Eisbär und Klappmütze.

Viele Menschen sind der Ansicht, daß sich die Thiere nicht entwickeln können, daß sie keine Erfahrungen machen und daraus ihre Schlußfolgerungen ziehen können. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht, — ich glaube, daß die Thiere, die wilden sowie die zahmen, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben, sie sammeln ihre Erfahrungen und lernen so gut wie die Menschen, wenn auch nicht in so hohem Grade. Und ein gutes Beispiel hiervon geben uns vielleicht gerade die Klappmützen in der Dänemarkstraße. In früheren Zeiten lebten die Klappmützen ein herrliches Leben hier oben auf dem Eise. Sie aßen und schliefen, hatten ihre Liebesabenteuer und vermehrten sich. Nur einen einzigen wirklichen Feind kannten die Klappmützen in jenem goldenen Zeitalter, nämlich den Eisbären, und auch von ihm wurden sie nicht allzu häufig heimgesucht, denn der Bär zieht sich, da er kein besonderer Schwimmer ist, gern dahin zurück, wo das Eis fester ist; aus dem Grunde pflegten sich die Klappmützen mehr am Rande des Eises in dem offenen Eis aufzuhalten. Im Sommer des Jahres 1876 aber kam eine andere Art Eisbär aus dem Meere her in die Dänemarkstraße geschwommen, und der war raubgieriger und größer. Er war der norwegische Seehundsfänger „Eisbär“, der von dem Veteranen der norwegischen Seehundsfänger, Svend Foyn, in diese Gegend entsandt war. Dieser „Eisbär“ fand hier Unmassen von Seehunden und brachte das eine Mal mehrere Tausend mit nach Hause. Seit jenem Tage hatte das ruhige ungestörte Leben der Klappmützen hier oben ein Ende. Jeden Sommer kamen Ende Mai und Anfang Juni Scharen von norwegischen Seehundsfängern hier herauf, und da die Thiere zahm und leicht zu fangen waren, nahm man gleich große Mengen mit. Ja, in den ersten Jahren waren sie so zahm (sie ahnten ja nichts Böses), daß man nicht nöthig hatte, sie zu schießen, man konnte sie auf den Eisschollen todtschlagen, ja auf verschiedenen Schiffen ließ man die Leute gar keine Flinten in die Boote mitnehmen, sondern ließ die Seehunde einfach todtschlagen. Das goldene Zeitalter für die Seehundsfänger nahm jedoch bald ein Ende. Die Klappmützen hatten bis dahin nicht geahnt, welche Gefahr ihnen von diesen Fahrzeugen mit dem Ausguck auf dem Großmast drohte, die einen ganzen Schwarm von Booten gegen sie aussandten, aber sie machten bald ihre Erfahrungen, und es währte nicht lange, bis sie scheu wurden. Jetzt mußte man sie aus weiter Entfernung schießen. Das Merkwürdige dabei war, daß nicht allein die alten, erfahrenen Seehunde scheu wurden, sondern auch bei den ganz jungen machte sich dies in auffallender Weise bemerkbar. Entweder müssen also die alten Seehunde ihrem Nachwuchs die gemachten Erfahrungen auf irgend eine Weise mitgetheilt haben, oder auch müssen diese ihre Erfahrungen vermittelst Erbschaft erhalten haben. Wie sich die Sache nun auch verhalten mag, so ist es doch Thatsache, daß die Klappmützen, alte wie junge, mit jedem Jahr scheuer geworden sind, — sie haben es gelernt, sich vor einem Feind in acht zu nehmen, den sie früher nicht kannten, und zwar haben sie dies in dem kurzen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren gelernt. Ich glaube aber, daß die Weisheit der Klappmützen weitergeht. Sie haben auch die Erfahrung gemacht, daß sie gerade dort, wo sie sich früher am sichersten fühlten, nämlich am Rande des Eises — jetzt am meisten gefährdet waren; sie haben gelernt, daß, wenn sie in der Zeit des Haarwechsels, wo sie gern auf dem Eise liegen, ungestört sein wollten, sie sich auf das dichte Eis weiter hinein zurückziehen müßten. Hier sind sie freilich den Angriffen des Eisbären ausgesetzt, entgehen aber den weit schlimmeren der norwegischen Seehundsfänger.

Wie einleuchtend diese Erklärung auch erscheinen mag, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß es auch eine andere Erklärungsweise geben kann. Geht man davon aus, daß nicht alle Seehunde von Anfang an gleich scheu sind, was unleugbar der Fall ist, dann wird die Schlußfolgerung nahe liegen, daß wenn man mit der Jagd beginnt, naturgemäß die am wenigsten Scheuen, sowohl junge wie alte Seehunde, sich zuerst tödten lassen, während die Scheueren entfliehen und sich vermehren können.

Auf diese Weise muß ja die Scheuheit sich in immer stärkerem Grad auf das Geschlecht vererben. Hierdurch erhält man eine Erklärung, weshalb die Klappmützen scheuer werden, nicht aber, weshalb sie sich weiter auf das Eis zurückziehen als früher. Nimmt man indessen an, daß ebenso wie es Seehunde giebt, die scheuer sind, auch solche existiren, die sich mit Vorliebe draußen in dem offenen Eis aufhalten, während sich andere gern weiter zurückziehen, — so ist es ja ganz selbstverständlich, daß diejenigen, die sich dort aufhalten, wo die Fahrzeuge am leichtesten hinkommen, zuerst fortgeschossen werden, während die anderen verschont bleiben und das Geschlecht vermehren können, das dann mehr und mehr die erbliche Gewohnheit annimmt, sich weiter zurück auf dem dichten Eis zu halten.

Welcher von den hier angeführten Erklärungsgründen die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat, ist nicht so ganz leicht zu entscheiden. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß sie alle beide ihre Berechtigung haben, daß nämlich sowohl Erziehung und Erfahrung als auch die natürliche Wahl im Kampf ums Dasein, mit anderen Worten das Ueberleben der am glücklichsten Ausgerüsteten, die Ursache sind, daß die Klappmützen, nachdem einmal Jagd auf sie gemacht wurde, ein furchtsameres Naturell erhalten und ihre Gewohnheiten verändert haben. Daß dies wirklich der Fall ist, wird Niemand bestreiten wollen, der Gelegenheit gehabt hat, dem Fange beizuwohnen.

[30] Wenn Robert Brown behauptet, daß auch das Weibchen bei den Klappmützen eine Mütze hat, so ist dies ein vollständiger Irrthum.

[31] Die westgrönländische Klappmütze begiebt sich wahrscheinlich zum Treibeise in die Gegend von Labrador, wo im Frühling viele gefangen werden.

[32] Ein paar englische und amerikanische Schiffe versuchten den Fang, nachdem die Norweger damit begonnen hatten, ebenfalls.