„Aber auch hier scheint die Sonne und zwar ebenso milde und friedlich wie nur irgendwo, hier auf dem rollenden Meer und der tosenden Brandung, die uns umbraust. Die Abendsonne ist herrlich, — ebenso roth wie gestern geht die Sonne unter, den westlichen Himmel in Feuer tauchend und Land, Eis und Meer einen langen, glühenden Abschiedskuß zusendend, ehe sie hinter dem Rande des Inlandseises verschwindet, — kein Lüftchen regt sich, die Meeresfläche rollt uns gelb und blank wie ein Schild unter dem Abendhimmel entgegen. Unwillkürlich fallen mir die ersten Zeilen des alten bekannten Liedes ein:

„Schön ist das Meer, wenn still es sich wölbet

Blank wie ein Schild ob des Vikingers Grab. —“

„Ja, wahrlich, es ist ein erhebender Anblick, — sieh diese mächtigen, langen Wogen, wie sie uns gewaltsam entgegenrollen, als könne nichts sie anhalten, dann schlagen sie krachend gegen das weiße Eis, erheben ihre feuchten bläulich-grünen Schwingen, treiben Eisstücke und Schaum vor sich her über den weißen Schnee und schleudern sie hoch empor zu der blauen Luft. Der Gedanke an Untergang bei einem solchen Wetter erscheint uns fast unglaublich, — doch — einmal muß es ja sein, und eine schönere Abschiedsstunde kann man sich wohl kaum wünschen.

„Hier ist aber keine Zeit zu verlieren, wir nähern uns der Brandung mit Windeseile. Die See geht so hoch, daß wir unten im Wellenthal nichts von dem Eis um uns her erblicken, — wir sehen sonst nur den Himmel über uns, die Eisschollen prallen gegeneinander an, zerschellen und zerstieben rings um uns her, auch unsere Scholle ist geborsten. Wen wir binnen kurzem das Meer erreichen, werden wir alle unsere Kräfte nöthig haben, denn wir müssen voraussichtlich mehrere Tage und Nächte ununterbrochen rudern, um aus dem Bereiche des Eises zu gelangen. Deswegen werden alle Mann zum Schlafen ins Zelt geschickt, das noch nicht in die Böte gepackt wurde. Sverdrup soll als der Erfahrenste und Ruhigste die erste Wache übernehmen und uns im entscheidenden Augenblick wecken. Nach Verlauf von 2 Stunden soll Kristiansen ihn ablösen.

„Vergebens spähe ich bei meinen Kameraden nach einem einzigen Zug, der Furcht verrathen könnte, sie haben denselben ruhigen Ausdruck wie gewöhnlich und die Unterhaltung wird ebenso lebhaft geführt wie sonst. Nur die Lappen setzen bekümmerte Gesichter auf. Es scheint mir aber doch, als sei eine ruhige Resignation über sie gekommen, sie sind fest überzeugt, daß sie die Sonne zum letztenmale untergehen sahen. Trotz dem Getöse der Brandung liegen wir bald Alle in festem Schlaf, auch die Lappen sind bald eingeschlafen. Sie sind zu echte Naturkinder, als daß die Angst sie ihres Schlafes berauben könnte. Balto, dem das Zelt wohl nicht sicher genug erscheinen mochte, liegt oben auf dem einen Boot, er erwacht nicht einmal, als es von den Wellen beinahe fortgespült wird, so daß Sverdrup seine liebe Mühe hat, es zu halten. Nachdem ich eine Zeit lang geschlafen — wie lange es gewesen, vermag ich nicht zu sagen — erwache ich durch ein brausendes Geräusch dicht neben meinen Ohren an der äußeren Zeltwand. Die Eisscholle wogt fühlbar auf und ab gleich einem Fahrzeug, das sich in starkem Seegang befindet, und die Brandung donnert betäubender denn je gegen uns an. Ich erwartete, jeden Augenblick Sverdrups mahnenden Ruf zu vernehmen, oder das Zelt mit Wasser gefüllt zu sehen, aber nichts von alledem geschah. Deutlich hörte ich seinen wohlbekannten ruhigen Schritt auf der Scholle zwischen dem Zelt und den Böten auf und nieder gehen. Es war mir, als sähe ich seine kräftige Gestalt dort unbekümmert hin und her wandern, die beiden Hände in den Taschen, ein wenig vorübergebeugt, das nachdenkliche, unerschütterlich ruhige Gesicht auf die See gerichtet, von Zeit zu Zeit auf den Kautabak im Munde priemend, — — — dann verwirren sich meine Gedanken, — ich schlafe wieder ein.

Sverdrups Nachtwache am 20. Juli. (Nach einer Skizze des Verfassers gezeichnet von E. Nielsen.)


GRÖSSERES BILD

„Erst gegen Morgen erwachte ich wieder und fuhr verwundert auf, — die Brandung war jetzt nur noch vernehmbar wie das ferne Geräusch des Donners. Als ich aus dem Zelte trat, sah ich, daß wir von dem offenen Meer weit entfernt waren, — wie aber sah unsere Eisscholle aus? Große wie kleine Eisstücke waren an allen Seiten aufgeschwemmt und hatten sich rings am Rande zu einem hohen Wall aufgethürmt. Nur die Erhöhung, auf welcher das Zelt und das eine Boot standen, hatte die See nicht erreicht.