Es handelt sich vor allen Dingen darum, den Seehund zu finden, und das ist oft schwierig genug, denn man darf sich nicht einbilden, daß er über dem ganzen Eis dort oben zerstreut liegt. Um ihn zu finden, müssen die Fahrzeuge oft wochenlang suchen. Sie gehen dann an dem äußeren Rande des Treibeises entlang, und überall, wo sich Buchten oder Oeffnungen im Eise befinden, dringen sie ein, — während die Eismassen nach allen Richtungen hin ununterbrochen mit dem Fernrohr von der auf dem Großmast angebrachten Ausgucktonne untersucht werden. Entdeckt man dann endlich nach längerem Spähen weiter ins Eis hinein Scharen von Seehunden, und ist dies Eis nicht allzu dicht zusammengestaut, so handelt es sich darum, die Maschinen so stark wie möglich zu heizen und auf das Eis zu gehen, um so schnell wie möglich zu den Seehunden zu gelangen, da man sonst Gefahr läuft, daß ein anderes Fangschiff Einem den Rang ablaufen kann, was selbstverständlich nicht geschehen darf.

Beim Kartenspiel hören alle verwandtschaftlichen Rücksichten auf, heißt es im Volksmunde, und dasselbe gilt in vollem Umfange auf dem Eismeer; denn hier sucht man einander nach besten Kräften zu übervortheilen. Liegen mehrere Schiffe in der Nähe, wenn man Seehunde erblickt, und sie noch nicht aufmerksam darauf geworden sind, so kommt es natürlich darauf an, sie durch List zu entfernen, so daß man den Fang für sich allein hat. Zu diesem Zweck werden die unglaublichsten Kunstgriffe angewandt; man dampft unter vollen Segeln nach einer ganz anderen Richtung ab und thut, als sähe oder erwarte man dort Seehunde, um auf diese Weise die Anderen mitzulocken, um dann, — sobald sie folgen und eine Strecke weit gekommen sind, zurückzuschleichen und allein die Seehunde aufzusuchen, — ja, das gehört zu den ganz gewöhnlichen Manövern dort oben.

Wenn man sich dann mit aller Macht durch das Eis Bahn bricht und es unter der Mannschaft auf Deck verlautet, daß man von der Tonne aus Seehunde sieht, da läßt sich an Bord ein merkwürdiges Leben verspüren. Alles kommt auf die Beine, Alle müssen auf das Vordertheil des Schiffes hinauf, um zu sehen, ob sie die Seehunde nicht schon von Deck aus erblicken können, — man hat alle Hände voll zu thun, die Böte in Stand zu setzen, zu untersuchen, ob im Bootskasten Brot und Speck, ob in den Biertonnen Bier und ob Patronen in der Patronentasche sind. Man sieht nach, ob die Büchsen auch ordentlich geputzt sind, denn jetzt muß man sich vergewissern, daß alles zum Fang in Ordnung ist, und wenn man weiter nichts zu thun hat, so schleift man sein Messer, damit es scharf genug ist, um allen Seehunden, die man fängt, das Fell abzuziehen. Dann geht’s abermals auf das Vordertheil des Schiffes hinauf, um nach den Seehunden auszuspähen. Bald schweift das Auge zur Masttonne hinauf, um zu sehen, nach welcher Richtung hin das lange Fernrohr zeigt, bald wieder über die Eisfläche hin in derselben Richtung wie das Fernrohr, und gewahrt man dann wirklich einen Seehund, so entsteht ein Leben, ein Zeigen, ein lautes Durcheinanderreden; — bald erblickt man mehrere, gleich schwarzen Punkten tauchen sie weit vor uns im Eise auf; jeder Seehund wird mit Jauchzen begrüßt.

Inzwischen arbeitet sich das Schiff ruhig und sicher durch das Eis. Aus der Tonne erschallen Kommandorufe, bald heißt es „hart Backbord“, bald „hart Steuerbord“ oder „steady“; die Zwei, welche am Steuer stehen, arbeiten so, daß ihnen der Schweiß von der Stirn tropft und lassen das Steuerrad herumdrehen wie an einem Spinnrocken. Das Schiff prallt mit donnerähnlichem Getöse gegen die mächtigen Schollen an, so daß man oft alle Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Unten im Maschinenraum wird ununterbrochen nachgeheizt, während sich die Schraube am Kiel des Schiffes dreht und das Kielwasser bläulich aufwirbeln läßt, bis die Eismassen es wieder bedecken. Oben in der Tone sitzt der Kapitän und weidet sein Auge an den Seehundsmassen vor sich, wobei er seine Pläne macht und den Weg sucht, den das Schiff gehen soll. Eine solche Fahrt durch das Eis ist sehr spannend. Auf dem ganzen Schiffe herrscht Erwartung und Unruhe. Endlich fällt das erlösende Wort: „Macht die Böte klar!“

Klappmützenfang.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)

Ein Jubelgeheul tönt über das ganze Schiff, am schlimmsten ist es unten in den Mannschaftskojen, wo jetzt keiner mehr schlafen darf. Alle ziehen ihre Fangkleider an, und in der Schiffsküche wird gekocht und gebraten, damit die Mannschaft noch eine gute Mahlzeit zu sich nehmen kann, ehe sie in die Böte geht. Oft fährt man dann noch einen halben Tag ruhig weiter, bis man tiefer in das Lager der Seehunde hineingekommen ist und mehr und mehr Thiere auf den Eisschollen erblickt. Man macht erst Halt, nachdem man sich mitten im Herzen des Fanges befindet, dort, wo sie ganz dicht nebeneinander liegen. Jetzt endlich erschallt aus der Tonne das Kommando: „Fertig zum Fall!“, und alles stürzt in die Böte, die zu beiden Seiten des Schiffes in den Davids hängen. Dann erhält der Schütze jedes Bootes, — es befindet sich nur ein Schütze in jedem Boot, — der auch das Kommando übernimmt, seine Befehle, in welcher Richtung er vorgehen soll, und endlich heißt es: „Die Böte herab!“, und während das Schiff seine Fahrt mäßigt, werden die Böte in aller Eile ins Wasser gelassen. Man stößt ab und vertheilt sich nach der vorgeschriebenen Richtung hin. Es ist ein stolzer Anblick, wenn die zehn Böte eines Fangschiffes auf einmal vom Fahrzeuge abstoßen und jedes in seiner Richtung durch das Eis dahinrudert. Aufgerichtet und spähend steht der Schütze vorne in dem Boote, während der Steuermann hinten am Steuer steht und die übrigen drei bis vier Mann die Ruder nach besten Kräften führen. Dann kommt man in das Seehundslager hinein, und es beginnt ein Schießen und Knallen nach allen Richtungen hin, — es klingt oft, als würde eine ganze Schlacht geschlagen. An einem hellen Sonnentag, wenn Massen von Seehunden rings umher auf den Eisschollen liegen und sich sonnen, ruht oft ein zauberhafter Schimmer über diesem Leben, das Demjenigen, der es einmal mitgemacht hat, stets verlockend vor der Seele schweben wird. Es kommt natürlich für jeden Schützen darauf an, der erste zu sein, der mit beladenem Boot zum Schiffe zurückkehrt. Er sucht seine Leute zu demselben Ehrgeiz zu entflammen und treibt die Böte so schnell wie möglich vorwärts. Kommt man in die Nähe der Seehunde, so muß man sorgfältig vermeiden, hinter einen Eisblock zu kommen, so daß der Seehund das Boot aus dem Gesicht verliert, nachdem er es erst einmal erblickt hat. Man muß versuchen, so direkt wie möglich auf den Seehund loszurudern, damit er das Boot so lange wie möglich sehen kann. Wird er plötzlich überrascht, so verschwindet er gleich. Sobald er das Boot erblickt, erhebt er den Kopf, ist es aber noch weit entfernt, so legt er sich gewöhnlich wieder hin und liegt ruhig auf dem Eise. Inzwischen kommt das Boot heran, von vier kräftigen Rudern getrieben, abermals erhebt er den Kopf und sieht nun viel bedenklicher aus. Er schaut das Boot an, und er schaut ins Wasser hinab, er wird unruhig, wälzt sich ein wenig dichter an den Rand hin, reckt den Hals und macht sichtbare Anstalten zu verschwinden, da plötzlich bricht auf Kommando des Schützen die ganze Bootsmannschaft in ein fürchterliches Geheul aus; der Seehund stutzt, lauscht verwundert dem sonderbaren Geräusch, nimmt sich dann aber wieder zusammen, macht noch eine Bewegung auf den Rand der Eisscholle zu und will verschwinden. Da erhebt sich ein noch stärkeres, langgezogeneres, unheimlicheres Geheul als das erste; abermals reckt er den Hals, lauscht erstaunt und verwundert, indem er das Boot anstarrt, das jetzt mit großer Geschwindigkeit herangeflogen kommt, dann beugt er sich über den Rand, krümmt den Rücken und reckt den Hals nach dem Wasser aus. Trotz des teuflischsten Geheuls will er jetzt doch hineinspringen, und man hat die Schußweite noch nicht erreicht. Da ist nichts weiter zu thun, als daß der Schütze schnell die Flinte in die Höhe hebt und eine Kugel in den Eisrand gerade unterhalb des Thieres sendet, so daß ihm Schnee und Eisstücke an Brust und Nase fliegen. Das ist etwas Neues, — erschrocken zieht er sich auf die Eisscholle zurück und starrt auf den Rand des Eises. Während er noch über dies neue Räthsel grübelt, ist das Boot mit schneller Fahrt in Schußweite gelangt; die Ruder werden losgelassen und, in den Dollen hängend, gleiten sie an der Seite entlang, Alle müssen regungslos still sitzen, der Schütze erhebt die Flinte, ein Krach — und in die Stirn getroffen, fällt der Kopf des Seehundes wieder aufs Eis, diesmal, um sich nicht wieder zu erheben.

Liegen mehrere Seehunde auf derselben Eisscholle oder ringsumher, so kann man viele schießen, aber es gilt vor allen Dingen, die ersten Seehunde, auf die man schießt, gleich so zu treffen, daß sie todt wie ein Stein da liegen. Ich erinnere mich, im Jahre 1882 eine ganze Bootsladung an einer Stelle geschossen zu haben, und ich hätte noch mehrere Boote voll schießen können, wenn ich hätte fortfahren können, denn wenn man sich erst so in das Seehundslager eingeschossen hat, daß ringsumher an allen Ecken und Kanten todte Seehunde liegen, dann liegen die anderen auch ruhig. Sie starren ihre todten Kameraden an, die sie für lebendig halten und denken, können sie, denen der Unruhestifter so nahe ist, ruhig liegen, so dürfen wir es immerhin wagen.

Ist man dagegen so unglücklich, den ersten oder die ersten Seehunde nicht sofort auf eine tödtliche Stelle (z. B. den Kopf) zu treffen, so daß das Thier verwundet auf der Eisscholle umherspringt oder sich mit einem Geplätscher ins Wasser stürzt, dann kann man ziemlich sicher sein, daß die meisten anderen auch unruhig werden und seinem Beispiel folgen. Deshalb muß man lieber einen Fehlschuß thun, als daß man einen Seehund anschießt, und da liegt es denn auf der Hand, daß es von großer Wichtigkeit ist, tüchtige Schützen auf der Seehundsjagd zu haben.

Sobald der Seehund geschossen ist, wird ihm das Fell abgezogen; es handelt sich nun darum, den Thieren das Fell so schnell wie möglich abzuziehen, um weiterzukommen und von den anderen Booten nicht überholt zu werden. Deshalb kommt es auch sehr darauf an, daß der Schütze tüchtige und geschickte Leute in seinem Boot hat.