Wir richten unsern Kurs auf Snefellsnäs, um dann zu unserm nördlich gelegenen Bestimmungsort Isafjord zu gelangen. Am Abend, gerade bei Sonnenuntergang passirten wir den Snefellsjökull, der ein alter, auf der Spitze des Vorgebirges gelegener Vulkan ist. Gleich einem Kegel steigt er steil auf zu einer Höhe von 1413 m. Er ist als vorzügliches Seezeichen wohl bekannt, und manches Schiff hat seine weiße Mütze sicher in den Hafen geleitet. Jetzt im Schein der untergehenden Sonne, wo die letzten Strahlen seinen weißen Gipfel mit röthlichem Schimmer färben, gewährt er einen zauberhaften Anblick.
Die „Thyra“ vor Snefellsnäs. (Von Th. Holmboe nach einer Skizze des Verfassers.)
Als wir am Morgen, den 19. Mai, auf Deck kamen, wurden wir von einer steifen nördlichen Brise mit Schnee und Regen begrüßt, die hohen Basaltfelsen an der Küste waren bis zum Fuß mit Schnee bedeckt, hier und da sah man einzelne Eisblöcke in der See schwimmen. Es waren Vorläufer, die meldeten, daß das Eis nicht mehr fern sei. Wir befanden uns nun in der Nähe des Oenundarfjords und da die Brise anfing sich zu einem Sturm mit einem dichter werdenden Schneegestöber zu steigern, suchten wir hier, in dem vorzüglichen Hafen eine Zufluchtstätte, um das Unwetter abzuwarten. Der Sturm nahm nun mit rasender Schnelligkeit zu, und wir bekamen einen kleinen Begriff davon, was ein Sturm in diesem nördlichen Fahrwasser zu bedeuten hat. Man wagte sich nicht unnöthig auf Deck; man konnte sich freilich auf den Beinen halten, aber der Sturm war doch derartig, daß man die Nase, sobald man sie herausgesteckt hatte, schleunigst wieder einzog. Wir lagen indessen sicher und gut im Hafen. Es war der Abend vor Pfingsten, weshalb sollten wir es uns da nicht innerhalb unserer vier Wände so gemüthlich wie möglich machen? Von der Landschaft ringsumher sahen wir nur sehr wenig, eigentlich nur den Fuß der wahrscheinlich sehr hohen Felsen, und oft auch den nicht einmal. Aus allem, was wir erkennen konnten, ging hervor, daß wir uns in einer ausgeprägten Basaltgegend befanden. Allmählich bedeckte indessen eine dichte Schneeschicht alles, und das einzige, was sich von der Landschaft sagen ließ, war, daß hier ein vollständiger Winter herrschte, und daß man, wenn der Schnee ein wenig trockener gewesen wäre, man sicher die vorzüglichste Skibahn gehabt hätte.
Als wir am nächsten Morgen erwachten, befanden wir uns in Isafjord, wo wir der Bestimmung nach an Land gehen sollten. War es in Oerundafjord Winter gewesen, so war das hier nicht minder der Fall. Soweit das Auge reichte, war alles mit Schnee bedeckt. Isafjord ist die zweitgrößte von Islands drei Städten, sie liegt an einem kleinen Fjord, zwischen hohen Felsen eingeklemmt.
In Isafjord sagte man mir, das Treibeis läge nicht weit nach Norden hinauf, es läge südlich vom Kap Nord. Bei starken nördlichen Strömungen könne es noch weiter südwärts treiben und den Eingang des Fjords versperren. Dies geschieht freilich nur äußerst selten, aber es war doch eine Möglichkeit vorhanden, daß der „Jason“ Schwierigkeiten haben würde hereinzukommen und uns abzuholen. Um dies nicht zu riskiren, beschloß ich, nach dem südlich gelegenen Dyrafjord zu gehen, der nie durch Eis verschlossen wird, um dort den „Jason“ abzuwarten. Dies stimmte mit der getroffenen Verabredung überein. Ich hinterließ einen Brief in Isafjord, in welchen ich den Kapitän des „Jason“ benachrichtigte, daß wir in Dyrafjord zu finden seien, worauf wir, nachdem wir uns überzeugt hatten, wie weit nach Süden hin das Eis lag, eine südliche Richtung einschlugen.
Dyrafjord mit dem Glamujökull im Hintergrunde, von Thingeyre aus gesehen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)
Als wir am folgenden Morgen auf Deck kamen, segelten wir bei herrlichem Wetter in den Eingang des schönen Dryafjord ein. Der Winter hatte sich nun abermals zum Theil ins Gebirge zurückgezogen, und am Strande entlang lächelte uns ein Stück Frühling entgegen. Bald warfen wir in dem Hafen vor Thingeyre, dem Handelsplatz des Fjordes, unsere Anker aus. Hier nahmen wir Abschied von „Thyras“ Führer, Kapitän Sörensen, und der Mannschaft. Sie hatten vom ersten Augenblick an alles gethan, um uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, — beim Abschiede sandten sie uns einen donnernden Salut nach.
Auf Thingeyre wurden wir von dem Kaufmann Konsul Gram, unter dessen Dach wir die Wartezeit zubringen sollten, auf das herzlichste empfangen.