups Boot kurz vor uns angelangt war. Hier nahmen wir unsere Mittagsmahlzeit ein und machten eine kleine Ruhepause, die wir wohl verdient hatten. Dann wurde die Reise wieder fortgesetzt, aber der Wind war beinahe noch ebenso stark, und als wir hinter der Südspitze von Umanuarsuak in ziemlich eisfreies Fahrwasser kamen, rollte uns von dem nordwärts belegenen Fjord ein recht unangenehmer Seegang entgegen. Obwohl es unserer Gewohnheit nach noch ziemlich früh am Tage war, gingen wir deswegen, sobald wir Umanak erreicht hatten, ans Land. Hier hatten wir — es war das einzige Mal auf der ganzen Reise an der Küste entlang — Zeit, uns einen Zeltplatz auszuwählen und genossen das Behagen, auf einem Rasen zu liegen, statt wie gewöhnlich auf dem harten Felsboden oder auf dem Eise. Darüber wollen wir uns indes nicht beklagen; wir schliefen immer ausgezeichnet, wenn wir nur stets genug Schlaf bekommen hätten.
Sobald wir ans Land gekommen waren und alles in Ordnung gebracht hatten, beschlossen wir, Brennmaterial zu sammeln (was in Form von Wachholderbüschen, Heidekraut u. dergl. reichlich vorhanden war), und uns eine Kerbelsuppe zu kochen. Hierzu waren Alle bereit, es wurde ein großartiger Eifer entfaltet, so daß bald ein gewaltiges Feuer zwischen einigen großen Steinen aufflammte, über denen wir in einer leeren Kakesdose das herrlichste Essen kochten, das man sich nur denken kann. Schwerlich wird einer von Denjenigen, die an jenem Abend um das Feuer herumsaßen und in Ruhe und Frieden das einzige warme Gericht verzehrten, das sie während der ganzen Bootsreise an der Küste entlang erhielten, den Zeltplatz auf Umanak oder der Griffenfelds-Insel vergessen. Daß wir indessen nicht die Ersten waren, die das Leben an dieser Stelle genossen, sahen wir u. a. an den Ruinen einiger Eskimohäuser, die ganz in unserer Nähe lagen; und daß auch Scenen weniger angenehmer Natur hier vorgefallen waren, davon zeugten deutlich verschiedentliche Menschenknochen, die zwischen den Häusern zerstreut lagen; besonders ungemüthlich grinste uns der Schädel eines alten Eskimos an. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß die Bewohner dieser Häuser an Hungersnoth starben, und daß die verlassenen Wohnungen dann im Laufe der Zeiten zusammenstürzten.
Am nächsten Tage — den 4. August — hatte sich der Wind zum Theil gelegt, und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Aber das Eis war oft dicht, besonders schlimm sah es an der Mündung des Schesteds-Fjords aus. Hier mußten wir weit hinaus, um einen Durchgang zu finden, und nur mit Hülfe von Axt und Bootshaken konnten wir uns unsern Weg bahnen. Um 9 Uhr des Abends kamen wir an einem herrlichen Lagerplatz vorüber, da es aber unserer Ansicht nach noch zu früh war, um Rast zu machen, ruderten wir in nördlicher Richtung weiter. Dafür mußten wir nun aber bis 1½ Uhr arbeiten, ehe wir auf der Ostseite der Insel Uvivak eine kleine Insel fanden, wo wir unsere Böte ans Land ziehen konnten (63° 3′ N. Br., 41° 18′ W. L.). An dem Tage hatten wir eine siebenzehnstündige schwere Arbeit im Eise gehabt, nur durch eine halbstündige Mittagsrast unterbrochen.
Am 5. August gings mit Hülfe von Axt und Bootshaken weiter durch dicht zusammengepacktes Eis, das auf dem Wege nach Norden am ganzen Strande entlang lag. Viele mächtige Eisberge lagen hier an der Küste. Als wir gegen Nachmittag das Vorgebirge Kutsigsormiut passirten und an einer kleinen Insel anlegten, um eine Aussicht über das Fahrwasser zu haben, sahen wir wenige hundert Ellen von uns entfernt plötzlich ein großes Eisstück sich loslösen und von einem dieser Kolosse herabfallen, der dadurch das Gleichgewicht verlor und mit einem ohrenzerreißenden Getöse kopfüber stürzte. Das Meer gerieth in eine gewaltige Erregung, rings umher wurden die Treibeisschollen gegen einander geschmettert, und eine kleine Insel, die vor uns lag, war plötzlich völlig überspült von schäumenden Wogen. Hätten wir unsern Weg fortgesetzt, wie wir anfangs beabsichtigten, so wären unsere Böte wahrscheinlich an den Felsen zerschellt.
Nach fast unglaublichen Anstrengungen erreichten wir spät am Abend eine Insel mitten in der Mündung des Inugsuarmiut-Fjordes. Hier wollten wir unser Lager aufschlagen, müde und erschöpft wie wir waren, zu unserer Verwunderung aber kamen wir aus dem dichten Eis plötzlich in offenes Fahrwasser hinein. Gerade bis gegen Skjoldungen lag der Fjord beinahe blank da. Es war sehr verlockend, diese Gelegenheit zu benützen, und nach einer Extraration Fleischpulver-Schokolade setzten wir unsere Fahrt fort und erreichten einen guten Lagerplatz auf einer Schere unterhalb des Landes auf der anderen Seite (63° 12′ N. Br., 41° 8′ W. L.).
An der Ostküste von Grönland giebt es eine ziemlich starke Ebbe und Fluth. Wir hatten in diesen Tagen das Unglück, einen niedrigen Wasserstand zu treffen, gerade wenn wir des Abends die Böte an den Strand ziehen mußten; infolgedessen mußten wir sie ein gutes Stück hinauf ziehen, um sicher vor der Fluth zu sein. Auch in dieser Nacht hatten wir Bagage wie Böte eine tüchtige Strecke aufs Land hinauf gebracht, waren aber nicht wenig verwundert, als am nächsten Morgen unser Bierfaß und ein Brett, womit wir die Böte gestützt hatten, verschwunden waren. Die See hatte nicht allein die Böte erreicht, sondern auch einen Theil der Proviantkasten unter Wasser gesetzt. Diese waren jedoch dicht, und so hatte nichts gelitten; wir mußten uns freuen, so billigen Kaufes davongekommen zu sein. Den Verlust unseres Bierfasses, das wir zugleich mit dem Boot vom „Jason“ bekommen hatten, beklagten wir alle sehr; nicht etwa, weil noch Bier darin gewesen wäre — das hatten wir längst ausgetrunken —, sondern weil wir die Tonne mit Wasser zu füllen pflegten. Wenn wir das Wasser aus dem Spundloch tranken und an der Tonne rochen, die noch einen gewissen Biergeruch an sich hatte, so bildeten wir uns ein, daß wir eine Art Bier tränken.
Seit jenem Tage wurden die Böte stets sehr sorglich in acht genommen.
Uebrigens wurden wir an jenem Morgen von einem weniger willkommenen Gast geweckt. Ich erwachte von einem heftigen Jucken über dem ganzen Gesicht und fand das Zelt mit Mücken angefüllt. Hatten wir im Anfang die Mücken voller Freude begrüßt, so wurden wir an diesem Morgen von dieser Neigung geheilt, und wenn ein Morgen in gräßlicher Erinnerung steht, so ist es dieser. Es war ein Wunder, daß wir unsern Verstand nicht verloren. Nachdem ich völlig wach geworden, fuhr ich schnell in meine Kleider und stürzte ins Freie hinaus, um diesen schlimmen Gästen zu entgehen, aber da kam ich aus dem Regen in die Traufe! Hier stürzten sich ganze Scharen dieses Teufelsungeziefers auf mein Gesicht und meine Hände.
Am schlimmsten wurde es, als wir unser Frühstück verzehren wollten, denn wenn man nicht einmal einen Bissen zu Munde führen kann, ohne daß er mit einer dicken Schicht Mücken belegt wird, so wird Einem die Sache denn doch zu toll! Wir flüchteten auf die höchsten Felsspitzen in der Nähe, wo etwas Wind war, in der Hoffnung, hier unser Frühstück in Ruhe verzehren zu können, — war das doch der einzige Genuß, den wir noch kannten. Wir sprangen von einer Felsklippe zur anderen, wir hängten uns Taschentücher vor das Gesicht, zogen unsere Mützen über Hals und Nacken, fochten und schlugen wie Rasende mit den Armen in der Luft herum, lieferten wie gesagt die verzweifeltste Schlacht dieser Uebermacht von Ungeheuern gegenüber, aber alles war vergebens. Wo wir standen, gingen oder liefen, führten wir — wie die Sonne ihre Planeten — unsere kleine Privatwelt von Freunden mit uns, bis wir uns schließlich voller Verzweiflung dem Feind ergaben, uns an der ersten besten Stelle niederwarfen und uns martern ließen, während wir in fliegender Eile unser mit Mücken belegtes Frühstück verzehrten. Dann machten wir unsere Böte klar und flohen auf das Meer, aber selbst hierher verfolgten diese Scheusale uns. Schließlich schlugen wir in wilder Verzweiflung mit Persennings, Jacken und was wir sonst finden konnten, um uns, und als wir den Wind zum Bundesgenossen bekamen, übermannten wir endlich den Feind. Der Blutverlust auf unserer Seite war aber doch ganz beträchtlich.
[76] Siehe „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 9, Seite 187. Kopenhagen 1889.