Bis ganz vor kurzem war der Stab den Skiläufern fast ebenso unentbehrlich wie die Ski selber; auf ihm ritt er den Berg hinab, wenn die Geschwindigkeit zu groß wurde, zu ihm nahm er in jeder schwierigen Lage seine Zuflucht, er war sein einziger Tröster in jeglicher Noth. Dadurch erhielt freilich der Läufer eine gezwungene, hinten überliegende Stellung, ohne die eigentliche Herrschaft über die Ski zu erlangen oder sich auf seine eigenen Beine zu verlassen.
Dann aber entwickelte sich, besonders oben in Telemarken eine neue Richtung. Die jungen Burschen aus Telemarken zeigten uns, daß man, wenn man nur die gründliche Herrschaft über die Ski besitzt, weit größere Schwierigkeiten überwinden kann, ganz abgesehen davon, daß die Haltung sicher und frei wird, indem man den Körper anspannt und sich auf die Kraft der eigenen Beine statt auf den Stab verläßt.
Es sind noch nicht viele Jahre verflossen, seit diese neue Methode sich geltend machte, und doch hat sie schon eine ganze Umwälzung in unserer Skiwelt hervorgerufen. Gleichzeitig damit machte die Kunst des Luftsprunges ganz erstaunliche Fortschritte. Diese Kunst, die bei dem sportsmäßigen Skilaufen stets als Hauptsache betrachtet wurde, hat keine weitere praktische Bedeutung, denn Niemand sucht Schneeschanzen auf oder macht lange Luftreisen, wenn er weite Strecken zurückzulegen hat und seine Ski allen Ernstes gebraucht. Da sucht man dergleichen Schwierigkeiten zu umgehen. Diese Luftsprünge können völlig als Spiel betrachtet werden, aber sie sind ein nützliches Spiel, denn nichts verleiht dem Körper in dem Maße die Herrschaft über sich selbst, nichts giebt uns eine solche Sicherheit, einen solchen Muth und eine solche Herrschaft über die Ski als das Springen.
Ein Luftsprung.
Will man den Luftsprung ausführen, so sucht man Schneeschanzen auf, die entweder von der Natur gebildet oder aus Schnee aufgeschaufelt sind, und über die hinweg man in sausender Fahrt längere oder kürzere Luftreisen machen kann. Man verlängert den Sprung häufig, indem man auf der Kante der Schneeschanze den Anlauf nimmt. Auf diese Weise kann man 20-25 m durch die Luft schweben, ja, es giebt Skiläufer, die noch viel weiter zu springen vermögen. Man erzählt von einem bekannten Skiläufer aus Telemarken, Sóndre Auersen Nordheim, daß er 30 m von einem Felsblock hinab sprang und auf beiden Füßen stehend unten ankam. Der lothrechte Fall ist bei solchen Luftsprüngen nicht unbedeutend; 8-12 m sind die durchschnittliche Höhe, also ungefähr gleichbedeutend mit einem Fall aus der dritten Etage eines gewöhnlichen Gebäudes. Während der Segelfahrt durch die Luft halten sich Einige gerade wie eine Kerze, während andere die Beine unter sich ziehen (siehe [Seite 119] u. [122]). Man pflegt, wenn man unten anlangt, das rechte Bein vor das Linke zu schieben, und sinkt einen Augenblick in das linke Knie, indem man mit fliegender Fahrt weitersaust. Gerade der Umstand, daß man die Fahrt so lange beibehält, macht im Verein mit der Weichheit des Schnees solche Sprünge möglich. Daß Viele nach der Luftreise fallen, ist kein Wunder, und wenn man sie die Hügel hinabrollen sieht, — Arme, Beine und Ski durcheinander wirbelnd, — in eine Wolke von Schnee gehüllt, da wird Jeder, der es nicht selbst versucht hat, fest überzeugt sein, daß der kühne Skiläufer mindestens Arm und Beine gebrochen hat. Und doch kommt ein wirklicher Unglücksfall nur äußerst selten vor.
Zu sehen, wie ein tüchtiger Skiläufer seine Luftsprünge ausführt, — das ist eins der stolzesten Schauspiele, welche diese Erde uns zu bieten vermag. Wenn man sieht, wie er frisch und keck den Berg hinabgesaust kommt, wie er sich wenige Schritte vor dem Sprung zusammenduckt, auf der Sprungkante den Anlauf nimmt und — hui! — wie eine Möve durch die Luft dahinschwebt, bis er 20-25 Meter weiter abwärts die Erde berührt und in einer Schneewolke weitersaust, — da durchzittert es den Körper vor Freude und Begeisterung. Und einen solchen Anblick kann man im Winter bei guter Skibahn täglich haben, in Sonderheit aber bei den großen Skiversammlungen. Schon Olaus Magni erwähnt, daß man im 16. Jahrhundert „des Sports wegen auf Ski läuft, wetteifernd wer der Erste sein wird, gleich wie die Läufer beim gewöhnlichen Wettlauf, die um Prämien laufen.“ Diese Wettrennen sind seit dem Jahre 1862 in den südlichen Gebirgsgegenden regelmäßig wieder eingeführt. Die tüchtigsten Skiläufer des Landes treffen hier zusammen und kämpfen um den ersten Preis. Der eine segelt noch eleganter durch die Luft dahin wie der andere, während die Zuschauer in athemloser Spannung warten, bis sie unten anlangen. Stehen sie auf ihren Füßen, so werden sie mit endlosem Jubel begrüßt, während der Unglückliche, welcher fällt, ein schallendes Hohngelächter über sich ergehen lassen muß. Wer ein solches Wettrennen auf dem Huseby-Berge bei Kristiania mitgemacht hat, der vergißt den Anblick nie wieder.
Um aber völlig Herr über seine Ski zu sein, muß man noch etwas mehr verstehen, als nur auf ihnen zu springen. Man muß im stande sein, sie, sobald es erforderlich ist, nach beiden Seiten zu schwingen, sie ganz quer hinzustellen und vor jedem unerwarteten Hinderniß Halt zu machen. Kann man das nicht, da ist man stets in Gefahr, gegen Bäume und Erhöhungen im Terrain anzurennen, ja in unbekannte Abgründe hinabzustürzen. Deswegen wird dies alles bei den jährlichen Zusammenkünften geübt, und auch hierin sind die Bewohner von Telemarken die Lehrmeister der neueren Zeit. Sie in voller Fahrt daherkommen, dann plötzlich die Ski mit einer schnellen Wendung quer werfen und Halt machen sehen, das ist vielleicht ein beinahe so stolzer Anblick, als wenn man sie durch die Luft dahinfliegen sieht.
Die Ski sind vor allen Dingen ein Mittel zum Vorwärtsgelangen, und deshalb ist und bleibt auch die Geschwindigkeit, mit welcher der Skiläufer seinen Weg über ein ungebahntes Feld nehmen kann, der wichtigste Theil des Skilaufens.