Als Brot verwandten wir theils schwedisches „Knäkkebröd“, das sehr leicht ist und den Vorzug hat, nicht trocken zu schmecken und dadurch die Empfindung des Durstes zu erregen, theils Fleischkakes, die wir extra in England bestellen mußten, und die außer Mehl noch einen bestimmten Prozentsatz Fleischpulver enthalten. Diese Kakes sind wohlschmeckend und zugleich sehr nahrhaft.
Als warmes Getränk, was zwar keine Nothwendigkeit, aber doch eine große Annehmlichkeit ist, verwendeten wir des Morgens gewöhnlich Schokolade und des Abends Erbsensuppe. Die Schokolade wurde selbstverständlich nicht aus Fleischschokolade bereitet, die nur roh verzehrt wurde, sondern ausschließlich aus Vanilleschokolade. Zur Erbsensuppe benutzten wir die deutsche Erbswurst von A. Schörke & Co. in Görlitz. Auch Bohnenwurst und Linsenwurst benutzten wir. Diese Präparate enthalten außer gemahlenen Erbsen, Bohnen oder Linsen auch Speck und Schinken. Ich versuchte ein ähnliches Londoner Fabrikat, doch war es nicht wie das deutsche mit Fett gemischt, was dies so wohlschmeckend für uns machte.
Wir hatten ferner Kaffee und Thee mitgenommen, den ersteren in Form von Kaffeeextrakt in einem Quantum von ungefähr 1½ Liter. Nachdem wir uns desselben ein paarmal des Nachmittags und des Abends bedient und die Erfahrung gemacht hatten, daß man sich allerdings sehr wohl und neubelebt durch das Getränk fühlt, daß man aber die Nacht darauf desto schlechter oder garnicht schläft,[10] so beschränkte ich den Gebrauch des Kaffees auf einzelne Morgen, da er uns aber auch dann nicht sonderlich bekam, so wurde er zum Schreck und Kummer der Lappen völlig verbannt, bis wir in die Nähe der Westküste gekommen waren.
Thee ist nach meiner Erfahrung weit weniger schädlich als Kaffee, löscht außerdem den Durst bedeutend besser. Dünner Thee mit kondensirter Milch und Zucker wurde daher häufiger verwendet, besonders des Morgens, als unsere Schokolade verbraucht war.
Im ganzen geht meine Erfahrung völlig gegen den Gebrauch narkotischer Genußmittel, sei es Kaffee, Thee, Tabak oder spirituöser Getränke. Eine gesunde Lebensregel ist, daß man zu allen Zeiten so natürlich und einfach wie möglich leben soll, vor allem aber gilt dies, wo es sich um ein Leben mit starken Strapazen, besonders in einem kalten Klima handelt. Glaubt man etwas zu erreichen, indem man Körper und Seele durch künstliche Mittel stimulirt, so verräth man, meiner Meinung nach, außer einer Unkenntniß der einfachsten physiologischen Gesetze entweder einen Mangel an Erfahrung oder auch einen Mangel an Fähigkeit, seine Erfahrungen auszunutzen. Es scheint doch so einfach und selbstverständlich, daß man im Leben nichts erhält, ohne auf irgend eine Weise dafür bezahlen zu müssen, und daß infolgedessen künstliche Reizmittel, selbst wenn sie keine direkte schädliche Wirkung hätten, was zweifelsohne der Fall ist, doch keinen andern Zweck haben als ein zeitweiliges Aufflackern mit einer nachfolgenden Erschlaffung. Künstliche Reizmittel, mit Ausnahme von Schokolade, die nahrhaft und sanft stimulirend ist, führen dem Körper keine nennenswerthen Nährstoffe zu, und was man für den Augenblick an Kräften auf Vorschuß erhält, muß man im nächsten Moment mit entkräftender Erschlaffung bezahlen. Von Einzelnen wird sicher der Einwand erhoben werden, daß es Fälle giebt, wo es nur darauf ankommt, für einen kurzen Augenblick Kräfte zu haben; hierauf muß ich jedoch erwidern, daß ich nicht einsehen kann, auf welche Weise ein solcher Fall auf einer langen Schlittenexpedition eintreten sollte, wo es sich im Gegentheil um eine so regelmäßige und sichere Arbeit wie nur möglich handelt.
Dies Alles mag Vielen so selbstverständlich erscheinen, als bedürfe es der Erwähnung nicht, trotzdem aber sieht man bis in die neuesten Zeiten arktische Expeditionen, versehen mit großen Ladungen nicht allein von Tabak, sondern auch von schädlichen Reizmitteln wie spirituösen Getränken, ausziehen. Charakteristisch ist z. B. das Verzeichniß über die Getränke, welche die zweite deutsche Nordpolexpedition (siehe den Bericht derselben, Einleitung S. 44 und 46) auf den beiden Schiffen „Germania“ und „Hansa“ mit sich führte. Es ist traurig, wenn diese verkehrte Auffassungsweise solche Folgen nach sich zieht, wie dies bei der Greely-Expedition, der letzten großen Tragödie in der arktischen Entdeckungsgeschichte, der Fall war. Wenn man hier sieht, wie z. B. der kühne Sergeant Rice, ausgehungert, todtmüde und erfroren, sich durch ein Quantum Rum, dem er sogar noch Ammoniak, das Schlimmste, worauf er verfallen konnte, zufügt, retten zu können glaubt und wie er dann unmittelbar darauf in den Armen seines Freundes Friedericks stirbt, während sich dieser seiner Kleider bis auf das Hemd beraubt, um die erstarrenden Glieder seines Freundes zu erwärmen, — da kann man nicht umhin, sich eigenartig durch den Gedanken berührt zu fühlen, daß so viel Energie, so viel Muth und so viele edle Selbstaufopferung nutzlos verschwendet werden soll. Ich will nicht einmal der unheimlichen Bacchanale Erwähnung thun, welche die Theilnehmer jener Expedition in diesen ungastlichen Gegenden, vom Tode umringt, veranstalteten. Außer der erschlaffenden Wirkung, welche der Alkohol auf die Ausdauer ausübt, indem er durch ein Herabsetzen der Körpertemperatur und eine Verringerung der Verdauungsthätigkeit geradezu schädlich wirkt, — so schwächt er auch die Energie und die Unternehmungskraft, und zwar in erhöhtem Maße, wenn die Leute, wie es auf der Greely-Expedition der Fall war, ausgehungert und fast erfroren sind.
Was soll man aber sagen, wenn ein so erfahrener Polarreisender wie Julius Payer in seinem Buch über die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition (1872-74) sagt, daß eine tägliche geringe Ration Rum auf einer längeren Schlittenreise, besonders bei sehr niedriger Temperatur, fast unentbehrlich ist (s. S. 224), während doch Branntwein gerade bei einer niedrigen Temperatur am schädlichsten wirkt und bekanntlich eine Verringerung der Körperwärme statt eine Erhöhung derselben hervorbringt. Freilich sind sehr viele Menschen in diesem Irrthum befangen, weil sie nach dem Genuß von Branntwein fühlen, daß er „inwendig erwärmt“, und weil sie nach einem guten Mittag mit vielen starken Weinen warm werden.
Viele sind der Ansicht, daß man den Branntwein, selbst wenn man ihn nicht zu den täglichen Rationen benutzt, doch mitnehmen sollte, um ihn als Medizin zu verwenden. Ich würde dieser Auffassung beistimmen, wenn man mir einen einzigen Fall nachweisen könnte, wo der Genuß von Branntwein zweckmäßig ist, so lange dies aber nicht geschieht, beharre ich bei meiner Ansicht, daß selbst der Vorwand, Branntwein mitzunehmen, an und für sich schon verwerflich ist.
Es ist entschieden das Richtigste, den Alkohol als Getränk von den arktischen Expeditionen völlig auszuschließen.[11]
Weniger schädlich als spirituöse Getränke auf den Expeditionen ist der Tabak, aber auch er (sowohl der Rauch- wie der Kautabak) wirkt bei starken Anstrengungen in hohem Grade schädlich, selbstverständlich nicht am wenigsten auf Expeditionen, wo Speisen und Getränke nicht allzu reichlich vorhanden sind. Er hat nicht allein einen ungünstigen Einfluß auf das Verdauungssystem, sondern er erschlafft auch die Körperkräfte und verringert die Nervenkraft, die Ausdauer und Zähigkeit. Bei der völligen Ausschließung des Tabaks von den Expeditionen muß indessen ein Umstand in Betracht gezogen werden, der in Bezug auf den Alkohol wegfällt (da man wohl nicht in die Verlegenheit kommt, Trinker mitzunehmen), — nämlich der, daß die meisten Menschen so an den Tabak gewöhnt sind, daß sie ein völliges Entbehren desselben sehr schmerzlich empfinden würden. Aus diesem Grund ist es gewiß nicht rathsam, einen allzu krassen Uebergang zu machen, man soll lieber den Verbrauch des Tabaks successive vermindern. Auf der anderen Seite aber soll man es auch vermeiden, allzu starke Raucher oder Kauer mitzunehmen.