Während der nächsten Tage nahmen wir einen westlichen Kurs, aber der Wind war ungünstig, so daß es nicht so schnell ging, wie wir erwartet hatten, besonders da wir uns bei jedem tieferen Einschnitt in das Eis nach Seehunden umsahen, freilich ohne ein nennenswerthes Resultat.
Häufiger dagegen trafen wir Walfische, besonders die kleinere Walfischart (Hyperoodon diodon) sahen wir viel. In Schaaren von 5, 6 oder auch mehreren kamen sie, wie das ihre Gewohnheit ist, dicht an die Seiten des Fahrzeuges heran und tummelten sich dort oder lagen zuweilen ganz still dicht vor dem Bug. Es sind ganz sonderbare Thiere, mit ihrem weichen, runden Fettpolster über der Stirn, das sie gewöhnlich aus dem Wasser herausstecken. Dies Fettpolster ist besonders bei dem Männchen sehr auffallend und sticht sehr gegen den langen schmalen Rüssel ab, zu dem sich die Kiefern verlängern und der fast niemals über dem Wasser erscheint.
Der Rüsselwal muß zu den Zahnwalen gerechnet werden, obwohl er nur zwei kleine Zähne hat, die ganz vorn im Unterkiefer ziemlich lose sitzen und die bei den älteren Thieren sehr häufig ausfallen. Sie haben sichtbar keine Spur von Nutzen von diesen Zähnen, die nur ein letzter Ueberrest raubgieriger Vorfahren sind, die gleich den anderen Zahnwalen eine lange und kräftige Reihe spitzer, kegelförmiger Zähne besaßen. Eine veränderte Lebensweise hat die Zähne indessen unnütz gemacht, ganz allmählich sind sie verschwunden, und nur die beiden sind noch übrig geblieben. Der Rüsselwal hat übrigens, während er noch im Mutterleibe liegt, den Ansatz zu einem vollständigen Gebiß, dem Erbtheil seiner Väter. Jetzt lebt er von Oephalopoden und kleineren Thieren, die heil verschluckt werden können, weshalb die Zähne völlig nutzlos sind.
Wie wenig Verwendung die Thiere für diese beiden Zähne haben, die ihnen geblieben sind, davon erhielt ich vor einigen Jahren einen schlagenden Beweis, indem mir, — ich war damals am Museum in Bergen angestellt — der Zahn eines Rüsselwals zugesandt wurde, dessen Krone mit langen Rankenfüßen (Cirripedia) dicht besetzt war; es waren Junge und Alte, eine ganze Kolonie. Einzelne waren so groß, daß sie ganz aus dem Munde des Thieres herausgestanden haben müssen. Wäre dieser Zahn benutzt worden, so hätten diese Schmarotzer keinen Augenblick sitzen bleiben können, ohne abgerissen zu werden. Der Zahn wird noch im Museum zu Bergen aufbewahrt.
Dergleichen kleine Beobachtungen, wie unbedeutend sie auch erscheinen mögen, sind doch oft für den Naturforscher von großem Interesse, denn sie zeigen ihm auf wie unsicheren Füßen die anspruchsvolle aber doch so allgemein verbreitete Annahme steht, daß alles in der Natur einen Zweck hat.
Zuweilen trafen wir auch die großen, gewaltigen Blauwale, Grönlandswale (Balenoptera Sibaldii), die Riesen der modernen Fauna. In weiter Entfernung kann man sie kommen und pusten hören und die verdichtete Dampfsäule ihren Nasenlöchern entsteigen sehen. Sie kommen näher und dann — vielleicht ehe man es ahnt — stecken sie erst den Kopf mit dem scharfen Kiel (am Nasenrücken entlang), dann den mächtigen Rücken — mit der kleinen Flosse — neben dem Schiff aus dem Wasser. Sie stoßen den Athem von sich, eine mächtige Dampfwolke steigt in die Luft, — es ist, als wenn man das Ventil an einem Dampfkessel öffnet, man fühlt die Luft förmlich vibriren. Dann krümmen sie den Rücken und verschwinden wieder.
Am Sonntag, den 10. Juni, haben wir neblige, bedeckte Luft. Mehrere Tage lang haben wir keine Observationen machen können und wissen nicht, wie weit wir gekommen sind, aber die Strömung, die hier sehr stark ist, muß uns sehr weit südwestwärts getrieben haben. Falls Aussicht vorhanden wäre, das Land jetzt zu erreichen, müßten wir uns nun an dem Punkte befinden, wo sich der Rand des Eises in westlicher oder nordwestlicher Richtung abbiegt, aber es ist kein Anzeichen vorhanden, was darauf schließen läßt. Dies sieht recht hoffnunglos aus. Die Fangzeit für die Klappmützen nähert sich stark, es kann lange währen, bis der „Jason“ wieder gegen den Strom nach Nordosten gelangt, um so mehr, als wir jetzt östlichen Wind haben. Die anderen Schiffe können währenddessen fangen, und ich hatte mich verpflichtet, den „Jason“ durch meine Expedition nicht vom Fang zurückzuhalten.
Am Vormittage wurde der Beschluß gefaßt, den Landungsversuch vorläufig aufzugeben und bessere Zeiten abzuwarten. Wir kehren in östlicher Richtung nach dem gewöhnlichen Fangterrain zurück, aber Wind und Strömung sind uns nun entgegen und wir müssen unsere Zuflucht zum Kreuzen nehmen.
Am folgenden Tage klärt es sich auf und wir bekommen Land in Sicht, — der erste lockende Anblick von Grönlands Ostküste, die in hohen, zackigen Felsen vor uns aufragt. Das muß zweifelsohne das Land nördlich von Kap Dan sein. Wir sind nicht so weit davon entfernt, wie wir annahmen, — wahrscheinlich nur 15 Meilen.
Eine tiefe, enge Bucht schneidet in der Richtung des Landes in das Eis ein. Sie scheint sich sehr weit zu erstrecken, — das Ende ist nicht zu erblicken, selbst nicht vom Mastkorb aus. Wir beschließen, den Versuch zu machen, wie weit wir hineindringen können.