Kapitel XIV.
Neues Zusammentreffen mit Eskimos. Zwischen Eisbergen.
urch dicht gepacktes Eis fuhren wir an jenem Tage (6. August) um Skjoldungen herum, an dessen Nordseite wir wegen der Eisverhältnisse ein gutes Stück in den Fjord hineinrudern mußten, an einem Lande entlang, das in wilder Schönheit nicht hinter dem zurückstand, was wir bisher gesehen hatten. Ueberall fielen die Gletscher mit ihren lothrecht abgeschnittenen Wänden, in denen sich häufig tiefe, dunkelblaue Grotten befanden, steil in das Meer ab. Es ist nicht ganz ohne Gefahr, nahe an diese Eiswände heran zu rudern. Es geschah auch an jenem Tage mehrmals, daß nicht weit von uns große Stücke von den Gletschern ins Meer hinabstürzten, die ein vorüberfahrendes Boot ohne Zweifel zu Staub zermalmt haben würden.
Als wir, andauernd unter schlechten Eisverhältnissen, über den Akorninapkangerdlua (Fjord) gerudert waren, vernahmen wir plötzlich in der Nähe einer Insel bei Singiartnarfik Rufe von Menschenstimmen und verspürten gleichzeitig einen durchdringenden Thrangeruch. Wir richteten unsere Blicke dem Lande zu und sahen nun ein Zelt und viele Menschen, die sich in auffallend lebhafter Bewegung befanden. Da es kein weiterer Umweg für uns war, steuerten wir auf sie zu, jetzt aber verwandelte sich ihre Bewegung in eine wilde Flucht. Mit allem, was man an Kostbarkeiten besaß, mit Fellen, Kleidern etc. beladen, verschwand Einer nach dem Andern auf die Berge hinauf. In einer langen Linie, die sich an den Felsabsätzen hinaufschlängelte, konnten wir sie laufen sehen, was das Zeug halten wollte. Es schienen fast ausschließlich Frauen und Kinder zu sein. Zuletzt sahen wir eine Frau in die Thür des einzigen Zeltes, das wir erblicken konnten, verschwinden, aber sie kam bald darauf mit einem Bündel Felle in den Armen zurück und eilte dann, so schnell ihre Füße sie tragen konnten, den Anderen nach, ins Gebirge hinauf. Mehr und mehr verschwanden sie zwischen den Bergen, und das Letzte, was wir sahen, waren einige Frauen, die auf einem Felsenkamm neugierig stehen blieben und uns nachschauten. Wir ruderten indessen auf das Zelt zu; das einzige lebende Wesen aber, was wir dort erblickten, war ein Hund, der vor der Zeltthür lag und merkwürdigerweise nicht heulte. Obwohl wir nichts mit diesen Menschen zu schaffen hatten, so war es uns doch ärgerlich, daß wir so fortreisen sollten, ohne sie von unseren friedlichen Absichten überzeugt zu haben. Wir machten ihnen Zeichen zu, wir riefen die wenigen grönländischen Worte, die wir kannten, aber alles war vergebens; — sie standen regungslos da und glotzten uns an. Endlich schien eine der Frauen unseren einladenden Winken nicht länger wiederstehen zu können, sie näherte sich langsam und bedächtig, eine zweite folgte ihr in einiger Entfernung. Allmählich kamen wir uns so nahe, das wir das Sprechen hören konnten, was uns ja nicht viel nützen konnte, da wir ihnen nur wenig zu sagen hatten, aber jedenfalls konnten sie doch unsere freundlichen Gesichter und unsere beruhigenden Mienen und Gebärden erkennen. Wir zeigten ihnen einige Blechdosen, die wir ihnen schenken wollten. Dies schien ihnen freilich sehr verlockend. Sie setzten äußerst verlegene Gesichter auf, die übrigens nicht so aussahen, daß sie ihrer Schönheit wegen hätten besorgt zu sein brauchen. Da zeigte sich plötzlich ein Mann auf der Bildfläche, und nun bekamen sie Muth; sie begaben sich beinahe ganz an den Strand hinab und blieben hier stehen, während wir in unseren Böten lagen. Wir sahen einander an, während sie mit dem Manne als Vorsänger ihr gewöhnliches Verwunderungsgebrüll anstimmten. Der Mann sah übrigens aus wie ein wüthender Ochse, während er so dastand, obwohl er im Innern gewiß die friedlichsten Gedanken hegte. Er trug auf dem Oberkörper einen Anorak von Baumwollenzeug, und auf dem Kopf hatte er eine Kajakmütze von der gewöhnlichen, breiten, flachen Form, aus einem Tonnenreifen mit darüber gespanntem Baumwollstoff bestehend, mit einem roth und weißen Kreuz verziert, — alles unverkennbare Beweise von Verbindung mit den westgrönländischen Handelsplätzen.
Wir näherten uns allmählich dem Strande, Einer von uns sprang ans Land, aber wie von einer Tarantel gestochen, fuhren die Eskimos zurück, um doch einen Zwischenraum von einigen Schritten zwischen sich und uns zu schaffen; als sie sahen, daß wir auch jetzt keine Zeichen zu feindlichen Tendenzen machten, gewannen sie wieder Muth und näherten sich uns. Als wir ihnen gar das großartige Geschenk einer Blechdose machten, war das gute Verhältniß besiegelt, und ihre Gesichter glänzten vor Freude und Verwunderung über diese freigebigen Menschen. Allmählich gesellten sich mehrere Eskimos zu uns; es schien, als wenn die Männer in ihren Kajaks auf dem Wasser gewesen und durch das Geschrei der Frauen herbeigelockt seien.
Allen wurde die kostbare Gabe gezeigt und hinzugefügt, daß wir durchaus friedliche Individuen seien. Die merkwürdigste Erscheinung war ein kleiner buckeliger Zwerg mit einem angenehmen, ältlichen Gesicht; — er zeichnete sich übrigens durch einen ungewöhnlich guten Anzug aus. Wir vertauten unsere Böte und machten einen Spaziergang ans Land. Wie staunten wir jedoch, als wir hinter dem einen Zelt ein ganzes Zeltlager fanden, das durch eine kleine Höhe unsern Blicken entzogen gewesen war. Unser Staunen wuchs, als wir einen Dannebrog von einer kleinen Stange wehen sahen, die neben dem einen Zelt aufgepflanzt war.
Diese Flagge mußte Einer von ihnen wahrscheinlich vor einigen Jahren von Kapitän Holm bekommen haben, denn er berichtet, daß er einigen Eskimos Flaggen geschenkt habe. Merkwürdig war es, daß sie sich so vor uns fürchteten, obwohl sie also früher mit Europäern in Berührung gekommen sein mußten. Wir mußten wohl sehr unheimlich ausgesehen haben, als wir so in unsern eigenen Böten und ganz allein angerudert kamen, während Kapitän Holm Böte wie die ihren mit einer Eskimobesatzung hatte. Unmöglich ist es auch nicht, daß die Sagen, die von der Westküste zu ihnen gedrungen sind, und welche erzählen, wie ihre Vorfahren die Kavdlunaker, d. h. die Europäer, vernichtet haben, sie mit der Furcht erfüllten, daß die Besiegten eines Tages in Schiffen über das Meer heranziehen und Rache nehmen würden.
In einer kleinen Bucht unterhalb des Lagers lag ein Frauenboot, das offenbar ins Wasser herabgelassen war, um zur Flucht bereit zu sein. Da ich gern gedörrtes Seehundsfleisch probiren wollte und außerdem dachte, daß es möglicherweise praktisch sein könne, unsern Proviant ein wenig zu ergänzen, fragte ich vermittelst eines grönländischen Wortes, das ich in meinem Wörterbuch gefunden hatte, danach; wie gewöhnlich wollte es mir jedoch nicht gelingen, mich verständlich zu machen. Als ich aber hinging und ein Stück Fleisch anfaßte, das vor einem der Zelte zum Trocknen hing, verstanden sie mich sofort und kamen mit einigen Rippenstücken herbei, — hierfür gab ich ihnen eine große Stopfnadel. Als sie diese kolossale Bezahlung erblickten, kamen sie mit einem großen Stück Fleisch nach dem andern herbei, um mehr Nadeln zu bekommen. Wir erhielten jeder unsere Geschenke an Seehundsfleisch, wofür wir ihnen außer den Nadeln noch einige leere Blechdosen gaben. Nur Ravna wollte keine Geschenke annehmen und war trotz aller Ueberredungen nicht dazu zu bewegen. Später erfuhr ich, daß er der Ansicht gewesen sei, die armen Menschen würden wohl selber Verwendung für ihr Fleisch haben, und eine Nähnadel sei doch eine zu geringe Bezahlung.
Diese Begegnung mit den Eskimos schildert Balto folgendermaßen:
„— — Als wir über eine Fjordmündung gerudert waren, rochen wir wieder den Geruch von ranzigem Seehundsfett, aber die Heiden hatten uns gesehen und mit Frauen und Kindern die Flucht ins Gebirge ergriffen, weit fort von den Zelten. Als wir in die Bucht kamen, wo die Zelte standen, machten wir Halt und sahen diesen Aermsten nach, die die Flucht ergriffen. Dann rief Nansen ihnen zu: „Nogut piteagag“, — was dasselbe ist wie: „Wir sind Freunde“ (furchtbar verkehrtes Grönländisch), — aber sie kehrten sich nicht daran, sondern winkten uns mit der Hand zu, als wollten sie sagen: „Zieht fort! Zieht fort!“ Da kamen zwei Männer hinter einem Berg hervor, sie kamen an den Strand herab, und als sie sich näherten, brüllten sie wie andere Heiden ihr: „iö, iö, iö!“ Der eine Mann sah aus, als wenn er nicht höher als ein Meter sei. Dann landeten wir und baten sie um etwas gedörrtes Fleisch, das wir vor ihren Zelten hängen sahen, denn wir hatten in Kapitän Holms Buch gelesen, daß gedörrtes Seehundsfleisch sehr gut zu essen sei. Wir gaben ihnen einige Nadeln für das Fleisch und zogen dann weiter.“