Wie Balto berichtet, stiegen wir bald wieder in unsere Böte und waren noch nicht weit gekommen, als einige der Männer uns in ihren Kajaks folgten, große Stücke gedörrten Seehundfleisches mit sich schleppend, das sie uns gegen Nadeln vertauschen wollten. Als wir in die Böte stiegen, sahen wir in weiter Ferne den obenerwähnten [Zwerg] ein großes Stück Fleisch herbeischleppen, auch er wollte seinen Antheil haben, aber er erreichte uns nicht mehr. Nicht wenig staunten wir, als wir eine Weile später einen kleinen Kerl in einem Kajak weit hinten in unserm Kielwasser heranrudern sahen und in ihm den Zwerg erkannten, der unleugbar eine höchst komische Figur abgab, wie er so mit seinem krummen Rücken aus der Oeffnung des Kajaks hervorragte. Er strengte sich scheinbar sehr an, um uns wieder einzuholen, wir sollten sein Fleisch haben! Aber trotz aller seiner Bemühungen erreichte er uns doch nicht und mußte sein Vorhaben schließlich aufgeben, — der Aermste!

Je nördlicher wir kamen, desto mehr Kajakmännern begegneten wir; sie gaben uns Alle das Geleite und waren Alle äußerst freundlich und mittheilsam. Schließlich hatten wir eine Eskorte von 7 Mann um uns versammelt, die uns an allen Seiten umkreisten und die größte Verwunderung über uns und unsere Böte an den Tag legten.

Als sie uns eine lange Strecke begleitet hatten und es zu dunkeln begann, verminderten sie Einer nach dem Andern die Schnelligkeit ihrer Fahrt und lagen dann noch eine Weile still, um uns nachzusehen, ehe sie den Heimweg antraten. Gerade als uns die vier Letzten verlassen hatten und noch still lagen, erblickte ich einen Seehund auf einer Eisscholle. Obwohl das frische Fleisch ein großer Leckerbissen für uns gewesen wäre, konnte ich es nicht unterlassen, den vier Kajaks zuzuwinken, denn wir hatten alle die größte Lust zu sehen, wie die Eskimos auf Seehundsjagd gingen. Sie kamen sofort zu uns, konnten aber gar nicht begreifen, was wir wollten, denn von ihren niedrigen Kajaks aus konnten sie den Seehund nicht auf dem Eise sehen. Ich zeigte auf das Thier, sie spähten und spähten, bis sie seiner plötzlich ansichtig wurden, und nun kam Bewegung in die Kajaks; die Ruder arbeiteten unverdrossen, während sich die Eskimos vornüberbeugten, um unbemerkt im Schutze des Eises vorwärts zu kommen. Zwei von ihnen gewannen einen Vorsprung vor den Anderen und kamen in fliegender Eile näher und näher. Jetzt fing der Seehund jedoch an, unruhig zu werden, aber jedes Mal, wenn er den Kopf erhob und in der Richtung nach ihnen blickte, lagen sie still, ohne auch nur ein Glied zu rühren, bis er sich wieder beruhigt hatte, dann ruderten sie abermals kräftig darauf los, lagen dann wieder still u. s. w. Auf diese Weise kamen sie so nahe an ihre Beute heran, daß wir jeden Augenblick erwarteten, sie würden die Harpune auswerfen, — da springt der Seehund plötzlich ins Wasser. Sie lagen nun eine Weile still, zum Wurf bereit für den Fall, daß er sich wieder zeigen würde, aber kein Seehund erscheint, und sie zogen niedergeschlagen heimwärts, während wir ein wenig ärgerlich unsern Weg gen Norden in gutem Fahrwasser fortsetzten. Wir übernachteten auf einer kleinen Insel in einer Bucht an der Ostseite einer größeren Insel (63° 20′ N. B., 49° W. L.). Diese ist aus früheren Zeiten dadurch bekannt, daß Graah dort auf der Westseite bei Imarsivik i. J. 1829-30 überwinterte.

Am nächsten Tage (den 7. August) traten uns abermals schlimme Eishindernisse in den Weg, wir kämpften uns aber muthig hindurch und gelangten noch am selben Tage weiter nördlich an offeneres Fahrwasser. Bis dahin hatten wir uns ganz vorzüglich aus Holms und Gardes Karten über die Küste orientiren können, hier aber verloren wir den Faden. Es schienen hier viele kleinere und größere Inseln und Fjorde zu sein, die entweder falsch oder auch gar nicht auf der Karte angegeben waren, — schließlich wurde die Sache so bunt, daß ich mich entschloß, nach meinem eigenen Kopf zu gehen, und das half. Wie es sich mit der Karte auf dieser Strecke von Savsivik bis zum Kap Mösting verhielt, war mir ein Räthsel, bis ich später von Holm erfuhr, daß er nicht dazu gekommen war, diesen Theil in der kurzen Zeit, die ihm zu Gebote stand, zu vermessen, er habe deswegen Graahs Karte benutzen müssen, in der Voraussetzung, daß sie zuverlässig sei, da er die Gegend von seinem Winteraufenthalt her doch gründlich kennen sollte.

Die nördliche Küste war sehr reich an Seevögeln. Da waren u. a. mehrere Vogelberge, und wir schossen an Blaumöven (larus glaucus) und Grüllummen (uria grylle), was uns in den Weg kam. Wir krochen auf einen Felsen hinauf, wo Unmengen von Lummenjungen nisteten, um auf Junge zu fahnden, aber unsere Beute beschränkte sich auf zwei. In der Regel legen die Grüllummen ihre Eier an ganz unzugängliche Orte, so daß unbeflügelte Wesen nur mit der größten Lebensgefahr dahin gelangen können. Die jungen Grüllummen sind übrigens sehr fett und schmeckten ganz delikat.

Als wir vor einem Vogelberg auf der Nordseite von Kap Moltke lagen und auf Blaumöven und Grüllummen schossen, vernahmen wir plötzlich ein Sausen in der Luft und sahen eine Schar Eidergänse an uns vorüberfliegen. Wir hatten gerade noch Zeit genug, in die Böte zu springen, zu den Büchsen zu greifen und ihnen einen Schuß nachzusenden, auf welchen zwei Vögel fielen. Es war dies das erste Mal, daß wir Eidergänse an der Küste erblickten. Als es bereits dunkelte, zog abermals ein Schwarm über uns hinweg nach Norden zu. Ich hörte Sverdrup im Boote hinter mir „Gebt Acht!“ rufen und vernahm auch das Sausen ihres Flügelschlags, doch war es zu dunkel, um zu schießen, ich konnte nur gegen den dunklen Hintergrund, den das Land bildete, unterscheiden, daß sich etwas bewegte.

Indessen gelangen wir immer nördlicher, und die Angst der Lappen wird mit jedem Tage sichtbarer und giebt sich in immer lauteren Tönen zu erkennen. Balto, der das Wort führt, hat mir mehrmals anvertraut, daß sie ruhiger geworden seien, seit wir den Eskimos begegnet waren und gesehen hatten, daß dies gutartige Geschöpfe sind, die keine Menschen fressen, wie man sich in Finnmarken erzählt habe, und daß man im Nothfall bei ihnen überwintern kann. Seit wir aber, ihrer Ansicht nach, die letzten Eskimos verlassen hatten und noch immer in nördlicher Richtung weiter zogen, waren sie ängstlich geworden, klagten über die schwere Arbeit, die karge Kost, jammerten, daß wir uns so weit vom Kap Farvel entfernten und doch keine Stelle fanden, wo wir auf das Eis gehen konnten. Ich tröstete ihn stets damit, daß das Land höher hinauf bei Umivik oder nördlich davon besser sei, er müsse das ja selber gesehen haben, als er im Eise trieb; aber er hatte nichts gesehen, und schließlich wurden seine Klagen so laut, daß mir die Sache über ward und ich ihm, statt ihn zu trösten, eine tüchtige Portion Schelte für seine elende Feigheit zukommen ließ. Da aber brach das Unwetter los! Er wollte mir nur lieber gleich sagen, was er in diesen Tagen alles in sich hineingefressen habe: in Kristiania habe ich ihnen versprochen, daß sie jeden Tag Kaffee haben sollten, und daß sie so viel zu essen bekommen würden, wie sie nur wollten, aber in all’ diesen drei Wochen hätten sie nur ein einziges Mal Kaffee bekommen, und wie sah es mit dem Essen aus? Sie erhielten eine elende Portion ausgetheilt, die sie noch dazu ausloosen müßten, — er wollte es mir nur verrathen, daß keiner von ihnen Allen auch nur ein einziges Mal satt geworden sei, seit sie an die Küste gekommen waren. Hungern müßten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandirt, sie müßten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Thiere, — nein, das wäre nicht zum Aushalten. Er für seinen Theil würde gern viele tausend Kronen bezahlen, wenn er wieder in der Heimath sein könne!

Ich erwiderte ihm, Kaffee hätten sie nicht bekommen, weil ihnen einerseits nichts versprochen wäre, und weil wir andererseits keine Zeit zum Kochen gehabt hätten. Ferner stellte ich ihm vor, was daraus werden würde, wenn wir Alle nach Herzenslust essen wollten, dann würden unsere Vorräthe wohl ungefähr bis zur Mitte von Grönland ausreichen, und dann sei es sicher zu spät, das Geschehene zu bereuen. Wir müßten redlich theilen wie Brüder, und was das Kommandiren anbeträfe, so müsse er doch wohl einsehen können, daß auf einer solchen Expedition nur ein einziger Wille herrschen könne.

Nein, er konnte nichts einsehen, er war und blieb untröstlich, daß ihn das Schicksal mit Menschen zusammengeführt habe, die so „fremde Sitten und Gebräuche hätten“, wie er sich ausdrückte. Was sich hier geltend machte, waren die nomadischen Gewohnheiten der Lappen und ihre Unfähigkeit, sich unterzuordnen, und dies kam trotz Baltos liebenswürdigen Charakters wieder und wieder, worüber man sich ja nicht wundern kann. Aber je länger wir zusammen waren, desto weniger blieb davon zurück.

Es läßt sich übrigens nicht leugnen, daß es niederdrückend war, gleich im Anfang auf so schwere Arbeit zu stoßen, wie wir sie an der Ostküste hatten, und von so kärglichen Rationen gedörrter Nahrungsmittel leben zu müssen. Unsere Mägen waren daran gewöhnt, gefüllt zu werden, und konnten sich schwer in diese zwar kräftige, aber wenig umfangreiche Kost finden. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, und dann ging es besser. „Es war das Bewußtsein, daß es genug war, was uns half,“ sagte Kristiansen, als er später in der Heimath gefragt wurde, ob er unterwegs satt geworden sei. Nein, satt sei er niemals gewesen. — „Das müsse aber doch ein unangenehmes Gefühl sein?“ — „Ach ja, besonders im Anfang, als wir nicht daran gewöhnt waren, aber dann versicherte uns Nansen, daß das Essen, das wir bekämen, ausreichend sei, und das half uns. Und wie Sie sehen können, hatte er vollständig Recht.“