Wir mochten ungefähr 8 Meilen vom Lande entfernt sein. Da wir vor uns Eis erblickten, nahmen wir einen südlicheren Kurs, indem wir uns der Küste mehr und mehr näherten.
Auf dem Wege nach Süden zu kamen wir an mehreren mächtigen Eisbergen vorüber. Auf einigen derselben erblickten wir einzelne Blöcke. Wenn man dieser Kolosse von weitem ansichtig wird, so sehen sie aus wie ganze Strecken Landes und es kam mehrmals vor, daß wir sie für Inseln hielten, die vor uns lägen. Weiter südlich von Kap Dan standen besonders viele dieser Eisriesen auf Grund.
Von dem Ans-Land-gehen wurde jedoch weder an diesem noch an den folgenden Tagen etwas; der Eisgürtel war zwischen 4 und 5 Meilen breit — da war es besser, die Verhältnisse weiter südwärts zu untersuchen.
Am 16. passirten wir Kap Dan, das mit seiner runden Kuppelform leicht zu erkennen war. Das Eis lag noch in ziemlicher Entfernung vom Lande ab, der Eisgürtel war noch ungefähr 4 Meilen breit. Weiter nach Westen zu hatte es jedoch, nach der blauen Luft über dem Eise zu urtheilen, den Anschein, als wenn eine Bucht tief in das Land hineinschneide. Wir setzten unsere Hoffnung darauf, steuerten in der Richtung und kamen im Laufe der Nacht auch wirklich in diese Bucht hinein.
Als ich am Morgen des 17. an Deck kam, sah ich ganz deutlich, daß die Landung an diesem Tage versucht werden müsse. Eine Tour in die Tonne hinauf konnte mich hierin nur bestärken. Die den Sermilikfjord umgebenden Felsen lagen verlockend vor mir. Weiter westwärts konnte man das Inlandseis, — das Ziel unserer Sehnsucht — erblicken, gleich einer unermeßlichen weißen Fläche wölbte es sich dort drüben.
Es konnte nicht viel über 2½ Meilen bis zum Lande sein. Die erste Strecke des Eises erschien einigermaßen passirbar, tiefer hinein war es anscheinend freilich dichter zusammengestaut, aber ich konnte doch hie und da einige kleinere offene Stellen erblicken, und außerdem schien mir das Eis nicht von der schlimmsten Art zu sein. Es waren viele kleine Schollen darunter, die freilich das Fortkommen erschweren, wenn man die Boote über das Eis ziehen soll; will man aber mit den Booten auf dem Wasserwege vordringen, so ist es weit besser, mit den kleinen Schollen zu thun zu haben als mit den großen, die sich nur schwer vom Fleck bewegen lassen. Von der Tonne aus konnte ich eine Luftspiegelung von offenem Wasser auf der Innenseite des Eises, zwischen diesem und dem Lande erblicken. Deswegen würde man wahrscheinlich, wenn man durch das Herz des Eisgürtels hindurchgedrungen war, abermals nach dem offenen Wasser auf der Innenseite zu weicheres Eis finden.
Für ein Fahrzeug wie der „Jason“ würde es zweifelsohne ein Leichtes gewesen sein, sich durch diese Kleinigkeit von Eis eine Bahn zu brechen; wie oft waren wir nicht schon durch weit stärkeres Eis vorgedrungen, — aber damals handelte es sich um Seehunde, um das eigene Interesse des Schiffes, hier stellte sich das Verhältniß anders. Hätte das Schiff mir gehört, würde ich mich keinen Augenblick besonnen haben, es durch das Eis zu führen, aber nun waren wir Gäste an Bord und das Schiff war nicht auf ein Anlaufen von Grönland versichert. Die Strömungs- und Tiefenverhältnisse in diesem Fahrwasser waren noch unbekannt. Verlor das Schiff seine Schraube im Eise, so war es aller Wahrscheinlichkeit nach rettungslos verloren, da dieselbe durch keine neue ersetzt werden konnte, und das Schlimmste war, daß wenn das Schiff hier verlassen werden sollte, es schwierig für die 64 Mann, aus denen die Besatzung bestand, sein würde, sich mit dem wenigen Proviant, den wir an Bord hatten zu behelfen, bis sie an bewohnte Stätten kamen. Da ich nun außerdem der Ansicht war, daß wir uns mit Leichtigkeit selber durchhelfen würden, so fiel es mir keinen Augenblick ein, den Kapitän zu ersuchen, uns weiter als bis an den Rand des Eises zu führen, so gab ich denn den Befehl, unsere Habseligkeiten in die Böte zu schaffen und diese klar zu machen.
Wie bereits erwähnt, hatte die Expedition ein eigens zu diesem Zweck in Kristiania angefertigtes Boot mitgebracht, da dies aber allein durch die recht umfangreiche Ausrüstung der Expedition so ziemlich belastet werden würde, nahm ich mit Dank das freundliche Anerbieten des Kapitäns an, uns eins von Jasons kleinsten Fangböten zu überlassen. Die beiden Böte wurden heruntergelassen und neben das Schiff gelegt, und nun entstand ein reges Leben und Treiben an Bord; wir öffneten unsere sämtlichen Kisten und packten den Inhalt in die Böte. Es ist schwer zu sagen, wer bei der Hülfeleistung am eifrigsten war, — die Mitglieder der Expedition oder die Schiffsmannschaft.
Wir legten die letzte Hand an unsere Korrespondenzen, an die Briefe in die Heimath etc. etc. Und wer einen Freund oder eine Freundin hatte, denen er ein letztes Lebewohl zu sagen wünschte, der that das jetzt, — man konnte ja nicht wissen, was die Zukunft uns bringen würde. Die Stimmung unter den Mitgliedern der Expedition schien indessen eine sehr heitere zu sein; man hatte von dieser kleinen Schar keineswegs den Eindruck, als bereite sie sich zu einem ernsten Strauß vor. Nach sechswöchentlichem Warten und Sehnen sollte nun endlich die Erlösungsstunde schlagen. Wir hatten ein erhebendes Gefühl, als begeben wir uns zu einem Tanz, wo wir die Geliebte treffen sollten. Nun ja, es wurde ja auch ein Tanz, wenngleich nicht auf so vielen Rosen, wie wir erwartet hatten, und die Auserwählte ließ gar lange auf sich warten.
An das norwegische „Morgenblatt“ schrieb ich vor unserer Abfahrt in aller Eile folgenden Brief: