Wie ganz anders dagegen war es jetzt, — an einem sonnenhellen Tage erblickten wir es, blendend weiß lag es zitternd und bebend im Sonnenlichte da; leise und friedlich trieb das Meer seine Wogen gegen das kalte Gestade.

Man darf sich die Treibeismassen des Eismeeres nicht wie eine einzige, zusammenhängende Fläche vorstellen. Sie bestehen aus zusammengestauten Massen von größeren und kleineren Schollen, die eine Dicke von 6 m, ja 12-15 m und mehr haben können. Wie sie gebildet werden und woher sie kommen, weiß noch Niemand mit Sicherheit zu sagen, — dieser Prozeß muß irgendwo auf dem offenen Meer im höchsten Norden vor sich gehen, dort, wohin noch Niemand gelangt ist. Von dem Polarstrom wird dann das Eis südwärts an der Ostküste Grönlands entlang geführt. Hier werden von der See die großen, zusammenhängenden Flächen zertrümmert, und die kleineren Schollen treiben dann weiter nach Süden zu. Durch das Zusammenpressen und Zusammenstauen des Eises während eines starken Seeganges thürmen sich die Schollen oft aufeinander auf und bilden Eisberge, die 6-8 m über dem Meeresspiegel emporragen können.

Das auf diese Weise zerkleinerte Polareis trifft der Seehundsfänger in der Dänemarksstraße an, und zwischen diesen oft sehr gefährlichen Eisschollen bahnt er sich auf der Jagd nach Klappmützen seinen Weg mit seinem starkgebauten Fahrzeuge.

Mehrere Tage gehen wir nun südlich am Eise entlang. Am Mittwoch erblicken wir Staalbjerghuk, das nach unserer Berechnung 8 geographische Meilen von uns entfernt liegt.

Am Donnerstag — den 7. Juni — kamen wir an eine von Schlampeis umgebene Eisspitze. Einzelne Klappmützen zeigen sich auf den Schollen. Es war ein gutes Zeichen, so früh schon in der ersten Eisbucht, zu der man kam, Seehunde zu sehen, und Bilder von Fangjahren, wie man sie in früheren Zeiten hier in Grönland gekannt hatte, stiegen in der lebhaften Phantasie der Seehundsfänger auf. Sie waren ja alle stark an dem Erfolg interessirt, da ihre Einnahme davon abhängig ist, und die Hoffnung hat bei vielen Menschen glücklicherweise die Angewohnheit, ihnen das vorzuspiegeln, was sie wünschen. Sie steigt leicht, um ebenso schnell wieder zu fallen.

Man erblickte mehrere Seehunde auf dem Eise, und der Kapitän entschloß sich, einen kleinen Versuch zu wagen und einige Böte auf den Fang auszusenden. Die Böte der einen Wacht, also die Hälfte sämtlicher Schiffsböte, wurden ausgeschickt. Kapitän Sverdrup und Lieutenant Dietrichson, die noch niemals an einem Fang theilgenommen hatten, brannten natürlich vor Eifer, diese Unmenge von Wild zu sehen und darauf zu schießen, sie waren deshalb nicht wenig erfreut, als es endlich von dannen ging; ihrer Unerfahrenheit wegen mußten sie diese erste Jagd jedoch unter Leitung eines erfahrenen Schützen unternehmen. Bald hörte man es rings umher aus allen Richtungen knallen, aber es war kein lebhaftes Feuer, bald hier, bald da ein Schuß, nicht als wenn es wie bei einer heißen Jagd von allen Ecken und Kanten kracht und blitzt. Es waren scheinbar einzelne, hauptsächlich kleinere Seehunde, die über das Eis zerstreut lagen. Als die Böte zurückgekommen waren, wurden am Nachmittage die Böte der anderen Wacht ausgesandt. Ich blieb den ganzen Tag an Bord und schoß einige Seehunde vom Hintertheil des Schiffes. Merkwürdigerweise kann man den Thieren in der Regel mit dem Schiffe näher kommen als mit den kleinen Böten, bei deren Anblick sie schon in großer Entfernung unter Wasser tauchen; mit einem Schiff dagegen kann man zuweilen gegen die Eisscholle stoßen, auf der sie sitzen, ohne daß sie sich vom Fleck bewegen.

Alles in allem hatten wir an diesem Tage 187 Seehunde gefangen, was nicht viel ist. Es waren meistens junge Thiere, — „Klappmützenferkel“.

An jenem Tage sahen wir westlich von uns im Eise mehrere Fangschiffe und, an dem folgenden Tage sprachen wir mit einigen derselben. Es war ganz selbstverständlich, daß sie alle gern mit dem „Jason“ reden wollten, der diese sonderbare Grönlandsexpedition an Bord hatte. Der Kapitän der „Magdalena“ aus Tönsberg kam an Bord und erhielt die Post für die anderen Fahrzeuge ausgeliefert, da wir ja nach der Ostküste von Grönland wollten und es unsicher war, ob wir den anderen Schiffen begegnen würden. Die Art und Weise, wie die Post auf dem Eismeer besorgt wird, ist höchst eigenthümlich. Wenn eins der Fahrzeuge um Island herumfährt, so erhält es die Post für alle anderen Schiffe. Nun wird man natürlich sagen, daß das Eismeer groß ist und daß es unsicher sein kann, ob man einander hier oben begegnet, aber das ist eine irrthümliche Ansicht. Das Fangterrain ist nicht größer, als daß man hier oben nicht ebenso genau übereinander unterrichtet sei, als daheim in einer kleinen Stadt über das Thun und Treiben seiner Mitmenschen. Man liegt gern nahe bei einander und entfernt sich nur ungern weit von den anderen Fahrzeugen, da man fürchtet, daß diese, während man fort ist, einen guten Fang machen könnten.

Späterhin am Nachmittag passirten wir den „Geysir“ aus Tönsberg. Der Kapitän kam an Bord, aß mit uns zu Abend und trank ein Glas Grog. Er war so munter und froh, daß Niemand es übers Herz bringen konnte, ihm die Mittheilung zu machen, daß er seit seiner Abreise aus der Heimath drei Kinder an der Diptheritis verloren habe. So kann man hier oben auf dem Eismeer leben, ohne zu ahnen, was in der Welt vor sich geht. Alle Freuden und Sorgen drehen sich um Seehunde und Seehundsfang, ganz Europa könnte zusammenstürzen, ohne daß man eine Ahnung davon hätte.

Während der Nacht passirten wir den „Morgen“, eines von Sven Foyns Schiffen. Es kam gerade aus dem Eise und hatte die Felle von drei frischgeschossenen Eisbären im Schlepptau, — man pflegt die Bärenfelle eine Zeitlang hinter dem Schiffe herzuschleppen, um sie zu reinigen. Dies ärgerte Dietrichson und Sverdrup sehr, denn es war ihr höchster Wunsch, Bären zu sehen und zu schießen.