Eines Tages kam ein Mann von unserer Schiffsbesatzung und klagte, daß er sich durch und durch elend fühle. Er habe Schmerzen in allen Gliedern und Gelenken. Ich fragte ihn, wo er die meisten Schmerzen fühle, und er antwortete: im Rücken. Aergerlich über alle diese Menschen, die bald hier, bald da Schmerzen hatten, antwortete ich ihm, es würde wohl Rheumatismus sein, und dagegen sei nicht viel zu machen. Er solle sich warm anziehen und sich dem Wind nicht mehr aussetzen, als es geradezu nöthig sei. Ein paar Tage später aber kam der Mann wieder und sagte, nun müsse ich wirklich etwas für ihn thun, er könne es nicht mehr aushalten vor Schmerzen. Es habe sich auf den rechten Arm geschlagen, und der sei ganz geschwollen. Ich faßte sofort Verdacht und fragte ihn, ob er nicht eine Wunde an der rechten Hand gehabt hätte; er verneinte das jedoch. Das kam mir merkwürdig vor, da ich an dem einen Finger einen Lappen erblickte; ich fragte ihn also, was das zu bedeuten habe. Ach, das sei nichts — erwiderte er —, er habe sich vor einigen Tagen etwas Haut von dem einen Knöchel abgeschürft. Ich fragte, ob er ihm nicht ein wenig geschmerzt hätte? Ja, das könne wohl sein, meinte er. Ich erklärte ihm darauf, daß diese kleine Wunde die Veranlassung zu dem schlimmen Arm sei, und daß er selber die Schuld trage. Er sollte jetzt den Finger ordentlich waschen und den Arm entblößen, dann wollte ich kommen und ihn mir ansehen. Es stellte sich denn auch wirklich heraus, daß es eine stark entwickelte Blutvergiftung war. Der Arm war über dem Ellenbogen nicht unbedeutend geschwollen. Vorläufig konnte ich jedoch nichts thun, als den Arm in eine Binde legen und ihm strengste Ruhe einschärfen. Aber es verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Der Arm schwoll auf und die Schmerzen nahmen zu; er mußte in seiner Koje bleiben. Zur Linderung der Schmerzen bekam er nasse Umschläge um den Arm. Er hatte heftiges Fieber und konnte wenig oder nichts genießen. Zuletzt hatte der Arm den Umfang eines gewöhnlichen Mannesschenkels. Nun war es an der Zeit, einen Schnitt zu machen; aber ich kann nicht leugnen, daß ich mich nur sehr ungern dazu entschloß. Alle meinten, er müsse sterben, und ich könne ihn mit der Operation verschonen. Ich war mehrmals täglich bei ihm. Nie werde ich diese Scene vergessen, — eine Mannschaftskajüte, in welcher sich ungefähr 60 Mann befinden, die alle durcheinander schreien und lärmen und allerlei Späße treiben, — nein, das ist keine gute Krankenstube. Hier lag der Kranke in einer engen, eingeschlossenen Koje, stöhnend und sich in seinen Schmerzen windend, so daß der ganze Raum von seinem Jammergeschrei wiederhallte. Dunkel und niedrig war es hier, ringsumher standen Schiffskisten, überall lag oder hing das Arbeitszeug der Leute, der Fußboden war glatt und schmutzig, und die Luft schlecht und beklommen. Von Zeit zu Zeit prallte das Schiff gegen das Eis an und erbebte in seinen Fugen. Der Kranke wurde von der einen Seite der Koje auf die andere geworfen, es durchzuckte ihn jedesmal schmerzhaft, und sein Schrei klang noch herzzerreißender als sonst.
In einer solchen Umgebung mußte ich die Operation vornehmen, — sie konnte nicht länger hinausgeschoben werden. Ein Federmesser, das auf einem rauhen, groben Schleifstein gewetzt wurde, war das einzige passende Instrument, was aufzutreiben war. Bei dem flackernden Schein einer kleinen elenden Laterne sollte die Operation vor sich gehen, aber es war eine ganz schwierige Sache, Jemanden zu finden, der mir die Laterne halten wollte; — Niemand wollte zusehen. Endlich waren jedoch alle Vorbereitungen getroffen. Der Stahl drang ins Fleisch und wurde vorwärts bewegt, um einen langen Schnitt zu bilden. Der Kranke schrie außer sich vor Schmerzen, ob ich ihn denn tödten wolle! — Dann kamen ein paar Tropfen Blut und nun floß der weiße Eiter in dicken Strömen aus der Wunde. Es war für Den, der zusah, gleichsam eine Erleichterung. Der Kranke aber lag stöhnend, halb betäubt da, nach wenigen Minuten begann er zu phantasiren. Er hatte das Bewußtsein verloren.
Während mehrerer Tage phantasirte er zeitweilig. Die Leute fürchteten sich fast, bei ihm in der Kajüte zu sein, sie glaubten, er läge im Sterben. Gleichzeitig war ein Anderer von der Schiffsbesatzung wahnsinnig geworden, — vor ihm fürchteten sie sich noch mehr. Viel kann man wohl im Grunde nicht dazu sagen. In einer engen Kajüte einen Kameraden zu haben, der wahnsinnig ist und einen zweiten, der in Fieberphantasien rast, das ist nicht gerade gemüthlich.
Noch einmal mußte ich meinen Patienten schneiden. Der Eiter, der ihm abging, hätte nach Litern bemessen werden können. Es zog sich mit ihm in die Länge, denn er war sehr entkräftet, als ich aber das Schiff im Juli an der Ostküste von Grönland verließ, hatte ich doch die Freude, ihn wieder außerhalb seiner Koje zu sehen. Seinen dankbaren Blick, als wir uns trennten, werde ich niemals vergessen.
Eine Wiedergabe meiner Tagebuchnotizen aus jener Zeit würde höchstens für die Eismeerfahrer von Interesse sein, denn sie drehen sich im wesentlichen nur darum, wie wir am Eise entlang und dann wieder aus demselben herausfuhren, wie das Eis bald dünn, bald dick war, wie wir bald mehr, bald weniger Seehunde auf dem Eise sahen und zuweilen sogar große Scharen weiter hinein in dem dichten Eis erblickten, — wie wir uns mit den anderen Fahrzeugen um die Wette durch das Eis arbeiteten, auf ganze Scharen von Seehunden zusteuernd, die jedoch im Wasser verschwanden, sobald wir in ihre Nähe kamen, etc. etc.
Am 28. Juni waren wir weit in das Eis hineingelangt und befanden uns ungefähr auf dem 66° 24′ N. B. und dem 29° 45′ W. L. Hier erblickten wir in nördlicher Richtung Land (N.-O. ¼ O nach dem Abweichungskompaß); besonders deutlich traten zwei Felsspitzen hervor. Ihre wirkliche Form konnte man indessen nicht sehen, da sie bei der diesen Eisfeldern eigenen Täuschung, welche durch die Strahlenbrechung in den verschiedenen warmen und kalten Luftschichten über dem Eise hervorgerufen wird, stark verändert waren und den quer abgeschnittenen Zacken einer mit Schießlöchern versehenen Mauerkante glichen. Es müssen die Felsspitzen an der Blosseville-Küste sein, aber sie lagen westlicher als die auf der Karte angegebenen Berge.
Ich sprach später mit Kapitän Iversen auf dem „Staerkodder“, der weiter nördlich in das Eis vorgedrungen war als wir. Er konnte dort ganz deutlich Land erkennen. Es sei ein äußerst gebirgiges Land, — sagte er — nicht flach wie weiter nach Süden zu an der Küste, wo er im Jahre 1884 gewesen war (das war wahrscheinlich etwas nördlich vom 67° N. B.). Diese Angaben stimmen auch mit den Berichten überein, die Kapitän Holm in Angmagsalik von den Eskimos erhielt, und wonach er seine Skizze von der nördlichen Ostküste entwarf. Diese Küste gehört, wie wir wissen, zu den unbekanntesten Theilen unseres Erdballes.
Seehunde! Der Kapitän auf dem Ausguck.
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)
Am Abend des 28. Juni erblickten wir sehr viele Seehunde tiefer ins Eis hinein. Wir sahen sie nun täglich während längerer Zeit, ohne zu ihnen hingelangen zu können. Am 3. Juli kamen wir endlich weit ins Eis hinein, wo viele Seehunde waren, das Eis lag aber so dicht zusammengestaut, daß es nicht möglich war, die Böte hindurch zu bekommen, und daher konnte kein Fang vor sich gehen. In der Nacht, wenn die Sonne den Horizont erreicht, hat man einen weiten und scharfen Blick über die Schneeflächen hier oben. Ich stieg in die Ausgucktonne, um die Seehunde zu sehen. Ich hielt das Fernrohr vors Auge und richtete es auf das Eis, und nun erblickte ich, wie bereits früher erwähnt, solche Unmassen von Seehunden, wie ich nie früher auf einem Fleck versammelt sah. Sie lagen — wie der Steuermann sich ausdrückte — so dicht wie Kaffeebohnen über das Eis gestreut. Wohin der Blick auch schweifen mochte, überall hier auf dem Eise, von Nordosten bis Nordwesten, lagen die Seehunde dicht wie Sand bis an den Horizont hin und wahrscheinlich noch länger. Je weiter der Blick reichte, desto dichter schien die Schar zu werden.