An diesem Tage, dem ersten an welchem wir Zeit hatten an etwas anderes als unser Vordringen durch das Eis oder ans Schlafen zu denken, fingen wir unser meteorologisches Tagebuch an. Es wurde im wesentlichen von Dietrichson geführt, der sich dessen stets, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen, mit bewunderungswürdigem Eifer annahm. Hauptsächlich wurde die Temperatur, der Luftdruck, die Feuchtigkeit der Luft, die Stärke und die Richtung des Windes, sowie die Wolkendecke und die Form der Wolken verzeichnet. Die Observationen wurden so oft und so sorgfältig wie nur möglich gemacht. Natürlich werden bei einer Expedition wie der unsrigen, auf der man in der Regel von anstrengender Arbeit in Anspruch genommen ist viele Lücken in dem meteorologischen Tagebuch entstehen, besonders des Nachts, wo man von der anstrengenden Arbeit des Tages ausruhen soll. Trotzdem glaube ich aber, daß das Tagebuch, das wir mit nach Hause brachten, dank Lieutenant Dietrichsons unverdrossenem Eifer, ziemlich vollständig ist und manche werthvolle Beobachtungen enthält.
[33] Das Seewasser zehrt, besonders in der Nähe der Wasserfläche, an dem Eise; der Theil der Eisscholle, der sich dadurch unter dem Wasser vorstreckt, heißt „der Fuß“; er bildet einen guten Zufluchtsort, besonders wenn das Eis zusammenpreßt, indem er unter dem Wasser mit der nächsten Eisscholle in Berührung kommt und sie auf diese Weise fernhält, so daß eine offene Wasserfläche bleibt, auf der das Boot sicher liegen kann. Auf gleiche Weise bilden die Buchten in den Eisschollen Zufluchtsörter, indem die Ränder die anderen Schollen abhalten und der Boden frei bleibt.
Kapitel IX.
Wir treiben weiter durch das Eis.
ie nun folgenden Tage, während welcher wir an der Küste entlang im Eise weitersegelten, waren ziemlich einförmig. Der eine Tag verging wie der andere. Wir gaben genau acht, in welcher Richtung wir uns vorwärts bewegten, jede Bewegung im Eise, die Farbe der Luft über dem Eise,[34] jeder Windhauch war von Bedeutung, — hofften wir doch, daß eine günstige Strömung uns bald an die Küste führen würde.
An dies Leben zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen knüpfen sich trotzdem für einzelne der Theilnehmer manche lichte Erinnerungen. Da es möglicherweise — besonders für künftige Expeditionen — von Interesse sein könnte, will ich hier in aller Kürze einen Auszug aus meinen Tagebuchaufzeichnungen einschalten. Den meisten Lesern rathe ich freilich, dies Stück zu überspringen.
„Gegen Nachmittag (am 21. Juli) erblicken wir von einem hohen Eishügel eine tiefe aber sehr schmale Bucht, welche südlich von uns in das Eis einschneidet. Unserer Beurtheilung nach treiben wir an dieser Bucht entlang, dem Ende derselben zu. Unsere Hoffnung auf eine Veränderung und auf baldige Landung steigt natürlich gleich.
„22. Juli. In der Nacht senkt sich dichter Nebel herab und verbirgt alles unserm Blick, wir ahnen nicht, wohin wir treiben, hören aber die Brandung ebenso deutlich wie vorher. Als die Nacht vorrückt, wird das Getöse jedoch schwächer, und die Bewegung im Eise läßt ein wenig nach.
„Der Nebel und die Bewegung hält den ganzen Tag an, um Mittag klärt sich jedoch der Himmel im Zenith so weit auf, daß ich mit einer Wasserlache auf der Eisscholle als künstlichem Horizont eine Breitenobservation veranstalten kann. Wir befinden uns auf dem 64° 18′ N. B. — eine hübsche Fahrt südwärts: seit vorgestern Mittag haben wir 60 Minuten (5 Meilen) zurückgelegt.
„Da das Eis im Laufe des Vormittags ein wenig nachgelassen hat, versuchen wir, ein leeres Boot auf das Schlampeis zwischen die Eisschollen zu bringen. Wir können nur äußerst langsam vorwärtskommen, und es ist besser, die Kräfte jetzt zu schonen, wo man im Nebel doch nicht sehen kann, nach welcher Richtung hin wir uns durcharbeiten müssen. Möglicherweise wird sich bald eine gute Aussicht auf Landung melden und Beschlag auf alle Kräfte legen, die wir haben.