An Bord des „Jason“, den 17. Juli 1888.
Am 15. wurde nichts aus der Landung, ebensowenig gestern. Zwischen uns und dem Lande lag ein 4-5 Meilen breiter Eisgürtel. Derselbe bestand zwar theilweise aus offenem Eise, durch das wir hindurchrudern konnten, aber wir wünschten weiter nach Westen zu am Kap Dan vorbei in der Gegend von Inigsalik westlich vom Sermilikfjord zu landen, wo die Küste weniger zerklüftet ist als im Osten. Das Land nördlich vom Kap Dan ist nämlich die wildeste, zerrissenste Felsgegend, die ich jemals gesehen habe, — die wildesten norwegischen Felspartien, ja selbst die Alpen können sich, was phantastische, himmelanstrebende Formen betrifft, nicht damit messen. Die Höhen sind freilich nicht so beträchtlich, — eine der höchsten Spitzen, der Ingolfsberg, mißt nur ungefähr 1885 m. Es ist ein scharfer, sehr hervortretender Felsen, den wir während unserer ganzen Fahrt an der Küste entlang bis gestern Abend nicht außer Sicht verloren. Es schien mir jedoch, als könne man weiter nach Norden zu und wahrscheinlich tiefer ins Land hinein, Berge sehen, die beträchtlich höher waren.
Das Land nördlich vom Kap Dan ist jedoch noch nicht untersucht und noch von keines Europäers Fuß betreten worden. Gestern passirten wir Kap Dan und in diesem Augenblick befinden wir uns nur noch 2 Meilen vom Lande entfernt, gerade vor dem Sermilikfjord, bereit, sobald alles in Ordnung ist, den „Jason“ zu verlassen, um, so viel wir sehen können, durch Schlampeis und offenes Eis an Land zu kommen. Links von uns liegt das Inigsalikland, und wir können hier hinter den Bergen zum erstenmal den Rand des Inlandseises sehen, dieser mystischen Eiswüste, die nun für die nächste Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach für mehr als einen Monat unser Tummelplatz sein soll.
Das Inigsalikland scheint ein verhältnißmäßig ebenes Land zu sein, das zur Erklimmung des Eises geeignet sein wird. Kapitän Holm, der Führer der dänischen „Frauenbootsexpedition“, empfahl mir dies Land, und von hier aus macht es den Eindruck, als wenn meine Erwartungen nicht getäuscht werden sollten.
Aber unsere beiden Böte liegen schon zur Abreise bereit.
Da das Eis hier so dünn ist, habe ich außer dem Boot, das wir für die Expedition mitnahmen, eins von „Jasons“ Fangböten erhalten. Es ist nämlich weit bequemer, zwei Böte zu haben und außerdem ist es auch sicherer für den Fall, daß das eine von dem Eise zerschlagen werden sollte.
Und so bricht denn der Augenblick an, an dem wir „Jasons“ tapferem, braven Führer, Kapitän Jakobsen, und der ganzen braven Besatzung Lebewohl sagen sollen. Wir nehmen manch eine liebe Erinnerung an gute Freunde und angenehme Stunden mit uns. Wir besteigen unsere Böte mit der festen Zuversicht auf einen glücklichen Ausfall der bevorstehenden Reise. Ein griechischer Weiser hat irgendwo einmal gesagt, die Hoffnung sei der Traum der Wachenden! wohl an, Träume gehen auch zuweilen in Erfüllung und ich glaube, das wird mit diesem Traum der Fall sein.
Ich hoffe, Kristianshaab erreichen zu können, bevor das letzte dänische Schiff im September fährt, da würden wir noch im Herbst wieder zu Hause sein; gelingt uns das nicht, dann kommen wir im nächsten Sommer. Auf Wiedersehn!
Ihr
Fridtjof Nansen.
Ungefähr um 7 Uhr des Abends war alles zur Abreise bereit. Der Sermilikfjord lag nun gerade vor uns. Nach Berechnung durch Kreuzpeilung mußten wir uns 2½ geographische Meilen von der Mündung der Bucht befinden. Ich kletterte zum letztenmal in die Tonne, um zu sehen, welchen Kurs wir einzuschlagen hatten. Die Luftspiegelung des offenen Wassers an der Innenseite des Eises war jetzt noch deutlicher sichtbar als zuvor. In etwas westlicher Richtung von King Oskars Hafen schien das Eis am dünnsten zu sein, weshalb ich mich für den Kurs entschied.