Schon am folgenden Tage, Dienstag, den 5. Juni, erreichten wir das Eis, das sich sehr weit nach Süden hin erstreckt.

Der Eindruck, den der Anblick der Treibeismassen des Polarmeers auf den Seereisenden macht, wenn er das erste Mal mit ihm in Berührung kommt, ist ganz eigenthümlich. Was man erblickt, ist für die Meisten sicher sehr verschieden von dem, was man erwartet hat. Eine gaukelnde Traumwelt mit wilden, phantastischen Formen, die nach allen Richtungen hin über dem Horizont aufragt, stets wechselnd, immer neu, ein Reichthum von strahlenden Regenbogenfarben, — so ist das Phantasiegebilde, das gewöhnlich von jenen Gegenden gemalt wird. So aber sieht diese Eiswelt keineswegs aus; sie ist einförmig und einfach, und doch macht sie einen eigenartigen Eindruck auf das Gemüth. Im kleinen hat sie Formen, die bis in das Unendliche wechseln, und Farben, die in allen Schattirungen von Blau und Grün spielen und sich brechen, — im großen aber wirkt diese Natur gerade durch ihre einfachen Gegensätze. Das treibende Eis, das sich gleich einer mächtigen, weißen Fläche glänzend und schimmernd ausdehnt, so weit das Auge reicht, einen weißen Wiederschein auf Luft und Wolken werfend, — das dunkle Meer, das sich oft fast kohlschwarz von der weißen Fläche abhebt, — und über all dieser Einförmigkeit ein Himmel, bald weißblau an hellen Tagen, bald dunkel drohend, mit treibenden Wolken bedeckt oder in dichte Nebel gehüllt, bald erglühend im Sonnenauf- und Untergang, oder träumend in der lichten Sehnsucht der Nächte. Und dann die dunkle Jahreszeit mit den seltsamen Nächten, mit Sternenschimmer und Nordlicht über diesen weißen Flächen spielend, oder der Mond, der wehmuthsvoller als sonst auf Erden seine lautlose Bahn durch eine öde ausgestorbene Natur zieht. Der Himmel hat in diesen Gegenden eine größere Bedeutung als überall sonst, die Landschaft selber ist sich stets gleich, der Himmel aber giebt ihr Farbe und Stimmung.

Die erste Begegnung mit dem Eise 1882. (Gezeichnet von Th. Holmboe.)


GRÖSSERES BILD

Niemals werde ich den Eindruck vergessen, den der erste Anblick dieser Natur auf mich machte. Es war in einer finsteren Märznacht im Jahre 1882, als ich an Bord eines Seehundsfängers von Norwegen aus den Eismassen entgegenfuhr, und in der Gegend von Jan Mayen das erste Eis gemeldet wurde. Ich sprang auf Deck und starrte hinaus, aber alles rings umher war finstere Nacht; ich konnte nichts erblicken. Da plötzlich tauchte etwas Großes, Weißes aus dem Dunkel auf, es wuchs und wurde immer weißer, wunderbar weiß im Gegensatz zu der rabenschwarzen Meeresfläche. Das war die erste Eisscholle. Dann kamen mehrere; sie tauchten schon in der Ferne auf, mit einem plätschernden Geräusch glitten sie vorüber und verschwanden wieder. Da gewahrte ich plötzlich einen sonderbaren Schein am nördlichen Himmel; am stärksten war er unten am Horizont, erstreckte sich aber hoch gegen den Zenit. Gleichzeitig vernahm ich ein schwaches Brausen, das von Norden kam, dem Schall der Brandung gleich, wenn sie gegen eine Felsenküste schlägt. Es war das Treibeis, das vor uns im Norden lag. Das Licht war der Wiederschein, den die weiße Fläche desselben auf die nebelige Luft wirft, das Geräusch aber rührte von der See her, welche über die Eisschollen dahinbrauste, die rasselnd gegeneinander prallten. In stillen Nächten kann man das Getöse ganz weit hinaus im Meere hören.

Wir näherten uns mehr und mehr, das Geräusch wurde stärker, die treibenden Schollen um uns zahlreicher, — jetzt stieß das Schiff zuweilen gegen eine an. Unter schrecklichem Getöse wurde sie in die Höhe gehoben und von dem starken Bug bei Seite geschleudert. Manchmal waren die Stöße so heftig, daß das ganze Schiff bebte und man vornüber auf das Deck geworfen wurde. Man konnte wahrlich nicht mehr in Zweifel sein, daß man hier etwas Neuem, Unbekanntem entgegenfuhr. Wir nahmen unsern Kurs ein paar Tage hindurch am Eise entlang. Da zog eines Abends ein Unwetter herauf, wir waren des Seegangs müde und beschlossen, in das Eis hineinzugehen, um dort den Sturm abzuwarten. Ehe wir aber den Rand des Eises erreichten, brach der Sturm los. Die Segel wurden gerefft, schließlich hatten wir nur noch ganz verschwindend wenig Leinwand zurückbehalten, — trotzdem aber flogen wir in sausender Fahrt dahin. Das Schiff stieß gegen das Eis an, es wurde von einer Eisscholle gegen die andere geschleudert, aber es mußte vorwärts und bahnte sich seinen Weg durch die Finsterniß. Und nun kam das Schlimmste, nämlich der Seegang, der immer stärker wurde. Die Eisschollen thürmten sich auf, schlugen gegeneinander, es brauste und lärmte rings um uns her, aber die kräftigen Kommandorufe des Kapitäns vermochten das Brausen der Brandung zu übertönen. Pünktlich und schweigend gehorchten ihm die bleichen Männer, alle waren auf Deck, unter Deck war sich jetzt, wo das Schiff in allen Fugen krachte, Niemand seines Lebens mehr sicher.

Und weiter ging es in das Eis hinein, es schäumte und brauste vor dem Bug, die Eisschollen rollten heran, zerschellten, wurden untergedrückt oder bei Seite geschoben, — da war keine Rede von Widerstand. Dort vor uns im Dunkeln erhebt sich eine mächtige, weiße Eisscholle, sie droht die Davids und das Takelwerk an der einen Seite fortzufegen; das Steuer wird gewendet und unbeschädigt gleiten wir vorüber. Da rollt eine große Welle heran, sie bricht sich weiß schäumend an der Windseite, das Schiff erhält einen gewaltsamen Stoß, ein Krach erschallt, Holzsplitter sausen uns um die Ohren, das Schiff legt sich auf die Seite, ein neuer Krach ertönt, — auf beiden Seiten ist die Schanzbekleidung zertrümmert.

Aber je weiter wir in das Eis hinein kommen, desto ruhiger wird es. Der Seegang ist hier nicht so fühlbar, das Getöse wird schwächer, nur der Sturm saust stärker denn je über uns hin. Es war ein Wagniß, sich bei einem solchen Sturm auf das Eis zu begeben, aber wir gingen unbeschädigt daraus hervor und waren jetzt in sicherem Hafen. Als ich am nächsten Morgen auf Deck kam, war es bereits heller Tag, — rings um uns her lag das Eis weiß und friedlich, nur die zertrümmerten Schanzbekleidungen erinnerten an eine stürmische Nacht.

Ja, das war meine erste Begegnung mit dem Eise.