m Abend des 4. Juni lichteten wir im herrlichsten Sonnenschein die Anker. Gerade als wir den Fjord verließen, warf die sinkende Sonne ihren letzten liebkosenden Schein auf die Basaltfelsen des Isafjords. Die Westseiten derselben lächelten in der Abendsonne, während kalte Schatten über allen Spalten der Abhänge in der Nähe der Gipfel und in allen Klüften lagerten, die das Wasser an den Seiten gegraben hat, die eigenthümlichen wagerechten Formationen schärfer hervorhebend.

Bald sandten wir diesem letzten Stück Europa unsern Abschiedsgruß zu, ließen es hinter uns liegen und stachen in See.

Während wir uns vom Lande entfernen, schließt sich uns eine nach Hunderten zählende Schar dreizehiger Möven (Larus tridactylus) an, uns lautschreiend gleich einer weißblauen Wolke umschwebend, bald sinkend, — mit ausgebreiteten Flügeln dicht über das Kielwasser des Schiffes dahinfliegend, — bald steigend, in ihrem leichten anmuthigen Lufttanz zu dem blauen Himmel aufflatternd.

Hier war Gelegenheit, die Geschicklichkeit im Vogelschießen zu üben, — sie im Fluge mit der Kugel zu treffen, ist nicht so ganz leicht; mit der Zimmerpistole und dem Revolver zielten wir auf sie. Die meisten Schüsse treffen nicht; der Vogel schüttelt nur die Schwingen und fliegt weiter, jetzt aber wird eine Möve getroffen, sie ist nicht ganz todt, sie schlägt mit den Flügeln und sinkt, — anmuthiges hülfloses Geschöpf! Das Schiff geht ruhig weiter, es läßt sich nicht durch einen klagenden Vogel in seinem Kurs stören, — aber man kann ihn lange sehen, weit, weit dort hinten, umkreist von seinen Kameraden mit ihrem kläglichen, vorwurfsvollen Geschrei, mit den kraftlosen Flügeln die Wasserfläche peitschend. Wie erbärmlich, ohne Zweck und Ziel einen glücklichen Vogel um eines zweifelhaften Vergnügens willen zu opfern.

An jenem Tage wurde keine Büchse mehr angerührt, — so etwas hinterläßt eine kurze Weile einen tiefen Eindruck, dann aber wird es vergessen.

Ehe wir das isländische Fischrevier verlassen, müssen wir versuchen, eines Gerichts frischen Fisches habhaft zu werden. Ungefähr eine Meile vom Lande entfernt machen wir also Halt und werfen die Leinen aus. Nun folgt eine Spannung von mehreren Minuten, während welcher Niemand ein Wort spricht, — an der einen Leine zuckt es, sie wird aufgezogen. Man lehnt sich über den Schiffsrand; dort ganz unten im Wasser erglänzt es weiß, ein großer, zappelnder Dorsch wird an Deck gezogen. Bald folgt ein Fisch dem andern. Es ist ein lebhafter Wettstreit, wer die meisten fängt. Es währt denn auch nicht lange, bis wir ein gutes Gericht Fisch für uns und für die ganze Schiffsmannschaft haben. Mit dem Dorsch ist es nun an und für sich ganz gut, aber es wäre ganz angenehm, wenn wir auch einige Hellflundern fangen könnten. Deshalb fahren wir weiter hinaus, dorthin, wo die Hellflunderbänke sein sollen. Wir machen einen Versuch, sind aber diesmal nicht so glücklich. Wir wechseln den Platz und suchen abermals, — dasselbe Resultat. Ja, dann können wir nicht mehr Zeit daran wenden, und wir richten unsern Kurs westwärts, auf das Eis zu.

Es ist eine herrliche nordische Nacht. Die Sonne ist in das Meer gesunken, — im Westen und im Norden glüht noch der Tag. Ueber uns der vielfarbige Himmel, — unter uns das spiegelblanke Meer, das sich in schwermüthigen Gedanken wiegt, — in weicheren, noch feineren Tönen giebt es einen Wiederschein von der gedämpften Farbenpracht des Himmels, — dazwischen der schwarze „Jason“, den seine Maschine keuchend und stöhnend westwärts trägt. Hinter uns verschwindet Islands Felsenküste in bläulich violettem Ton langsam im Meere, — hinter uns liegt die Heimath und das Leben, was aber liegt vor uns? Niemand weiß es, aber es muß wohl etwas Schönes sein: Es ist eine gute Vorbedeutung, die Fahrt unter einem solchen Himmel zu beginnen!

Solche Nächte sind doch das Schönste von allem Schönen auf Erden!

Was ist das Leben, — ist es mehr als Hoffnung und Erinnerung? Die Hoffnung, die gehört möglicherweise dem Morgen an, aber die Erinnerungen, alle die lieblichen Erinnerungen, sie gehören dem Abend und der Nacht.