Der „Jason“ bahnt sich seinen Weg durch das Eis.
(Von Th. Holmboe nach einer Photographie.)

Kapitel VII.
An Bord des „Jason“.

nser Leben an Bord des „Jason“ verging ganz angenehm, ohne große Begebenheiten und Erlebnisse. Ueber die pekuniäre Seite des Seehundsfanges, sowie die Aussichten für dessen Zukunft ließen wir uns keine grauen Haare wachsen. Mit Ausnahme vereinzelter Fälle, wo der Schuß nicht ganz so gut traf, wie er es hätte thun können, gab es nicht viel dunkle Wolken an dem Horizont unseres Daseins.

Für die meisten Theilnehmer ist dies Leben ganz neu. Es giebt viel zu sehen und zu beobachten, sowohl im Eise, wie auf dem Meer, und wenn man Jäger ist, ermangelt man der Zerstreuung nicht. Hat man keine Seehunde zu schießen, so kann man Alke schießen, denn deren giebt es genug. In ganz kurzem Zeitraum kann man oft mehr als fünfzig dieser Thiere erlegen, und wenn man sie nur im Fluge schießen will, ist es ein guter Sport; wenigstens habe ich es häufig erlebt, daß Leute mehr als einen Fehlschuß thun. Will man sie auf dem Wasser mit Kugeln schießen, so ist auch das ein angenehmer Sport.

Seehunde in Sicht. „Hart Steuerbord!“
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)

Der Hauptsport hier oben ist und bleibt jedoch die Seehundsjagd. Es ist eine ganz vorzügliche Uebung, die in ungewöhnlichem Maße dazu angethan ist, zum ruhigen und kaltblütigen Büchsenschützen auszubilden. In der Regel ist freilich der Abstand nicht sonderlich groß, — er beträgt gewöhnlich zwischen hundert und hundertundfünfzig Ellen, — aber das Ziel, auf das man schießt, ist nur klein. Es handelt sich nämlich darum, den Seehund in den Kopf oder zur Noth in den Hals zu treffen; trifft man ihn in den Körper, so springt er ins Wasser. Zuweilen, wenn die Seehunde scheu sind, kann die Entfernung eine ganz beträchtliche sein. Bedenkt man ferner, daß man von einem Boot aus schießen muß, das in Bewegung ist, und daß die Beleuchtung hier oben über dem glitzernden schneebedeckten Eise oft sehr störend wirkt, so wird man verstehen können, daß nicht so ganz wenig dazu gehört, um ein guter Seehundschütze zu werden. In der That giebt es deren auch nur sehr wenige. Ich habe Leute gesehen, die ihre Büchse vorzüglich zu führen wußten, wo es ein festes Ziel galt, die aber trotzdem, sobald es sich um Seehunde handelte, regelmäßig vorbeischossen. Die Seehundjagd ist auch nicht ohne Abwechselung, und ist man in der glücklichen Lage, Schütze eines Bootes zu sein, und sich einem guten Fang gegenüber zu befinden, glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können, daß die Meisten gleich mir die Augenblicke, die man hier oben in seinem kleinen Fahrzeug verbringt, dessen Schütze, Anführer und Alleinherrscher man ist, — zu den schönsten ihres Lebens zählen werden. Man ist von der herrlichsten, aus Eis, Himmel und Meer bestehenden Natur umgeben. Rings umher auf den Eisschollen liegen die Seehunde, und ihr Anblick läßt das Jägerblut schneller durch die Adern der meisten Menschen rollen, — oft vielleicht ohne daß sie es wissen. Das Auge wird geschärft, alle Kräfte werden angespannt und gleichsam auf das Gesicht und die Arme konzentrirt, die die Büchse und die Ruder führen sollen; der Sinn ist von dem einen Gedanken beseelt, Seehunde zu fangen und das Boot durch das Eis zu schaffen, so daß man so viele Thiere wie möglich fangen kann.

Möglicherweise tritt in einem solchen Augenblick die wilde Natur des Menschen in den Vordergrund. Es ist das Erbtheil unserer nomadischen, von Jagd und Fischfang lebenden Vorfahren; sei dem, wie ihm wolle, eins steht fest, es ist dies ein herrliches, freies Leben, das Geist und Körper erquickt.

Wenn wir aber nicht auf Jagd gehen können und uns an Meer, Himmel und Eis müde gesehen haben, so müssen wir uns irgend eine Abwechselung suchen, denn wie schön dies alles auch ist, und wie sehr man sich auch von Kindheit an die Ueberzeugung von der großartigen Schönheit des mächtigen, rollenden, stets wechselvollen Meeres eingeprägt, so läßt es sich doch nicht leugnen, daß man, wenn man es Wochen und Monate angestaunt hat, schließlich entdeckt, daß es doch ein wenig einförmig ist und man sich nach ein wenig Abwechselung sehnt.