Jetzt wird es uns an der Temperatur fühlbar, daß wir uns in nördlichen Breitengraden befinden. Die Lappen in ihren Rennthierjacken froren natürlich nicht, aber Einzelne von uns Anderen, die kein Pelzwerk mit hatten, fanden die Luft doch ein wenig kühl. Dies veranlaßte Ravna zu ziemlich ernsten Betrachtungen und er vertraute sich Balto an, der sofort zu uns kam und berichtete: „Er, Ravna, sagt zu mir: was haben wir nur einmal gethan, daß wir mit diesen Menschen gegangen sind, die so wenig Zeug haben, ich sehe, sie frieren schon jetzt, sie werden in Grönland sterben, wo es so kalt ist, Sverdrup, Dietrichsen, Kristiansen und Nansen, und da müssen wir beiden Lappen auch sterben, denn wir kennen ja den Weg nicht.“ —
Ravna befand sich überhaupt weniger wohl an Bord. Im Anfang war er seekrank, was sich jedoch nach einigen Tagen gab; Balto meinte, weil er sich von ihm habe mit Seewasser taufen lassen; ganz vertraut mit der See und dem Schiffsleben wurde er aber niemals. So konnte er sich durchaus nicht daran gewöhnen, unter Deck zu schlafen, es war ihm zu beklommen dort, er steckte Kopf und Arme in seine Pelzjacke, kroch wie ein Hund in einem Winkel auf Deck zusammen und schlief sicher ebensogut wie wir. Balto, der schon früher Erfahrungen in Bezug auf die See gemacht hatte, fand sich dagegen gleich zurecht an Bord. Er stand auf gutem Fuß mit der Mannschaft und spielte dabei den großen Mann.
Auf der Seereise von Schottland nach Island, sowie auf dem Meere zwischen Island und Grönland nahm ich täglich Luftproben, hauptsächlich, um den Kohlensäuregehalt zu untersuchen. Die Luftproben werden auf die in der Einleitung angeführte Weise genommen. So brachte ich sogar Luft aus dem Innern Grönlands mit nach Hause.
Schon auf den Faröern verlauteten böse Nachrichten über die diesjährigen Eisverhältnisse auf Island. Das Eis sollte so tief südwärts liegen, wie es „seit Mannesgedenken“ nicht der Fall gewesen; die Ostküste sei völlig unzugänglich. Nur allzubald sollten wir die Wahrheit dieses Gerüchtes erfahren, indem wir schon nach 24stündiger Reise in einer Entfernung von etwa 30 Meilen von Islands Ostküste auf Eis stießen. Wir schlugen eine nördliche Richtung ein, um zu sehen, ob es weiter nordwärts möglich sei, das Land zu erreichen, — es war aber vergebliche Mühe. Wir trafen auch mehrere Segler, die berichteten, daß sich das Eis ganz hoch nach Norden hinauf erstreckte.
Am nächsten Tage, Mittwoch den 16. Mai, machten wir am Morgen noch einen Versuch, die Ostküste ganz im Süden am Berufjord zu erreichen, aber auch hier hemmte das Eis schon 20 Meilen vom Lande entfernt unsere Fahrt. Da war nun nichts anderes zu thun, wir mußten unseren Kurs südwärts nehmen, und mit günstigem Winde segelten wir nun an der bergigen, malerischen Südküste Islands entlang. Am Nachmittage und Abend passirten wir Islands höchsten Berg, den Oeräfajökull, der sich direkt vom Meeresufer bis zu einer Höhe von 1960 m erhob. Als die Sonne ins Meer versank und ihre letzten Strahlen auf seine schneebedeckten Seiten und den Wolkenschleier warf, der seinen Gipfel umhüllt, da bot der Felsen einen großartigen Anblick dar. Hin und wieder zertheilten sich die Wolken, und seine ganze Kegelform mit ihren weichen Konturen enthüllte sich unserem Auge.
Der Oeräfajökull ist ein Theil des Vatnajökull, auf dessen südlicher Seite er liegt, dieser bedeutendsten Gletschermasse in Island, die nächst dem grönländischen Inlandseis die größte Gletschermasse der arktischen Gegenden ist.
Der Oeräfajökull ist ein alter Vulkan, der wohl nicht viele Ausbrüche gehabt hat, seit die Norweger sich zum erstenmal in Island ansiedelten, der aber trotzdem vielen Schaden angerichtet hat. Bei einem Ausbruch in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstörte er zwei Kirchspiele, und in Thorvaldur Thoroddsens „Lysing Island“ (von Professor Amund Helland übersetzt) heißt es, daß ganz Litlaherad durch Jökulhlaup[28] zerstört wurde und an einem Morgen 40 Höfe mit allem, was darin war, ins Meer gefegt wurden, so daß nur wenige Menschen entkamen. Es stürzten so viele Steine, Kies und Sand herab, daß dort, wo früher eine Tiefe von 30 Klaftern gewesen war, sich fortan eine Sandfläche erstreckte. Der letzte Ausbruch des Oeräfajökulls fand im Jahre 1727 statt, es wurden viele Höfe zerstört und viel Vieh getödtet.
Westlich vom Oeräfajökull und weiter ins Land hinein im Varmàrdalur liegt Lakis Kraterreihe, wo im Jahr 1783 ein Ausbruch stattfand, der heftiger und entsetzlicher war als irgend ein anderer seit der Ansiedlung Islands. Thoroddsen sagt: Man weiß nicht, daß je auf der ganzen Welt auf einmal so viel Hraun (Lava) zum Vorschein gekommen ist, wie bei diesem Ausbruch. Es heißt, daß in dieser Lava ebensoviel Steine enthalten sind, wie in dem ganzen Mont Blanc.[29]
Ueberhaupt sind die mittleren und südwestlichen Theile Islands stark vulkanischer Natur. Man kann hier dieselben Kräfte in Wirksamkeit verfolgen, die sowohl Island, wie die Faröer gebildet haben. Die Lavaströme aus der historischen Zeit haben sich bis 900 ☐km über älteren Tuft, Basalt oder präglacialer Lava ausgebreitet. Während die Faröer wie die todte Ruine eines ehemals mächtigen Gebäudes daliegen, ist derselbe Baumeister auf Island noch immer in Thätigkeit.
Die Hauptzüge in der Konstruktion sind an beiden Orten dieselben. Island ist gleichsam ein Stapel flacher Basaltschalen, die Faröer gleichen den Ueberbleibseln eines solchen Stapels, der nach Osten zu in schräger Richtung ins Meer verläuft.