Hin und wieder sah man die Seehunde im Wasser schlafen. Auf den Wellen auf- und niederschaukelnd, gleichen sie zum Verwechseln den Korkbojen, die auf dem Wasser schwimmen. Einzelne Seehunde lagen auch auf den zerstreut umhertreibenden Eisschollen. Dies konnte möglicherweise ein Zeichen sein, daß sich Seehunde im Eise vor uns befanden, aber die Luft war dick, und wir hatten keine Ruhe, auf so etwas zu achten. Wir sehnten uns danach, die anderen Fangschiffe wiederzusehen.
Endlich hatten wir ein wenig westlichen Wind, und eine zweitägige Fahrt brachte uns wieder mit den anderen Schiffen zusammen. Man seufzte an Bord des „Jason“ erleichtert auf, als es sich herausstellte, daß sie, seit wir sie verlassen, nichts gefangen hatten.
Bis lange über Johannis hinaus lagen wir da und trieben uns außerhalb des Eises in Nebel und schlechtem Wetter herum, von den Wellen hin und hergeschaukelt, — von Seehunden aber war keine Spur zu erblicken.
Nach Johannis würde es anders werden, meinte man, aber der St. Johannisabend und der St. Johannistag und noch viele andere Tage vergingen, ohne irgend welche Veränderung mit sich zu führen, — nur das Wetter war besser geworden, — wir hatten jetzt herrlichen, herzerquickenden Sonnenschein. Dies verschönerte uns das Dasein ganz bedeutend. So lange man die Sonne hat, darf man ja nicht klagen. Alle Fahrzeuge, die sich in der Dänemarksstraße befinden, ungefähr 14-15 Stück, sind jetzt hier versammelt. Die ganze Schar fährt hintereinander her in die Buchten hinein und wieder hinaus gleich einer Schafherde. Sobald eines der Schiffe sich in eine Bucht hinein begiebt, folgen ihm alle anderen, späht dann das erste Schiff nach Fang aus, so folgen alle anderen seinem Beispiel, — wendet es, so wenden auch die anderen und dann gehts wieder in die offene See hinaus. Und dies wiederholt sich Tag für Tag, Woche auf Woche.
Es wird vielleicht einzelne Leser interessiren, ein vollständigeres Bild von dem Leben, den Wanderungen und dem Fang der Klappmützen zu erhalten.
Da ich mehr Gelegenheit als die Meisten gehabt habe, Beobachtungen in dieser Richtung anzustellen, will ich es versuchen, in einem besonderen Kapitel eine kurzgefaßte Darstellung davon zu geben, soweit meine Erfahrungen mir das gestatten.
Vieles, besonders die Wanderungen der Klappmützen betreffend, ist noch in Dunkel gehüllt und bedarf deswegen einer gründlicheren Untersuchung.
Kapitel VI.
Die Klappmütze (Cystophora cristata).
ie Klappmütze (Cystophora cristata) ist eine sehr große Seehundsart, die den See-Elephanten an der Westküste Amerikas und in den antarktischen Meeren am nächsten verwandt ist, — gleich diesen hat das Männchen eine Mütze über der Nase, wodurch es sich auffallend von allen anderen arktischen Seehunden unterscheidet. Das Weibchen hat keine solche Mütze zum Aufblasen, obwohl die Haut über der Nase auch bei ihm ein wenig lose und faltig ist.[30] Die Klappmütze kann eine beträchtliche Größe erreichen und ist nächst dem blauen Seehund die größte Seehundsart, die in unserem nordischen Fahrwasser vorkommt. Gleich, wenn sie zur Welt kommt, ist sie bereit, ins Wasser zu gehen und hat ein aus glatten Seehundshaaren bestehendes Fell, das am Bauche ziemlich hell, beinahe weiß, auf dem Rücken aber grau ist. Nach dem ersten Häuten ist es ein wenig gefleckt, und je mehr die Klappmütze heranwächst, je mehr steigert sich dies, bis es schließlich eine gräulich weiße Farbe mit zahlreichen größeren und kleineren unregelmäßigen, über den ganzen Körper verbreiteten Flecken hat. Am kleinsten sind die Flecken auf dem Kopf, aber sie sitzen hier so dicht, daß der Kopf fast schwarz zu sein scheint. Das Männchen kann seine Mütze zu ganz erstaunlichen Dimensionen aufblasen, wodurch der Kopf ein ganz eigenthümliches Aussehen erhält. Dies geschieht jedoch nur selten. Ich habe es nur gesehen, wenn es heftig gereizt wird, z. B. wenn es angeschossen war. Gewöhnlich hängt die Mütze schlaff herunter und ragt dann gleich einem ganz kurzen Rüssel über dem Rücken der Nase hervor. Welchen Zweck diese Mütze hat ist nicht leicht zu verstehen. Es könnte fast so aussehen, als wenn sie ein Vertheidigungsmittel zum Schutz ihres empfindlichsten Punktes, nämlich der Nase sein sollte; diese ist nämlich bei den Männchen im Laufe der Zeiten infolge ihres Kampfes um die Weibchen sehr entwickelt worden, indem die bestbeschützten siegreich aus diesem Kampfe hervorgegangen sind und Gelegenheit zur Vermehrung gehabt haben.