„Sverdrup erzählte, er sei im Laufe der Nacht mehrmals am Eingange des Zeltes gewesen, um uns zu wecken. Einmal habe er die eine Krampe schon in die Höhe gehoben, er besann sich aber wieder und begab sich zu den Böten, wo er ein wenig wartete und in die Brandung hinaus sah. Der Sicherheit halber hatte er aber die Zeltthür nicht wieder geschlossen. Wir befanden uns damals gerade an dem äußersten Eisrande, dicht neben uns schaukelten große Eishügel vorüber, die sich jeden Augenblick auf unsere Eisscholle zu stürzen drohten, — was gerade keine angenehme Ueberraschung für uns gewesen wäre. Die Brandung spülte an allen Ecken über unsere Scholle, aber der Wall von Eisstücken, der sich gebildet hatte, hielt sie wenigstens so weit ab, daß das Zelt und das eine Boot verschont blieben. Das zweite Boot, in dem Balto lag, war so von den Wellen umspült, daß Sverdrup es mehrmals festhalten mußte.
„Dann aber verschlimmerte sich die Situation. Er näherte sich abermals der Zeltthür, öffnete noch eine Krampe, besann sich jedoch. Er wollte die nächste Sturzsee abwarten.
„Mehr Krampen sollte er jedoch nicht öffnen, denn gerade als es am allerschlimmsten aussah, und unsere Eisscholle kurz davor war, in die stärkste Brandung hineingeschleudert zu werden, veränderte sie plötzlich ihren Kurs und steuerte mit ganz erstaunlicher Schnelligkeit dem Lande zu. Sverdrup sagte, es habe auf ihn den Eindruck gemacht, als würde sie von einer unsichtbaren Hand gelenkt.
„Jetzt, als ich aus dem Zelt trat, waren wir weit fortgetrieben und lagen in einem sicheren Hafen, nur das Brausen der Brandung, das man noch deutlich hören konnte, erinnerte an die Ereignisse der verflossenen Nacht. So brauchten wir denn diesmal unsere eigene Seetüchtigkeit und die unserer Böte nicht auf die Probe zu stellen.
„Der 21. Juli war ein stiller Tag nach sturmbewegter Nacht. Alles athmete Ruhe und Frieden, wir entfernten uns immer weiter vom Meere, die Sonne schien mild und warm, die Eisschollen lagen ruhig und einförmig rings um uns her, selbst die Lappen schienen sichtlich erleichtert.
„Nur ein Gedanke nagte an meiner Ruhe, — nämlich die Aussicht, daß die Expedition diesmal mißlingen und dadurch ein ganzes Jahr verloren gehen würde. Nun, wir müssen thun, was in unseren Kräften liegt und uns übrigens mit Geduld wappnen.
„Wir benutzen die Sonne, um die Längen- und Breitengrade zu bestimmen. Wir befinden uns auf dem 64° 39′ N. B. und dem 39° 15′ W. L., wir können noch die Gipfel des Sermilikfjordes sehen, das Inlandseis von Pikiudtlek nördlich bis Inigsalik breitet sich weiß und imponirend vor uns aus; mit seinem graden, wagerechten Horizont gleicht es einem einzigen, weißen unermeßlichen Meer; keine Nunatakker (d. h. Felsspitzen, die aus dem Inlandseise aufragen) sind zu erblicken, nur draußen, am Rande gewahren wir einzelne dunkle Gipfel und Klippen (am bemerkenswerthesten ist der Nunatak bei Pikiudtlek), die sich von der sonst ununterbrochenen weißen Fläche abheben.
„Die Landschaft hier unten hat einen ganz anderen Charakter wie die nördlichere bei Sermilik, Angmagsalik und Ingolfsfjeld. Dort oben steigt das Land hoch, zerklüftet und wild aus dem Meere auf, die ruhige Fläche des Inlandseises liegt verborgen hinter einer Reihe herrlicher, himmelanstrebender Bergzinnen, deren erhabene Schönheit unwillkürlich das Auge fesselt und über die das Eis niemals hinwegzuwachsen und ans Meer zu gelangen vermochte. Hier dagegen ist die Landschaft niedrig, das Inlandseis durfte seine grenzenlose, weiße Fläche bis ins Meer erstrecken, und die wenigen Formen, die hier hervortreten, sind niedrig und ruhig. Sie sind vom Eise abgeschliffen, — alles scheint von dem übermächtigen Eis ins Meer hineingedrängt zu sein. Auch diese Landschaft ist wild, aber es ist die öde Wildheit der Einförmigkeit.
„Da ist nichts, was das Auge fesseln kann, und deshalb schweift es willenlos über die lockende Eiswüste und verliert sich in der Ferne, wo der Horizont den Blick begrenzt. Leider liegt das alles weit, — weit von uns! Es ist wunderlich, dem Ziele so nahe gewesen zu sein und nun wieder draußen auf offenem Meere schaukeln zu müssen.
„Das Eis öffnet sich ein wenig, wir entdecken eine eisfreie Stelle und setzen das eine Boot aus, um zu versuchen, ob wir uns ein wenig durcharbeiten können, aber es ist vergebliche Mühe, das Schlampeis zwischen den Schollen (das sich durch das ununterbrochene Gegeneinanderreiben der Eisschollen während des Seeganges gebildet hat) ist so dick, daß wir mit den schwer belasteten Böten nicht vorzudringen vermögen. Wir müssen unser Vorhaben vorläufig aufgeben. Die Schlitten und Böte über die Eisschollen zu ziehen, ist ebenfalls eine Unmöglichkeit, da der Zwischenraum zwischen den einzelnen Schollen ein zu großer ist. Das Getöse der Brandung erschallt noch immer in der Ferne, — der Seegang hat nicht nachgelassen und hält das Eis nach wie vor zusammen.“