Eine unserer größten Vergnügungen, die stets allgemeine Heiterkeit erregte, war das Lassowerfen. Von dem Bootsmann bekamen wir, wenn wir recht freundlich baten, eine dünne Leine, die ungefähr 10 bis 12 Klafter lang war. An dem Ende dieser Leine brachten wir eine Schlinge an und damit war unser Lasso fertig. Die Lappen waren natürlich Meister in der Benützung dieser Fangschnur, und von ihnen lernten wir es, — sie bedienen sich derselben ja täglich, um ihre Rennthiere einzufangen. Besonders der alte Ravna hatte es bis zu einer erstaunlichen Fertigkeit gebracht. Es war ein stolzer Anblick, ihn mit einer sicheren Miene, die keinen Zweifel an seinem Erfolg aufkommen ließ, die Leine in der rechten Hand aufrollen zu sehen. Dann beugte er den Kopf ein wenig vornüber, heftete das Auge scharf auf das unglückliche Opfer, machte ein paar Schritte über das Deck hin, leicht und geschmeidig wie eine Katze, dann eine schnelle Bewegung mit dem gespannten rechten Arm, — und blitzschnell rollt sich die Leine ab, und nie ihr Ziel verfehlend, fällt die Schnur um den Kopf der Beute, die, mit Armen und Beinen fechtend, sich von der beengenden Umarmung zu befreien sucht.
Balto ist als festansässiger Lappe natürlich weniger geübt in dem Gebrauch des Lassos, sein Stolz will dies aber nicht einräumen und es giebt stets Veranlassung zu großer Heiterkeit, wenn Einer von uns ihm die Schnur mit der Bemerkung fortnimmt, daß man sich besser darauf verstehe als er; trifft es sich dann gar, daß man ihn wirklich überwindet, so ist seine erstaunte und verdrießliche Miene ganz unbezahlbar.
Mancherlei Spiele und Kraftproben werden auch an Bord betrieben. Mit besonderer Leidenschaft betrieben wir ein Spiel, das darin bestand, Figuren und Vierecke auf das Deck zu zeichnen, welche letztere verschiedene Werthe repräsentiren und in welche man aus einer gewissen Entfernung mit flachgeschlagenen Bleistücken werfen muß, ohne jedoch eine Figur, den sogenannten „Narrenkopf“, zu berühren; geschieht dies doch, so büßt man alles ein, was man durch die anderen Würfe gewonnen hat. Oft bei gutem, stillem Wetter konnte man mehrere Partien dies Spiel auf verschiedenen Theilen des Deckes betreiben sehen. Der Einsatz war gewöhnlich ein Stück Kautabak.
Hatte dies Spiel seine Anziehungskraft verloren, so zogen wir uns wohl hinten in die Kajüte zurück und nahmen unsere Zuflucht zum Kartenspiel, und obwohl Einige von uns gar kein Interesse am Kartenspiel hatten, konnten wir doch oft den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht hinein spielen, — ja oft begannen wir sogar schon am Vormittage. Hauptsächlich spielten wir Whist; doch auch Treffknecht u. dergl.
Wir hatten nur ein einziges Spiel Karten, und das war zu Ende der Reise so schmutzig, daß man kaum unterscheiden konnte, woraus die Karten bestanden, aus Schmutz oder aus Papier. Wenn wir, was das gewöhnliche war, bis Mitternacht aufsaßen, da mußten wir um die Zeit der Hundewache nothwendigerweise etwas genießen. Dieser nächtliche Imbiß bestand entweder aus Kaffee oder „Dänge“, besonders das letztere Gericht, das aus aufgeweichtem, in Zucker und Butter gebräuntem Brot bestand, war sehr beliebt.
Um diese Zeit erhielt auch die Mannschaft Kaffee, und man konnte dann Nacht für Nacht den schönen Anblick genießen, Balto schlaftrunken und in äußerst leichter Toilette die Treppe, die zu seinem Schlafraum führte, heraufkommen zu sehen, um sich zu den Leuten zu begeben und seinen mitternächtlichen Kaffee zu holen. Als Lappe war er so versessen auf Kaffee, daß er unmöglich eine Gelegenheit vorübergehen lassen konnte, dies herrliche Getränk zu genießen, selbst wenn er schon längst in seine Koje gegangen war.
Lektüre war nur sehr wenig an Bord. Ich hatte nicht auf einen so langen Aufenthalt auf dem Schiffe gerechnet und deshalb für keine Reisebibliothek gesorgt. Dank einem Freunde der Expedition, Herrn Buchhändler Cammermeyer in Kristiania, waren wir doch mit einigen Büchern versehen. Diese waren indessen bald gelesen, und jetzt entstand ein geistiger Heißhunger an Bord, der geradezu bedrückend war. Man machte Jagd auf alles mögliche, selbst die schlechtesten Räuberromane und Indianererzählungen, die man bei der Mannschaft auftreiben konnte, wurden mit Begier verschlungen. Es waren solche wie „Der blutige Handschuh im Thale“, „Der rothe Hauptmann“, „Die schwarze Schlange“ u. dergl. Zuweilen unternahmen wir einen Kaperzug an Bord der anderen Fahrzeuge.
Eine Einladung an Bord der anderen Fahrzeuge war eine sehr willkommene Abwechselung, ebenso ein Besuch der fremden Kapitäne an Bord des „Jason“. Ein eigenartiges, ganz sommerliches Bild gewährte es zuweilen, diese Eismeerschiffer sich im Sonnenschein auf Deck gruppiren zu sehen. Da saßen sie und tranken ihren Kaffee oder Wein, rauchten ihre Pfeifen oder Cigarren und starrten auf das Meer hinaus oder auf die weißen Eisschollen, die im Sonnenschein schaukelnd dalagen, während die Zeit unter Lachen und Schwatzen schnell verstrich.
Zuweilen probirte man seine Schießkunst auch an den auf dem Wasser schwimmenden Eisstücken aus, und manch guter Schuß wurde da ausgeführt.
Der einzige, der sich nicht recht wohl an Bord zu fühlen schien, war unser alter Freund Ole Nielsen Ravna, der ältere der beiden Lappen. Er war daran gewöhnt, mit seinen Rennthierscharen auf den Hochebenen umherzustreifen, und das Leben an Bord auf dem engen, schaukelnden Schiff gefiel ihm nicht. Er sehnte sich danach, wieder Land unter den Füßen zu haben. Balto dagegen scheint sich völlig dem Seeleben acclimatisirt zu haben. Mit seinem munteren, aufgeweckten Sinne stets bereit, irgend einen Narrenstreich auszuführen, war er bald der Liebling der ganzen Besatzung geworden. Glücklicherweise war jetzt auch sein rechtes Knie wieder vollständig geheilt.