Am nächsten Morgen — den 17. Mai — näherten wir uns den Vestmanna-Inseln (Vestmannaeyjar), die ungefähr in der Mitte von Islands Südküste einige Meilen ins Meer hinein liegen.
In dem herrlichsten Sonnenschein bei spiegelblanker See glitten wir zwischen diesen steilen, hohen Basaltinseln hindurch und warfen vor dem Hafeneingang auf Heimaey die Anker aus. Es ist dies die größte von den Inseln und gleichzeitig die einzige von der ganzen Gruppe, welche bewohnt ist. Hier blieben wir eine Zeit lang liegen, um ein Boot vom Lande her abzuwarten; so hatten wir Zeit, die Insel zu betrachten und sie, soweit die Brandung es zuließ, zu photographiren.
Die Vestmanna-Inseln und der Eyafjallajökull bei Sonnenuntergang.
(Von Th. Holmboe nach einer vom Verfasser im Mai 1882 angefertigten Skizze.)
Auch auf den Vestmanna-Inseln frißt das Meer sich ein und untergräbt die Lavaschichten zu lothrechten Abstürzen mit gewaltigen Thoren und Grotten. Es lag ein gewisser südländischer Typus über dem Ganzen, unwillkürlich schweiften die Gedanken zu den Küsten von Capri hinab und verglichen, aber in Bezug auf die Form tragen die Vestermannsinseln sicher den Preis davon. Wir steuerten gerade unter diese hohen Basaltfelsen, wo die Brandung emporspritzte und wo die Seevögel uns schreiend in großen Schwärmen umkreisten. Es ist etwas wunderbar Ueberwältigendes in dieser Natur. Man denke sich einen herrlichen frischen Morgen mit dem strahlendsten Wetter, ein krystallklares, grünes Meer und gerade vor uns auf dem Festlande Islands zweithöchsten Berg, den Vulkan Eyafjallajökull, der sich in einem Kegel hart am Meeresstrande zu einer Höhe von 1706 m erhebt und mit seiner mächtigen, weißen Schneehaube im Sonnenschein glitzernd daliegt. Weiterhin erblickt man andere Jökler (Eisgletscher), am hervorragendsten ist der Hekla mit seiner jetzt schneeweißen Kuppelform.
Die Nordseite der Vestmanna-Inseln. (Nach einer Momentphotographie.)
Die Fahrt geht indessen weiter an der Küste entlang, und bald versinkt auch all diese Pracht ins Meer, nur der Hekla, der Tinnfjallajökull und der Eyafjallajökull sind noch lange am Horizont sichtbar.
Späterhin am Nachmittage passiren wir Reykjanäs mit Islands einzigem Leuchtthurm, der auf einer hohen, weit ins Meer hinausragenden Klippe liegt. Der Leuchtthurm ist in den letzten Jahren mehrfach von Erdbeben heimgesucht worden. Das letzte Mal barst der Thurm, während zugleich ein großes Stück des Felsens ins Meer stürzte. Man ist jetzt darauf gefaßt, daß das Ganze eines schönen Tages im Meere verschwinden wird. Der Leuchtthurm liegt übrigens auf sehr vulkanischem Boden und in den traurigsten Umgebungen, die man sich vorstellen kann. Fast das ganze Reykjanäs ist eine einzige große Lavaebene, die sich ins Meer erstreckt. Ich war hier vor sechs Jahren am Lande und kann wohl sagen, daß ich mich nicht erinnere, jemals eine traurigere Strecke Landes durchwandert zu haben; kaum ein Grashalm war zu erblicken, alles war kahle, schwarze Lava, die sich bis an den Horizont erstreckte ohne weitere Abwechselung, als daß sie hie und da eine mehr röthlichere oder gelblichere Farbe annahm. Außer dem Häuschen des Leuchtthurmwächters war keine menschliche Wohnung zu sehen, so weit das Auge reichte, kein lebendes Wesen, außer ein paar mageren, verhungernden Brachvögeln, die auf der Reise nach dem Norden auf einer Art Wiese vor dem Hause des Leuchtthurmwächters Rast machten, wo ein paar Schafe sich an einigen abgestorbenen Grasbüscheln delektirten.