Der Wind ist günstig, er führt uns schnell durch die Bucht. Bald schimmert uns jedoch Eis entgegen, ein Seehundfänger läßt den Muth aber nicht so leicht sinken. Wir zwängen uns hindurch, vor „Jasons“ starkem Bug müssen die Eisschollen weichen. Nun gelangen wir in ein großes, offenes, eisfreies Gewässer; in der Richtung nach dem Lande zu ist, soweit das Auge reicht, kein Eis zu erblicken. Das sieht sehr verheißend aus. Die Breiten- und Längengrade werden bestimmt, — um die Mittagszeit sind wir auf dem 65° 18′ N. B. und auf dem 34° 10′ W. L. — also noch über 13 Meilen vom Lande entfernt. Wir lassen jedoch die Hoffnung nicht sinken, vielleicht können wir es doch bald erreichen.
Nachdem wir aber noch einige Stunden mit guter Fahrt vorwärts gekommen sind, wird vom Mast aus abermals „Eis in Sicht“ gemeldet. Wir fahren eine Strecke hinein, es stellt sich aber bald heraus, daß es zu dicht liegt, um das Fahrzeug hindurch zu bringen. Wir sind nun 9-10 Meilen vom Lande entfernt, und da das Eis vor uns ziemlich uneben ist, halte ich es nicht für rathsam, hier schon jetzt einen Landgang zu versuchen. Es ist besser, bis zu einer späteren Jahreszeit zu warten, wo das Eis dünner geworden ist.
Es sieht freilich so aus, als ob wir weiter nach Norden uns dem Lande bedeutend mehr nähern könnten, aber der „Jason“ soll, wie bereits erwähnt, auf Seehundsfang, und wenn man sich dort mit aller Gewalt durch das Eis zwängen will, so kann man Gefahr laufen, stecken zu bleiben und so um die beste Fangzeit zu kommen. Deshalb wenden wir abermals und nehmen für diesmal Abschied von der Ostküste Grönlands. Bald verhüllen dichte Nebel das Land vor unserm Blick.
Unser erster Anblick von Grönlands Ostküste (bei Ingolfsfjeld).
(Nach einer Skizze des Verfassers.)
Ueber diesen unseren ersten Anblick von Grönland schreibt Balto: „Wir segelten mehrere Tage in der Richtung auf Grönland zu, bis wir das Land in Sicht bekamen. Aber es lag noch sehr weit von uns entfernt, ungefähr 15 Meilen hinter dem Eise. Der Theil von Grönlands Ostküste, den wir sahen, war nicht schön oder lieblich zu schauen, im Gegentheil war die Küste häßlich und unheimlich anzusehen, denn fürchterlich hohe Felsberge ragten wie Kirchthürme zu den Wolken des Himmels auf, die ihre Gipfel bedeckten.“
Am nächsten Tage erhielten wir einen guten Beweis von der Stärke der Strömung in diesem Fahrwasser. Die ganze Nacht hatten wir unter einem starken östlichen Wind in nordöstlicher Richtung gekreuzt. Am nächsten Vormittag bekamen wir wieder Land in Sicht, aber in ungefähr derselben Richtung wie am vorhergehenden Tage.
In den folgenden Tagen kreuzen wir nordöstlich an der Eiskante entlang, kommen aber nur wenig vorwärts, da der Wind und der Strom uns sehr entgegen sind. Auch jetzt erblicken wir viele Rüsselwale, sowie mehrere große Bartenwale, meistens wahrscheinlich Blauwale, die sich fast alle in westlicher Richtung bewegen, vielleicht gegen Grönland. Wahrscheinlich haben die Walfische ihre ganz bestimmten Wanderungen, aber wir wissen bis dahin nur sehr wenig Bestimmtes darüber. Hin und wieder erblickten wir eine kleinere Art des Bartenwales, — die Seehundsfänger nennen sie zuweilen Klappmützenwale, sie behaupten nämlich, daß sich diese Thiere in der Nähe des Klappmützenfanges aufhalten. Dem Anschein nach konnte es derselbe Wal sein, der an den Küsten von Finnmarken vorkommt und dort Seiwal (Balenoptera borealis) genannt wird. Ein paarmal sah ich den Speckhauer (Butzkopf) (Orca gladiator), diese kleine Walfischart, die so leicht an ihrer rechten Rückenflosse zu erkennen ist und die aus dem Grunde von den norwegischen Fischern Staurhynning, Staurhval genannt wird. Es ist ein selten kräftiger Schwimmer mit schnellen Bewegungen und einem gefährlichen Gebiß. Er ist der Schrecken sämtlicher großer Wale, — wo er sich zeigt, da fliehen sie über Hals und Kopf, und ein einziger der kleinen Gladiatoren genügt, um die großen Riesen vor sich her zu jagen, zuweilen sogar bis auf das Land. Die Angst, welche die großen Walfische vor ihnen haben, ist nicht so ganz ohne Grund, denn sie verfolgen sie und greifen sie von hinten an. Es pflegen ihrer mehrere zu sein, mit ihren schnellen Bewegungen fahren sie auf ihre Feinde ein und reißen ihnen große Stücke Speck aus den Seiten, — daher der Name. Von Schmerzen und Verzweiflung getrieben, peitschen die großen Wale das Wasser und schießen mit Blitzesschnelle davon, von den kleinen Ungeheuern verfolgt, die nicht nachlassen, bis die Feinde, ermattet von der Anstrengung und dem Blutverlust, sich ergeben müssen. Aber nicht Wale allein greifen die Butzköpfe an, auch die Seehunde sind Gegenstand ihrer Raublust. Die Eskimos haben mir erzählt, daß sie gesehen haben, daß diese Thiere (Ardluk, wie sie sie nennen) einen Seehund mit einem einzigen Biß verschlingen.
An unseren Küsten scheint der Butzkopf zum Theil ein friedlicheres Leben zu führen. Er wird viel von unseren Heringsfischern gesehen und scheint hier nur von Heringen und Seien zu leben. Er scheint keine Neigung zu haben, die großen Walfische anzugreifen, mit denen er fortwährend in Berührung kommt, und sie ihrerseits scheinen keine Angst vor ihm zu haben.
Was der Grund hierzu sein kann, ist noch nicht aufgeklärt. Vielleicht findet er hier genug Fischnahrung, so daß er sich nichts aus dem Speck der Wale macht, die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß die großen Bartenwale, welche auf die Heringsbänke kommen, nämlich der Finnwal (Balenoptera musculus) und der Spitzenwalfisch (Balenoptera rostrata) nicht die Wale sind, welche er anzugreifen pflegt. Ich möchte zu der Annahme neigen, daß ihm diese zu schnell sind, weshalb er den größeren, aber weniger schnellen Blauwal und möglicherweise auch den Narwal (Megaptera boops) vorzieht.