Die einzig annehmbare Erklärung dieser Erscheinung ist meiner Ansicht nach der Umstand, daß beim Hinausgleiten die Oberfläche der Gletscher bei den einen nach oben gekommen ist, während die anderen sich entweder gleich beim Herabstürzen oder auch später gewendet haben, so daß sie mit dem abpolirten Fuß oder einer der ziemlich ebenen Bruchflächen in die Höhe ragen.
Zu unserer Freude bemerkten wir, daß sich hinter den Eisbergen offenes Fahrwasser befand, scheinbar so weit das Auge reichte, und nachdem wir uns über den Kurs geeinigt hatten, der uns sicher zu diesem Fahrwasser führen mußte, stimmten wir einen Siegesgesang an, und kehrten wieder in unsere Böte zurück, um mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen und das verlockende Fahrwasser zu erreichen, ehe das Eis sich verdichtete, was bei den wechselnden Strömungen, die hier herrschen, schnell geschehen kann. Wir hatten wenig Lust, die Nacht zwischen diesen launenhaften Eiskolossen zu verbringen.
So schnell unsere Ruder uns befördern konnten, gings gen Norden durch die engen Rinnen, wo wir nichts als das tiefblaue Wasser mit einzelnen Eisschollen unter uns, hohe Eiswände zu beiden Seiten und einen kleinen Streifen blauen Himmels über uns erblickten.
Obwohl mächtige Eisberge mehrmals um uns her zusammenstürzten oder kenterten, das Wasser wild aufpeitschend und die Luft mit ihrem gewaltigen Getöse erschütternd, so kamen wir doch unbeschädigt durch die großen Eismassen, die weit nach Norden hinauf vor der Fjordmündung lagen. An einer Stelle mußten wir, um vorwärts zu kommen, durch einen Hohlweg gehen, der quer durch einen großen Berg führte und wo das schmelzende Wasser unaufhörlich auf uns herabrieselte. Ob diese große Menge von Eisbergen aus dem Bernstorffsfjord herrührte, war nicht zu entscheiden und ist auch kaum anzunehmen, obwohl aus diesem Fjord die größten der an der Ostküste befindlichen Eismassen stammen.
Nachdem wir wohlbehalten am Kap Mösting vorüber und durch die schlimmste Eisberggegend hindurch gekommen waren, übernachteten wir auf einer kleinen Schere (63° 44′ N. Br., 40° 32′ W. L.). Da wir dort keinen so großen, flachen Platz fanden, daß wir unser Zelt aufschlagen konnten, legten wir uns in unseren Schlafsäcken auf den Felsen. Gerade gegenüber auf dem Festlande befand sich ein Vogelberg mit Blaumöven, die während der ganzen Nacht einen solchen Lärm machten, daß wir es im Schlafe hörten und sie sich in unsere Träume hineindrängten. Zur Strafe dafür machte ich am nächsten Morgen eine Visite drüben, die mehreren von ihnen das Leben kostete und uns einen guten Proviant für die Küche lieferte, in der wir jetzt allerlei noch nicht verwendetes Wild hatten. Besonders die jungen Blaumöven, die eben flügge waren, sind eine vorzügliche Speise.
Wir waren jetzt in eine Gegend gekommen, wo wir fast überall mit ziemlicher Leichtigkeit auf das Inlandseis hinaufgelangen konnten. Dort waren nach innen zu viele Nunataks (d. h. Berggipfel oder Felsmassen, die über die Oberfläche des Eises emporragen). Der allgemeinen Annahme der Grönlandsreisenden zufolge soll das Eis um diese Felszacken herum uneben und zerklüftet sein. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn die Nunataks aus Gletschereis hervorragen, das sich in starker Bewegung befindet, in diesem Falle bieten sie dem Eise einen Widerstand, gegen den es gedrängt und gepreßt wird. An anderen Stellen dagegen — glaube ich — machen die Nunataks das Eis eher eben, indem sie es gleichsam festhalten und die gleitende Bewegung desselben, die diese Unebenheiten und Risse verursacht, verhindern. Es lag jedoch für uns kein Grund vor, das Inlandeis schon hier in Angriff zu nehmen, da das Fahrwasser bis nach Umivik hinauf offen zu sein schien, und von hier aus war die Entfernung bis nach Kristianshaab bedeutend geringer.
Gegen Norden in offenem Fahrwasser zwischen Eisbergen. 9. August.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)
In immer mehr offenem Wasser setzten wir die Reise gen Norden fort, während rings um uns her an allen Ecken und Kanten Eisstücke herabstürzten, bald von den Gletschern, bald von den Eisbergen.
Gegen Abend hatten wir ein merkwürdiges Erlebniß. Gerade als wir zwischen einigen Eisbergen beschäftigt sind, zwei Eisschollen auseinander zu sprengen, ertönt ein furchtbares Getöse, und ein großes Stück des an der Backbordseite gelegenen Eisberges stürzt herab und zertrümmert zum Theil die eine Eisscholle, auf der wir stehen, wühlt einige mächtige Wogen auf und schafft uns das beste Fahrwasser, das wir nur wünschen können. Hätten wir ein paar Minuten früher den Weg eingeschlagen, den wir ursprünglich beabsichtigten, so wären wir wohl zertrümmert worden. Dies war das dritte Mal, daß uns dies begegnete.