Das Pferd, das wir von Island mitgebracht hatten, war der allgemeine Liebling. Dies hatte indessen die unangenehme Folge, daß dem Thier trotz des strengsten Verbots mehr Futter gebracht wurde, als wir verantworten konnten, und eines Tages entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß der größte Theil des Heues verbraucht war. Von nun an war das Pferd eine Quelle steter Sorge. Es mußte an allen Ecken und Kanten mit dem Futter gespart werden, und wir zerbrachen uns den Kopf, um ein Futtermittel zu finden. Wir gaben ihm rohes Seehundsfleisch, eine Weile fraß es das, dann war es aus damit. Wir versuchten es mit gedörrtem Fleisch, — es ging genau ebenso. Nun gaben wir ihm Alke, die mochte es im Anfang gern. Dann sammelten wir Tang, wovon eine Menge in der See trieb, — eine gewisse Tangart fraß es auch gern. So hielten wir es eine Weile hin. Es gedieh anscheinend ganz gut und wurde ein tüchtiger Seemann.
Der 9. Juli wurde indessen ein Tag der Trauer für die Expedition. Da hatten wir nichts mehr, was es fressen wollte, und wir mußten es erschießen. Es war, als verlören wir einen Freund. Der letzte Dienst, den es uns leistete, war, daß es uns ein gutes Beefsteak lieferte, und eine der Keulen nahmen wir später mit uns ins Boot, nachdem wir den „Jason“ verließen, um an der Ostküste zu landen.
Wie rein die Luft hier oben ist, ersieht man daraus, daß ein solches Stück Fleisch eine lange Zeit im Takelwerk hängen kann, ohne zu verderben. Hier giebt es keine Bacillen, und infolgedessen kann kein Verwesungsprozeß vor sich gehen, wenn er nicht durch den Schmutz an Bord, der von Hause mitgebracht ist, herbeigeführt wird.
Das Vorurtheil der Leute, gewisse Dinge zu essen, ist oft geradezu lächerlich. Davon erhielt ich bei dieser Gelegenheit einen guten Beweis. Als das Pferd erschossen und nach allen Regeln der Schlachtkunst zerlegt war, kam „Jank“ — wie er an Bord genannt wurde — ein norwegischer Amerikaner, und fragte, ob er etwas Fleisch bekommen könne. Er erhielt soviel er haben wollte und war sehr froh darüber. Er schnitt sich gleich einige Stücke ab, die er roh verzehrte, aber das Entsetzen und der Unwille, den diese ebenso unschuldige als natürliche Handlungsweise erregte, war geradezu lächerlich. Da viel mehr Fleisch vorhanden war, als die Expedition verwerthen konnte, bot ich den Leuten davon an, aber nicht ein einziger wollte es haben, weil es Pferdefleisch war. Später kam indessen einer von ihnen und fragte, ob er das Fleisch bekommen könne, was übrig bliebe, dann wolle er es einsalzen. Ich freute mich, doch einen vernünftigen Menschen zu finden, und fragte ihn, ob er nicht gleich etwas davon haben wolle, um es frisch zu essen, da sei es ja viel wohlschmeckender. Er erwiderte, das sei ja möglich, aber ich solle nur nicht glauben, daß er die Absicht habe, das Pferdefleisch als Menschennahrung zu verwenden, — nein, er wolle es als Schweinefutter gebrauchen.
Man ist oft wirklich nahe daran zu verzweifeln, wenn man sieht, wie dumm und halsstarrig die Menschen sein können. Hier befinden sich diese Leute an Bord eines Seehundsfängers, essen gesalzenes Fleisch und klagen über Druck vor der Brust, wie sie es nennen, d. h. sie haben Verdauungsbeschwerden infolge einer schlechten Ernährung, und lassen dabei täglich Unmassen von frischem Seehundsfleisch auf dem Eise liegen, das an der Küste von Grönland eine ganze Gemeinde beglücken würde. Es ist aber eine Unmöglichkeit, die Leute dazu zu bewegen, es zu essen, sie sterben lieber Hungers, als daß sie solche „unreinlichen“ Speisen essen. Ich vergesse ihr Entsetzen nicht, als ich einmal das Blut eines eben geschossenen Seehundes auffing und den Steward Schwarzsauer daraus machen ließ. Es hielt schwer, Jemanden zum probiren zu bewegen. Diejenigen, welche es schließlich thaten, mußten einräumen, daß es ganz vorzüglich schmeckte, und doch konnten sie nichts davon herunterbringen, weil sie wußten, daß es aus Seehundsblut bereitet war. Dafür aßen mehrere von den Mitgliedern der Expedition desto mehr davon, ja, es geschah einmal, daß Einer von uns, nachdem er sein gewöhnliches Abendbrot verzehrt hatte, wovon er eigentlich satt werden sollte, noch 18 — sage achtzehn! — Blutpfannkuchen aß. Da konnte freilich von keinem Vorurtheil die Rede sein!
In gewisser Hinsicht hatte ich an Bord mehr zu thun als mir eigentlich lieb war, — nämlich als Arzt. Der Grund hierzu war der unselige Umstand, daß sie mich „Doktor“ nannten, denn Doktor und Arzt ist ja für gewöhnliche Menschen dasselbe. Und natürlich waren sie jetzt, wo sie so leicht eines Doktors habhaft werden konnten, sämtlich krank. Ich behandelte nicht allein die 64 Mann des „Jason“, sondern auch von den anderen Fahrzeugen ringsumher kamen sie zu uns an Bord, um den Doktor zu konsultiren, der einen solchen Ruf hatte. Der Versuch, diesen Leuten klar zu machen, daß ein Doktor und ein Arzt nicht immer dasselbe ist, würde völlig zwecklos gewesen sein. Doktor war ich, und Doktor mußte ich sein, und wenn ich kein Doktor für sie sein wollte, so war es nur böser Wille. Hier war nichts zu thun, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und außerdem ist ja zu allen Zeiten soviel Humbug in der Heilwissenschaft betrieben, daß es ihrem Ansehen wohl kaum sonderlich schaden konnte, wenn ich ihr ein wenig ins Handwerk pfuschte, und außerdem heißt es ja so oft und sicher mit Recht, daß der wichtigste Einfluß, den ein Arzt auf seine Patienten besitzt, durch das Vertrauen bedingt ist, das seine Persönlichkeit erweckt, — und daran schien es in diesem Falle nicht zu fehlen. Es handelte sich nur darum, dies Vertrauen zu benutzen, eine ernste, wichtige Miene aufzusetzen und unverzagt ans Werk zu gehen.
Das Gewöhnlichste war, daß sie über Schmerzen „vor der Brust“ klagten und sich dabei den Magen hielten. Ob sie nicht auch eine Schwere im Kopfe fühlten? Ach ja, ganz frei davon wären sie nicht. Ob sie nicht eine schlechte Verdauung hätten und an Verstopfung litten? Ja, das käme wohl vor. Nun gut, das Unwohlsein wäre eine Folge der Lebensweise an Bord, sie führten ein viel zu faules Leben und äßen zu viel. Sie sollten dies unterlassen, sollten weniger essen und am besten frisches Fleisch, z. B. Seehundsfleisch, sie sollten sich mehr in der frischen Luft oben auf dem Deck bewegen, sich ein wenig mehr Bewegung verschaffen. Wenn das alles nicht helfen wollte, müßten sie wiederkommen, dann wollte ich ihnen eine Dosis englisches Salz oder Ricinusöl geben. Ich hörte nie wieder von ihnen.
Andere kamen und klagten, daß sie so entsetzliche Kopfschmerzen hätten, und daß sie zuweilen tiefe Schwermuth beschleiche. Dann fragte ich sie, wie es mit ihrem Magen stände, ob sie nicht an Verstopfung litten. Ja, mit der Verdauung wäre es nur schlecht bestellt. — Das sei ja ganz natürlich, bei dem faulen Leben und dem vielen Essen; mehr Arbeit und weniger Essen würde eine gute Wirkung haben, und im übrigen lautete das Rezept genau [so wie oben]. Zuweilen verordnete ich auch Magenmassage, — und sehe die Burschen noch vor mir, wie sie in ihren Kojen lagen und sich ihren Magen bearbeiteten.
Eines Tages kam ein Matrose von einem der anderen Fahrzeuge mit großer Beschwerde an Bord. Eine hektische Röthe, wie sie Schwindsüchtigen eigen ist, färbte seine Wangen. Er klagte über Lungenleiden. Es unterlag keinem Zweifel, er war schwindsüchtig. Ich konnte nichts machen, der Fall war hoffnungslos. Das einzige, was er thun konnte, war, so fett wie möglich zu leben. Er solle Speck essen und Thran trinken, das war der ganze Trost, den ich ihm geben konnte. Er hatte auch in der letzten Zeit Thran getrunken, aber das war Bottlenose-Thran, und der bekam ihm nicht. Der arme Kerl! Dieser Bottlenose-Thran hat einen starken Einfluß auf den Magen, indem er Diarrhoe verursacht, und damit hatte sich der Aermste in der letzten Zeit abgeplagt! Das verringerte das Uebel natürlich nicht.
Ein wenig Nutzen konnte ich doch schaffen, nämlich bei Behandlung von Wunden. Diese wurden im allgemeinen ganz unverantwortlich behandelt und verursachten oft schlimme Geschwülste. Erst wenn es ganz schlimm damit aussah, kamen sie, um sich Rath zu holen. Dann erhielten sie vor allen Dingen eine tüchtige Moralpredigt für ihre Unreinlichkeit, darauf wurde die Wunde von wochenaltem Schmutz gereinigt und mit antiseptischen Mitteln behandelt. In der Regel erholten sie sich dann bald. Einen ziemlich ernsten Fall hatten wir indes an Bord.