Jetzt fanden wir eine eisfreie Stelle nach der anderen. Nur ein paarmal verdichtete sich das Eis wieder, dies war besonders jedesmal der Fall, wenn der Strom uns an einen der zahlreichen Eisberge, die ringsum auf dem Grunde lagen, trieb, das Fahrwasser wurde aber regelmäßig freier, sobald wir an ihnen vorbei passirt waren. Unsere Aussichten waren Licht, unser Sinn war leicht. Der Regen hatte aufgehört und gerade jetzt stieg die Sonne über dem zackigen Hintergrund des Sermilikfjords empor, den noch wolkenbedeckten Himmel in Brand steckend und auf den Gipfeln und Zinnen Feuer entzündend.
Vor uns lagen lange, eisfreie Strecken, ich glaubte schon vom Boote aus das offene Wasser auf der Innenseite des Eises sehen zu können. Wir hatten uns dem Lande auf der Westseite des Fjords sehr genähert, ich konnte deutlich die Steine und die Unebenheiten der Klippen und Felsen sehen. Nichts schien uns jetzt aufhalten und unsere Landung verhindern zu können, wir sprachen schon davon, wo und wann wir den Kaffee an Land kochen wollten.
Da verdichtete sich das Eis wieder, wir sahen uns genöthigt, die Böte auf eine Scholle hinaufzuziehen. Mein Boot war in einer Enge in eine ungünstige Stellung gekommen, und als das Eis sich wieder mehr vertheilte und das Boot ausgesetzt werden sollte, schnitt eine scharfe Eiskante in eine Planke an der einen Seite ein. Das Boot konnte nicht schwimmen, da war nichts zu machen, als es abzuladen und zur Reparatur wieder auf die Eisscholle zu ziehen. Sverdrup mit Kristiansen als Assistent machten sich an die Arbeit und brachten mit den verhältnißmäßig schlechten Hülfsmitteln, die ihnen zur Verfügung standen, alles in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit wahrer Meisterschaft wieder in Ordnung. Als Material benutzte er ein Tannenbrett, das auf dem Boden des Bootes gelegen hatte, einige große Nägel, eine Axt und eine Holzkeule.
Dies schadhafte Boot sollte indessen über unser Schicksal entscheiden. Während der Ausbesserung desselben verdichtete sich das Eis, der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und der Regen stürzte in Strömen herab, alles ringsumher verhüllend. Da war denn nichts anderes zu machen, als das Zelt aufzuschlagen und zu warten. Wir schrieben den 18. Juli, und es war 10 Uhr des Vormittags. Das Beste, was wir thun konnten, war, in unsere Schlafsäcke zu kriechen und den Schlaf nachzuholen, der uns nach fünfzehnstündiger, anstrengender Arbeit im Eise nicht unerwünscht war.
Ehe wir uns zur Ruhe begaben, klärte es sich über dem Meere ein wenig auf, und wir gewahrten in weiter Entfernung den „Jason“, der gerade anheizte und eine Stunde später in See ging, wahrscheinlich im guten Glauben, daß wir längst wohl behalten am Lande angelangt seien. „Als Ravna das Schiff zum letztenmale sah,“ schreibt Balto in seiner Reisebeschreibung, „sagte er zu mir: „Ach, wie dumm sind wir gewesen, daß wir das Schiff verließen, um hier zu sterben. Es ist keine Aussicht, daß wir lebendig davonkommen. Das große Meer wird unser Grab werden.“ Ich antwortete ihm, daß es nicht richtig gewesen wäre, wenn wir beiden Lappen zurückgekehrt wären. Wir würden keine Bezahlung erhalten haben, und vielleicht hätte uns der norwegische Konsul auf Kosten der Armenkasse nach Karasjok zurückbefördern müssen. Das wäre doch eine große Schande gewesen.“
Während wir schliefen, mußte stets einer von uns Wache halten, um zu melden, falls sich das Eis öffne, daß wir weiter kommen könnten. Dietrichson erbot sich gleich, die erste Wache zu übernehmen. Aber der Zustand des Eises veränderte sich wenig oder gar nicht. Nur einmal hatte es den Anschein, als würde es ein wenig loser, gleich darauf aber schob es sich wieder mehr zusammen. Es war nicht daran zu denken, die Böte über dies Eis zu ziehen, — es war zu uneben und bestand aus zu kleinen Schollen. Solange der Regen anhielt, mußten wir warten und konnten voraussichtlich länger schlafen, als uns lieb war. Wir waren bereits in die verkehrte Strömung gerathen.
Mit reißender Geschwindigkeit führte uns die Strömung westwärts in den breiteren Eisgürtel auf der Westseite des Sermilikfjordes. Hier nahm sie eine südlichere Richtung und führte uns vom Lande fort und zwar schneller, als wir uns durch das Eis hindurcharbeiten konnten. Wären wir nicht durch das beschädigte Boot aufgehalten, so würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb des Gürtels gelangt sein, wo die Strömung am reißendsten war, und in das ruhigere Wasser unterhalb des Landes.
Die Schnelligkeit der Strömung, in die wir hier gerathen waren, zeigte sich bedeutend größer, als man bis dahin allgemein angenommen hatte. Daß hier starke Strömungen waren, wußte ich allerdings, und ich hatte das auch berechnet, hätte ich aber eine Ahnung von ihrer wirklichen Stärke gehabt, so wäre ich sicher ein wenig anders zu Werke gegangen. Ich hätte mich dann bedeutend östlicher gehalten, gerade vor Kap Dan; wir würden, indem wir uns quer durch die Strömung durchgearbeitet hätten, aller Wahrscheinlichkeit nach durch den Eisgürtel gelangt sein, ehe wir westlich an der Mündung der Sermilikbucht vorbei und in den breiteren Eisgürtel hineingerathen waren, wo die Strömung eine südliche Richtung nimmt. Wie die Sache jetzt lag, blieb uns nichts übrig als das tröstliche Bewußtsein, wie schön es hätte sein können. Eine Stunde bei günstigem Fahrwasser und wir wären hindurch. Aber die Pforten des Paradieses waren verschlossen und wir wurden gegen südlichere Breitengrade getrieben. —
Inzwischen hatten wir genug zu thun, das Regenwasser, das durch die Schnürlöcher in der unteren Zeltwand hineinsickerte, von dem Boden des Zeltes aufzuschöpfen. Nachdem wir ungefähr 24 Stunden wesentlich hiermit beschäftigt in unserm Zelt verbracht hatten, zertheilte sich das Eis so weit, daß wir mit neuem Muth und erneuten Kräften unsere Landungsversuche abermals beginnen konnten. Dies geschah am Morgen des 19. Juli ungefähr um 6 Uhr. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, und durch eine Lichtung in den Regenwolken konnten wir das Land am Sermilikfjord erkennen. Wir waren über doppelt soweit davon entfernt als im Anfang — ungefähr vier Meilen —, schauten aber voller Hoffnung vorwärts, denn wenn wir auch die Küste nicht bei Inigsalik (westlich vom Sermilikfjord) erreichten, so hatten wir doch alle Aussicht, südlich bei Pikiutdlek an Land zu gehen. Es galt jetzt nur, sich unverdrossen quer durch den Strom zu arbeiten, dann mußten wir das Ziel einmal erreichen. An Unverdrossenheit fehlte es uns freilich nicht, und wir arbeiteten mit Lust. Bald kamen wir in den Schutz eines mächtigen Eisberges, fanden lange eisfreie Stellen und gelangten ein gutes Stück vorwärts. Da verdichtete sich plötzlich das Eis wieder, und wir mußten uns abermals auf eine Eisscholle zurückziehen. Von Zeit zu Zeit brach die Sonne durch, wir zogen die Böte ganz auf das Eis herauf, schlugen unser Zelt auf und richteten uns so gemüthlich wie möglich ein, zogen zum Theil trockenes Zeug an und trockneten die durchnäßten Kleidungsstücke. Besonders für mich war dies letztere sehr wünschenswerth, da ich am Tage bei der Arbeit ins Wasser gefallen war. Ich wollte von der vorstehenden Kante einer Eisscholle in unser Boot springen, als das Eis brach. Derartige unfreiwillige Bäder gehörten übrigens zu den fast täglichen Begebenheiten auf unserer Expedition. Im Laufe des Tages brach die Sonne völlig durch, und wir labten uns recht gründlich an ihren milden Strahlen. Den Konserven, die uns Stavangers Hermetische Fabrik geschenkt hatte, ließen wir volle Gerechtigkeit widerfahren, auf den Eisschollen war vollauf des herrlichsten Trinkwassers zu haben und in dem Bierfaß, das zu dem Boot vom „Jason“ gehörte, war noch Bier übrig. In jedem Fangboot eines Seehundsfängers befindet sich nämlich ein Bierfaß und eine Brotkiste, die mit Brot und Speck gefüllt ist. Diese Behältnisse hatte der Kapitän uns wohlgefüllt und in bestem Zustande überlassen, und das kam uns jetzt zu gute.
Wir konnten draußen am Rande des Eises eine ziemlich starke Brandung vernehmen, aber wir legten kein weiteres Gewicht darauf. Dem Anschein nach trieben wir mehr und mehr vom Lande ab, die Berggipfel am Similikfjord wurden kleiner und kleiner.