Siegesgewisser denn je zuvor stieg ich wieder auf Deck hinab, und nun schlug die Abschiedsstunde. „Jasons“ ganze Mannschaft war auf Deck versammelt. Trotz der Freude über die Aussicht auf einen glücklichen Anfang unserer Fahrt bemächtigte sich unser aller doch ein wehmüthiges Gefühl, als wir Abschied von diesen derben Seeleuten nahmen, unter denen wir wohl Alle treue Freunde gewonnen hatten; jetzt setzten sie freilich eine etwas bedenkliche Miene auf oder wandten sich mit einem bezeichnenden Kopfschütteln ab. Man konnte sich wohl des Gedankens nicht erwehren, daß man sich zum letztenmale sah. Zu allerletzt drückten wir Kapitän Jakobsen die Hand zum Abschied, und nie werde ich die ruhige, einfache Art und Weise vergessen, mit der dieser Urtypus eines norwegischen Seemannes uns sein wohlgemeintes Lebewohl sagte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß es uns gut ergehen möge.
Dann das Fallreb hinab und in die Böte. Während ich mich an das Steuer des Bootes setzte, das uns vom „Jason“ überlassen war, und in dem Dietrichson und Balto jeder ein Ruder führten, übernahm Sverdrup den Oberbefehl des zweiten Bootes mit Ravna und Kristiansen als Ruderer.
„Alle Mann an Platz? Stoßt ab!“ und indem die Böte unter den ersten kräftigen Ruderschlägen durch das dunkle Wasser dahinschießen, hallt die Luft wider von den drei kräftigen Hurrahrufen der 64 Mann, während zwei weiße Rauchsäulen aus „Jasons“ beiden Kanonen uns ihren letzten Gruß nachsenden. Dumpf rollt ihr Donner durch die dunkle, regenschwangere Luft und erstirbt. Die letzte Brücke hinter uns ist abgebrochen. — — Lebt wohl! Und unsere Böte gleiten unter den taktfesten Ruderschlägen durch das Eis, um die erste, kalte Umarmung der Natur zu empfangen, die uns nun für eine Zeit lang behausen soll. Wir hatten Alle das beste Zutrauen zu unserem guten Stern, — daß Anstrengungen und Gefahren unser harrten, wußten wir, aber waren überzeugt, daß wir sie zu überwinden im stande sein würden.
Kapitel VIII.
Gegen Land. — Das Treiben im Eise.
achdem wir eine Strecke in das Eis eingedrungen waren, kam uns ein Boot mit 12 Mann von dem zweiten Steuermann geleitet nach. Es war von Kapitän Jakobsen ausgesandt worden, um uns wenn möglich das erste Stück durch das Eis hindurchzuhelfen durch Bahnbrechen oder Schleppen der Böte. Sie begleiteten uns eine Weile, als ich aber sah, daß sie uns nur wenig nützen konnten, dankte ich ihnen für ihre gute Absicht und sandte sie wieder zurück.
Wir fanden eine ganze Strecke Schlampeis, wehten dem Boote ein Lebewohl zu und steuerten direkt hinein.
Im Anfang ging es ganz gut mit uns. Das Eis lag so lose, daß wir fast immer zwischen den Schollen hindurchrudern konnten, sonst mußten Brechstangen und Aexte einen Weg bahnen. Nur an wenigen Stellen waren wir gezwungen, die Böte über kleinere Schollen zu ziehen. Schon ehe wir den „Jason“ verließen, hatte es angefangen, ein wenig zu regnen, jetzt nahm der Regen zu, während der Himmel sich verdunkelte und eine gewitterartige Stimmung annahm. Es war ein eigenthümlich wirkungsvoller Anblick, diese Männer in ihren dunkelbraunen Waterproofs, die spitzen Kapuzen gleich den Mönchen über den Kopf gezogen, sich sicher und schweigend in ihren beiden Böten, von denen das eine dem andern im Kielwasser folgte, durch die weißen, ruhigen Eisschollen hindurch arbeiten zu sehen, die einen starken Kontrast zu dem dunklen, gewitterschwangeren Nachthimmel bildeten. Ueber den zerrissenen Felsen am Sermilikfjord lagerten dunkle Wolkenbänke, — von Zeit zu Zeit zerriß dieser Wolkenvorhang und durch die Spalten schaute man in einen Himmel hinein, der in dem anhaltenden Strahlenglanz eines arktischen Sonnenunterganges glühte und einen milden Wiederschein auf die Ränder des dunklen Vorhanges warf. Es währte nicht lange und der Vorhang schloß sich, dunkler als je, während wir uns Schlag auf Schlag unverdrossen weiter arbeiteten und der Regen uns peitschend ins Gesicht schlug. War dies ein Vorzeichen unseres eigenen Schicksals? Nein, gewiß nicht, aber die Menschenseele ist schwach und abergläubisch, sie glaubt so leicht, daß sich die Elemente und das Universum um ihr großes Selbst — den Mittelpunkt des Ganzen — drehen.
Das Eis wurde ein wenig schwieriger, oft mußte man auf einen Eishügel hinauf, um den besten Weg auszukundschaften, und von dem Gipfel eines solchen Eishügels winkte ich dem „Jason“ mit der norwegischen Flagge unser letztes Lebewohl zu, und der „Jason“ antwortete, indem er die seine senkte. Dann ging es wieder vorwärts — ohne Aufenthalt, denn hier ist keine Zeit zu verlieren.
Wir hatten von Anfang an in westlicher Richtung einen großen Eisberg vor uns gehabt. Seit längerer Zeit hatten wir uns ihm jedoch in auffallender Weise genähert, obwohl wir uns nicht in der Richtung vorwärts bewegten. Unser Kurs war bedeutend östlicher. Die Strömung mußte uns westwärts führen. Und so verhielt es sich, — mit unwiderstehlicher Fahrt riß sie uns fort; es ward uns bald klar, daß keine Rede davon sein konnte, diesen Eisberg an der östlichen Seite zu umschiffen. Wir mußten uns in die Leeseite desselben begeben. Hier geriethen wir jedoch plötzlich in einen reißenden Malstrom, der die Eisschollen gegeneinander trieb, so daß sie sich krachend überschlugen und droheten, unsere beiden Böte zu zerschmettern. Sverdrup zog das seine auf eine Scholle hinauf und befand sich in Sicherheit. Wir arbeiteten uns zu einer eisfreien Stelle durch, schwebten aber in Gefahr, jeden Augenblick zwischen den Eisschollen zerschmettert zu werden. Da galt es aufmerksam zu sein, das Boot an allen gefährlichen Punkten klar zu halten, es auf den „Fuß“ oder in die „Bucht“[33] eines Eisberges zu retten, wenn das Eis preßte; aber dies war keine leichte Aufgabe in den unwiderstehlichen Wirbeln. Mit vereinten Kräften gelang es uns indessen. Wir kamen in die große eisfreie Stelle, in den Schutz des Eisberges und waren vorläufig in Sicherheit. Nun handelte es sich um Sverdrup. Ich winkte ihm zu, daß er versuchen sollte uns zu folgen, er that es, und es gelang ihm, indem er sein Boot in ruhigerem Fahrwasser hielt als wir.