Die Küste fing jetzt an, weniger steil zu werden, die Felsformationen waren abgerundeter. Wir kamen nun in die Gegenden, wo wir an ein Aufsteigen denken konnten, und nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte, denn selbst wenn uns hier ein Unglück zustoßen sollte, das unser Vordringen an der Küste verhinderte, so konnten wir doch von hier aus unsere Wanderung über das Inlandseis antreten. Die Hoffnung steigerte sich fast bis zum Uebermuth. Das vorzügliche Fahrwasser, das wir an jenem Abend hatten, und das herrliche Wetter trugen nicht wenig zur Erhöhung der Stimmung bei. Ebenso wie am vorhergehenden Abend stand am südlichen Himmel ein glänzendes Nordlicht; in langen, wogenden Bändern rollten die Strahlenbündel hin und her. Es flimmerte und brannte unruhig jagend, es war, als kämpften Schaaren mit glühenden Spießen, bald wichen sie zurück, bald stürmten sie wieder vorwärts, und plötzlich wie auf ein gegebenes Zeichen fuhren mächtige Strahlenbündel flammend und wechselnd durcheinander. Es war, als dringe ein ganzer Regen von glühenden Spießen auf einen bestimmten Punkt, die Krone, nahe am Zenith ein, dann erlosch abermals alles, damit das ganze, wechselnde Spiel wieder von vorne beginnen konnte. Die Eskimos knüpfen einen schönen Aberglauben an das Nordlicht, — sie glauben, daß es die Seelen der verstorbenen Kinder sind, die Ball im Himmel spielen.

In der Nacht schlugen wir unser Lager auf der Innenseite der Insel Kekertarsuak auf. Kaum hatten wir unser Zelt ausgespannt, als uns ein gewaltiges Getöse im Süden, in der Richtung vom Kap Moltke, aufschreckte. Es war, als könnten wir die Erde unter uns zittern vernehmen. Wir sprangen auf den nächsten Felsblock hinauf und schauten gen Süden, konnten aber nichts entdecken, — es war zu weit entfernt. Das Getöse hielt ungefähr zehn Minuten an, und es klang, als stürze eine ganze Felsmasse in die See hinab und verursache eine gewaltige Bewegung, so daß die Wellen bis zu uns hinauf gelangten und sich an Klippen und Riffen brachen. Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß es ein kolossaler Eisberg war, der zusammenstürzte oder seine Lage veränderte, obwohl auch die Möglichkeit eines Bergrutsches nicht ausgeschlossen ist.

„Der lieblichste Fleck, den wir bis dahin in Grönland gesehen hatten.“
(Nach einer Photographie.)

Am folgenden Tage (8. August) versuchten wir in offenem Fahrwasser und bei herrlichstem Wetter auf der Innenseite der Insel bei Igdloluarsuk vorzudringen und über Kangerdlugsuak oder den Bernstorffs-Fjord zu gelangen, wurden aber nicht wenig überrascht, als wir das Wasser hier vollständig mit Gletschereis und anderem Eis angefüllt fanden, das bis hart an die Küste heran lag und jegliches Vordringen hemmte. Nachdem ich das der Küste zunächst liegende Vorgebirge der Insel Sagliarusek bestiegen und mich von hier aus vergewissert hatte, daß das Fahrwasser unpassirbar war, mußten wir wieder zurückrudern, um die Insel von außen zu umschiffen.[77] An der Südseite der Insel fielen uns im Innern der Bucht einige Steine auf, die nebeneinander aufgerichtet waren. Wir ruderten dorthin, um zu sehen, was das sei, und entdeckten nun den lieblichsten Fleck, den wir überhaupt bis dahin in Grönland gesehen hatten, eine kleine flache, grüne Wiese mit einem großen Süßwasserteich, in dem kleine Fische schwammen (es war mir nicht möglich, die Art zu bestimmen). Auf der einen Seite der Wiese lagen die Ruinen von Eskimohäusern, eine derselben war auffallend größer als die anderen. In und vor dem großen Hause fanden wir zahlreiche Menschenknochen, darunter den sehr wohl konservirten Schädel eines Eskimos, den wir mitnahmen. Diese Menschenknochen deuteten darauf hin, daß auch diese Ansiedelungen durch Hungersnoth zerstört waren. Wir beschlossen, an diesem Orte unser Leben ein wenig zu genießen, und obwohl es zu früh war, um unsere Mittagsmahlzeit zu verzehren, ein wenig zu rasten, uns in dem üppigen Gras auszustrecken und uns von der Sonne braten zu lassen. Die Eskimos hatten wohl gewußt, was sie thaten, als sie sich hier an diesem Ort niederließen, denn hier war ein vorzüglicher, wohlbeschützter Hafen mit einem guten Strand, auf den man die Fellböte mit Leichtigkeit hinaufziehen konnte, und dann vor allen Dingen diese lächelnde Natur! Die fünf flachen Steine, die am Strande aufgerichtet waren, und die zuerst meine Aufmerksamkeit erregten, blieben mir lange ein Räthsel; seit ich jedoch mit Kapitän Holm darüber gesprochen habe, scheint es mir annehmbar, daß es Frauenbootsstützen gewesen sind, d. h. Stützen, auf welche die Frauenböte zum Trocknen gelegt werden, und an die man sie während des Winters festbindet.

Uebrigens findet man auf diesen Inseln[78] viele Spuren menschlichen Wirkens. So fand ich auf mehreren Landzungen Warten oder, — wie ich glaube, — Ueberreste von Fuchsfallen.

Bei der äußersten Insel am Igdloluarsuk angelangt, fanden wir die Mündung des Fjordes so voll von gewaltigen Eisbergen, daß wir ins Meer hinausrudern mußten, um zu versuchen, ob das Fahrwasser dort besser sei. Eine Strecke dringen wir glücklich zwischen den Eisbergen hindurch, müssen aber bald innehalten. Von einer rasenden Strömung zwischen diesen Kolossen eingeklemmt, lagen die Eisschollen so fest, daß sie nicht aus der Stelle zu bewegen waren. Wir mußten wieder umkehren und noch weiter ins Meer hinausrudern.

Als wir an einen leicht zugänglichen Eisberg kamen, machten wir sofort den Versuch, ihn zu erklimmen, um eine Aussicht über das Fahrwasser zu erhalten. Diese schwimmenden Kolosse nehmen sich von unten gesehen ganz imponirend aus, aber das ist doch nichts im Vergleich mit dem Eindruck von Größe, den man erhält, wenn man sich auf ihrem Gipfel befindet. Der Eisberg, den wir bestiegen, war verhältnißmäßig flach und bildete förmlich eine Hochebene von beträchtlichem Umfang. Dietrichsen sagt in seinem Tagebuch, daß man beinahe eine Viertelstunde braucht, um sie an der schmalsten Stelle zu durchqueren. Dort oben war der Schnee hart und das Terrain hügelig, ganz ungewöhnlich geeignet zum Schneeschuhlaufen. Der Eisberg war an dem höchsten Punkt sicher mehr als 70 m über dem Meeresspiegel. Bedenkt man nun, daß sich 6 bis 7 Mal so viel Eis unter dem Wasser befindet, so hat ein solcher Berg also eine Höhe von mindestens 400 m. Fügt man hierzu eine Breite von 1000 m oder mehr, so kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, welcher Art diese schwimmenden Eisklumpen sind, — und deren giebt es an der Küste entlang Hunderte und Tausende. Von dem Gipfel des Eisberges herab hatten wir eine herrliche Aussicht. Die Gegend um uns her glich einer Alpenlandschaft in Eis. Zwischen jedem Eisberg waren Schluchten, auf deren Grunde man die See sehen konnte. Gerade unter uns schlängelte sie sich wie ein schmales, dunkelblaues Band durch eine enge Rinne, die von zwei lothrechten, mehrere hundert Fuß hohen Eiswänden gebildet wurde.

Die Eisberge pflegen in zwei Formen zu erscheinen. Es hatte den Anschein, als seien sie auf zwei ganz verschiedene Weisen entstanden. Einzelne Berge sind an der Oberfläche wild zerklüftet, sind reich an Spalten, Rissen und Schluchten. Ihre Oberfläche gleicht derjenigen der Eisgletscher, die ins Meer hinausgedrängt werden. An ihrem bläulichen Aussehen und ihren unregelmäßigen Formen, kann man sie schon von weitem erkennen. Ihr Ursprung liegt klar auf der Hand —, sie stammen direkt von den obenerwähnten [Gletschern]. Dann aber hat man eine andere, weit prosaischere Form, und zu dieser gehörte der Eisberg, auf dem wir uns befanden. Diese Form wird durch kolossale Eisblöcke ohne jene zahlreichen blauen Schluchten und mit verhältnißmäßig glattpolirter Oberfläche und quer abgeschnittenen, lothrechten Seiten gebildet. Sie haben eine mehr weißlichblaue Färbung als die andere Art und machen einen weit solideren Eindruck. Man kann ruhiger an sie heranrudern, als an die anderen, denn es geschieht weit seltener, daß sich Stücke von ihnen ablösen und den Vorüberfahrenden auf den Kopf fallen. Obwohl sie mit ihrer ebenen Oberfläche völlig verschieden sind von den Gletschern, die ins Meer hinabstürzen, so finden sie sich doch ohne Frage am zahlreichsten vor. Man kann rechnen, daß man auf je einen der anderen Art fünf von diesen trifft.

Woher aber stammen diese Eisberge? Oder wie haben sie sich gebildet? Daß die Gletscher jemals so still und ruhig in die See hinabgleiten, ohne zahlreiche Risse und Spalten an der Oberfläche zu bilden, ist eine Unmöglichkeit. Auf der anderen Seite liegen ja diese Eisberge in den Fjorden direkt vor den Gletschern mit ihrer ziemlich zerklüfteten Oberfläche und müssen daher, eben so wohl als die Eisberge der anderen Art von ihnen herstammen.