Am Abend blieb ich noch lange, nachdem die Anderen in ihre Schlafsäcke gekrochen waren, auf, um Skizzen zu entwerfen. Es war ein herrlicher, nordischer Abend mit jenen wunderbar weichen Farbentönen, die sich gleichsam liebkosend an uns schmiegen, mit jener träumerischen, lichten Melancholie, die sich so wohlthuend über unser Gemüth senkt und die den nordischen Nächten so charakterisch ist. Die wilde, zerklüftete Landschaft im Norden am Sermilikfjord hebt ihre kühngeschwungenen Linien scharf gegen den glühenden Abendhimmel ab, während die mächtigen Flächen des Inlandseises den Horizont im fernen Westen begrenzen und sanft in den gelben Hintergrund mit seinen weichen Linien übergehen.

Es war alles so nahe, — ärgerlich, daß nur ein Stückchen Treibeis uns so hartnäckig von dem Ziel unserer Sehnsucht zu trennen vermochte!

Während ich so dasaß und zeichnete, vernahm ich plötzlich ein heftiges Dröhnen im Eise. Es ist der wachsende Seegang, der sich Bahn bricht. Ich schaue auf das Meer, der Himmel war da ein wenig dunkel. Mit dem Gedanken, daß da draußen wohl ein Unwetter heraufzieht, daß uns dies ja aber im Grunde nichts angeht, krieche ich endlich in den Schlafsack zu meinem schlummernden Kameraden.

Am nächsten Morgen (den 20. Juli) erwachte ich infolge einiger heftiger Stöße, welche unsere Eisscholle erhielt. Der Seegang mußte bedeutend zugenommen haben. Wir krochen aus unseren Säcken und sahen, daß unsere Eisscholle, in geringer Entfernung vom Zelte quer geborsten war, die Lappen, welche sofort auf den höchsten Punkt der Scholle geklettert waren, um sich umzusehen, riefen, daß sie das Meer erblicken können. Und so verhielt es sich auch wirklich. Glänzend im Schein der Morgensonne breitete sich das Meer in der Ferne aus; wir hatten es nicht gesehen, seit wir den „Jason“ verließen.

In meinen Tagebuchaufzeichnungen von diesem Tage und von den folgenden Tagen heißt es weiter:

„Der Seegang wächst, er bricht sich immer gewaltiger an unserer Scholle; Eisstücke und zu Schnee zerriebenes Eis thürmen sich am Rande der Scholle auf und bilden einen Wall, der dem ersten Anprall der Wellen Widerstand leistet. Das Schlimmste ist jedoch, daß wir uns dem Meere mit unheilverkündender Schnelligkeit nähern. Wir beladen unsere Schlitten und versuchen sie über das Eis zu ziehen, entdecken aber gar bald, daß die Schnelligkeit, mit der wir hinausgetrieben werden, uns zu stark ist. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als uns nach einer sichereren Eisscholle umzusehen, auf der wir unser Domizil aufschlagen können, denn diejenige, auf der wir uns jetzt befinden, erscheint uns ein wenig gebrechlich. Im Anfang war es eine runde Eisscholle von ungefähr 30 m Durchmesser, aber in der Nacht barst sie einmal und nun berstet sie abermals in anderer Richtung, so daß sie schließlich klein wird. Dicht neben uns befindet sich eine große, dicke Eisscholle, die noch unberührt ist, — auf diese ziehen wir hinüber.

„Inzwischen nähern wir uns der Brandung mehr und mehr, der Lärm wächst, die Wellen prallen gegen unsere Scholle an und treiben an allen Ecken und Kanten darüber hin. Die Situation fängt an, kritisch zu werden.

„Die armen Lappen sind nicht in der besten Laune. Am Vormittage waren sie gänzlich verschwunden, ich konnte nicht begreifen, wo sie geblieben waren, da es auf dieser kleinen Eisscholle gerade nicht allzuviele Stellen gab, an denen man sich voreinander verstecken konnte. Da fiel es mir auf, daß einige Persennings sorgfältig über das eine Boot gebreitet waren. Ich hob sie leise in die Höhe und sah die beiden Lappen auf dem Boden des Bootes liegen. Der Jüngere, Balto, las dem Aelteren auf Lappländisch aus dem neuen Testament vor. Ohne daß sie es bemerkten, deckte ich die kleine Kirche, die sie sich so eingerichtet hatten, leise wieder zu. Sie hatten das Leben aufgegeben und bereiteten sich zum Tode vor.“ — Wie mir Balto lange nachher einmal gestand, hatten sie einander dort unten im Boote ihre Herzen ausgeschüttet und ihre blutigen Thränen vergossen, sich selbst und Andere mit bitteren Vorwürfen überhäufend, daß sie je ihre Heimath verlassen hatten. Man kann sich nicht verwundern, daß sie ängstlich waren; es war ihnen ja alles so fremd. —

„Es ist das herrlichste Wetter mit sengendem Sonnenschein, so daß wir die Schneebrillen herausholen müssen. Wir benutzen die Sonne, um eine Ortsobservation vorzunehmen und durch Kreuzpeilung (des Landes) bestimmen wir, daß wir uns auf dem 65° 8′ N. B. u. dem 38° 20′ W. L. befinden, also 30 Minuten (7½ Meilen) von der Mündung des Sermilikfjordes und 23 bis 25 Minuten (ungefähr 6 Meilen) von dem nächstgelegenen Lande.

„Das Mittagsessen wird wie gewöhnlich zubereitet, nur, daß wir in Rücksicht auf die Verhältnisse Erbsensuppe kochen, — die Verschwendung hatten wir uns nämlich bis dahin nicht erlaubt, etwas zu kochen. Während wir hiermit beschäftigt waren, wird die Bewegung indessen stärker und stärker, so daß unser Kochapparat mehrmals fast umgeworfen wird.