Auf dem Heimwege liefen wir auf Ski die steile Felswand hinab, wo wir die schönsten langen Skihügel mit hartem Schnee fanden, auf denen unsere stahlbeschlagenen Ski wie Glas dahinflogen. In sausender Fahrt ging es über die Höhen dahin. Da ging Balto unvorsichtig zu Werke und wurde kopfüber einen kleinen Felsvorsprung hinabgeschleudert. Beim Fallen verletzte er sich das eine Knie so ernstlich, daß wir unsere liebe Noth hatten, ihn wieder nach Hause zu schaffen. Beim Aufsteigen war Balto sehr groß gewesen, er meinte: „Für uns Lappen ist es eine Kleinigkeit, wir stecken den Stab zwischen die Beine und dahin geht’s.“ Als er aber diese Kunstfertigkeit bei dem ersten steilen Abhang zeigen sollte, erging es ihm übel, und wir konnten uns ja trotz unseres Mitleids des Lachens nicht enthalten. Längere Zeit hindurch war er nun Invalide, und ich glaubte mich schon eines meiner Kameraden beraubt, ja ich machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, einen Ersatzmann für ihn aus Island mitzunehmen, obwohl ich dort wohl schwerlich Jemanden gefunden haben würde, der sich darauf eingelassen hätte, mitzugehen. Bei täglicher Massage erholte er sich jedoch bald so weit, daß ich Hoffnung hatte, ihn mitnehmen zu können, er selber war sehr muthlos und fühlte sich äußerst unglücklich bei dem Gedanken, zurückbleiben zu müssen. Ebenso Ravna, der glaubte, daß er entweder gezwungen sein würde, allein mit uns zu gehen oder auch die Reise und damit den Verdienst aufzugeben.
Die Zeit wurde uns übrigens auf Thingeyre keineswegs lang. Bald bestiegen wir Berge, bald fuhren wir auf dem Fjord auf Jagd, bald ritten wir, besuchten Bauerhöfe etc. etc. Besonders die Ritte auf den kleinen, vorzüglichen isländischen Pferden waren äußerst amüsant.
Sitzt man quer über so einer kleinen Ratte und ist — wie der Schreiber dieses — von Natur nicht gerade klein, so nimmt man sich kaum zu seinem Vortheil aus, denn die Füße befinden sich in bedenklicher Nähe des Erdbodens. Man erhält ein unheimliches Gefühl der Unsicherheit, wie lange der Pferderücken wohl halten wird. Wenn es dann aber, was das Zeug halten will, im wildesten Galopp dahingeht, über unwegbare Stellen, wo die Steine unter den Pferdehufen rollen, durch Moore, wo das Pferd fast versinkt, über Bäche und Klüfte, an steilen Hügeln in die Höhe, an Felsabhängen und glatten Felsspalten entlang, kurz durch ein solches Terrain, in dem ein gewöhnliches Pferd bei den ersten Schritten die Beine brechen würde, und überall in derselben rasenden Eile, ohne daß das Pferd auch nur einen einzigen Fehltritt thut, — ja da erhält man Respekt vor diesem gewiß in der ganzen Welt unübertroffenen Gebirgspferd! Den höchsten Grad erreicht die Verwunderung aber, wenn man an einen Gebirgsfluß kommt und sieht, wie das Pferd entweder ohne weiteres durch den Strom watet, oder anfängt zu schwimmen, während man selber zusehen kann, wie man trocken bleibt. Ist der Fluß nicht sehr tief, so thut man am besten, die Beine auf den Hals des Thieres zu legen, wenn man da nicht bei einer unerwarteten Bewegung des Pferdes herunterrollt. Bekanntlich giebt es auf ganz Island weder Wege noch Brücken, auf dem Pferderücken oder zu Fuß aber kommt man überall durch.
Auf einem Bauerhof, in der Nähe von Dyrafjord, kaufte ich ein kleines Pferd, das ich für die Expedition mitzunehmen gedachte. „Dies Pferd“ — schrieb ich am 4. Juni in einem Brief nach Norwegen — „nehme ich mit, um es zum Ziehen des Bootes und der Bagage über die Eisschollen an Grönlands Ostküste zu verwenden, und — falls wir es so weit mitbekommen, — als Saumthier, um die Felsen an der Küste zu besteigen. Es ist ja zweifelhaft, ob wir viel Nutzen davon haben werden, aber jedenfalls bekommen wir, wenn wir es todtschießen, eine gute Mahlzeit frischen Fleisches.“
Leider sollten wir nicht viel Nutzen davon haben! Es ist nicht so leicht, im Frühling auf Island Futter aufzutreiben; so kam es denn, daß ich mit Mühe und Noth Futter für nur einen Monat zusammenkaufen konnte.
Es war ein prächtiges, kleines Thier und hatte die seltene Eigenschaft, daß es ans Ziehen gewöhnt war. Es war vor dem Pfluge gebraucht worden, und das ist eine große Seltenheit auf Island, wo die Pferde ja gewöhnlich nur mit Sattelzeug oder Saumsattel benutzt werden.
Eines Morgens während unseres Aufenthalts in Dyrafjord kam ein Dreimaster in den Fjord gedampft und ankerte im Hafen, es war das dänische Kriegsschiff „Fylla“. Dies war für uns natürlich eine Quelle großer Freude. Mehrere Tage hindurch genossen wir den Umgang der liebenswürdigen Offiziere und brachten manche gemüthliche Stunde an Bord zu.
Indessen näherte sich unsere Wartezeit nun ihrem Ende. Wir konnten jeden Tag gefaßt sein, den „Jason“ in den Fjord dampfen zu sehen, — und fingen bereits an, ein wenig ungeduldig zu werden.
Da, an einem Sonntagvormittag — es war am 3. Juni — erblickten wir weit draußen in der Fjordmündung einen kleinen Dampfer, welcher sich keuchend näherte, — Niemand wußte, was für ein Schiff das sein könne, man kam aber bald zu dem Resultat, daß es eines von den kleinen norwegischen Walfischfängern in Isafjord sein müsse. Er fährt um die „Fylla“ herum, grüßt mit der norwegischen Flagge und geht im Hafen vor Anker, ein Boot wird herabgelassen und kommt an Land. Unsere Freude war groß, als wir in dem ersten Mann, der das Ufer betritt, Kapitän Jakobsen, den braven Führer des „Jason“ erkannten. Es giebt natürlich ein stürmisch bewegtes Wiedersehen, der Zusammenhang war mir bald klar. Der „Jason“ war nach Isafjord gekommen, hatte uns dort nicht gefunden und wollte deshalb nach Dyrafjord weiter gehen, aber der Wind war entgegen, und es würde ihm mit seinem schweren Segelzeug schwer geworden sein, gegen den Wind anzudampfen. Da war denn der Direktor der norwegischen Walfischfanggesellschaft in Isafjord, Herr Grossierer Amli aus Kristiania, so unbeschreiblich liebenswürdig gewesen, uns den „Isafold“, eins seiner Dampfböte, ohne Säumen nachzusenden, um uns zu holen. Ein neuer, von einem Landsmann ausgehender Beweis, mit welchem Wohlwollen die Expedition begleitet wurde.