„Am Nachmittage klärt er sich auf, wir sind möglicherweise dem Lande ein wenig näher gekommen. Ein schwacher Luftzug, mißweisend Nord bis Ost, (rechtweisend ungefähr West bis Nord) macht sich bemerkbar. Wir hoffen, daß er zunehmen und das Eis zertheilen wird, aber die Bewegung in der See hält noch an. Wir bedürfen eines starken Sturmes vom Lande her. Derselbe würde die Bewegung, welche das Eis zusammenhält, dämpfen und es ins Meer hinausführen, so daß wir zwischen den Eisschollen hindurch kommen könnten.

„Jetzt sehen wir rings um uns her viele große Klappmützen auf den Eisschollen liegen, andere tauchen mit ihren großen, runden Köpfen dicht neben unserer Scholle aus dem Wasser auf, um verwundert die neuen Eisbewohner anzustarren, die hier angekommen sind, worauf sie dann mit einem gewaltigen Klatschen wieder verschwinden. Dies ereignet sich täglich. Wir könnten sie mit Leichtigkeit schießen, da wir ihrer aber noch nicht bedürfen, lassen wir sie in Frieden leben. Wir haben noch frisches Fleisch genug, — eine große Keule von dem erschossenen Pferd nahmen wir vom „Jason“ mit. Am Nachmittage hat sich das Eis wieder verdichtet.

„23. Juli. Ueber Nacht stellten wir Wachen aus, jeder Mann sollte zwei Stunden Wache halten. Ravna gab bei der Gelegenheit Veranlassung zu großer Heiterkeit. Er verstand sich nämlich nicht auf die Uhr und wußte infolgedessen nicht, wann seine zwei Stunden abgelaufen waren. Der Sicherheit halber patrouillirte er deswegen gewöhnlich vier oder fünf Stunden, ehe er seinen Nachfolger weckte um zu fragen, ob nun die zwei Stunden wohl um seien.

„Um 7½ Uhr des Morgens weckt Dietrichson uns mit der Meldung, daß das Eis sich zertheile. Zwischen den Eisschollen befindet sich zwar noch Schlampeis, aber es hat doch den Anschein, als ob wir hindurch kommen können. Nachdem wir die Böte beladen und wegen einer Verdichtung im Eise noch eine halbe Stunde gewartet haben, gelangen wir endlich an einige eisfreie Stellen. Nun geht es eine Weile schnell vorwärts. Ehe wir die Eisscholle mit unserem Nachtquartier verließen, flog eine Schar Trauerenten an uns vorüber, nach Norden zu, — es war gleichsam ein Gruß vom Lande her und genügte, um unsere Hoffnungen zu bestärken. Im übrigen ist es ganz auffallend, wie arm an Vögeln die Gegend hier ist, nicht einmal eine Möve läßt sich blicken.

„Wir treiben nun den ganzen Tag der Küste zu, warten geduldig, wenn das Eis sich verdichtet, arbeiten dafür desto angestrengter, sobald es sich vertheilt.

„Wir nähern uns dem Lande, unsere Hoffnung steigt. Von Südwesten her kommt ein Rabe und zieht in nördlicher Richtung über uns hin, ein neuer Gruß vom Lande.

„Mehrere große Seehunde — ausgewachsene Klappmützen — lassen sich rings um uns her auf den Eisschollen blicken. Die Versuchung wird zu groß für ein Jägerherz. Sverdrup und ich müssen hin und ein altes Klappmützenmännchen schießen, das ganz in unserer Nähe lagerte. Nachdem ich mich an das Thier herangeschlichen habe, schieße ich es auch. Als wir zu ihm herankommen, ist es nicht ganz todt, — in meinem zoologischen Eifer will ich die Gelegenheit benutzen, um Beobachtungen über die Farbe der Augen und die Form der Mütze bei einer lebendigen Klappmütze anzustellen, Dinge, die den Zoologen noch nicht hinreichend bekannt sind. Während ich ganz hiervon in Anspruch genommen bin, wälzt sich der Seehund an den Rand der Eisscholle, und ehe ich mir’s versah, gleitet er ins Wasser. Im selben Augenblick, als er fällt, treibe ich ihm einen Seehundshaken, den ich in der Hand halte, und Sverdrup den Bootshaken in den Leib. Nun entsteht ein heißer Kampf zwischen dem Thier und uns; — wir versuchen, seinen Schwanz und seinen Hinterkörper in die Höhe zu halten, so daß er damit nicht ins Wasser gelangen kann, denn in diesen Gliedern liegt seine Stärke. Eine Weile gelingt es uns auch, aber er war stark im Todeskampf. Als ich sehe, daß wir ihn schlecht gefaßt haben, rufe ich Sverdrup zu, er solle die Büchse nehmen und ihn erschießen; er meint aber, er hat ihn besser gefaßt als ich, ich solle ihn todtschießen. Im selben Augenblick aber entgleitet er uns, — macht einige kräftige Schläge mit dem Hinterkörper und verschwindet auf Nimmerwiedersehn. Ganz betroffen standen wir da und schauten einander in die langen Gesichter und dann in die dunkle Tiefe hinab, wo einzelne Luftblasen langsam aufstiegen, um an der Oberfläche zu zerspringen, — das war sein letzter Gruß. Obwohl wir gar keine Verwendung für das Thier hatten, wirkte es doch recht abkühlend auf uns, eine so große und stolze Beute auf so erbärmliche Weise einbüßen zu müssen. Sverdrup meinte, es sei der größte Seehund gewesen, den er je gesehen hätte. Für mitleidige Seelen sei es gesagt, daß er nicht lange mehr hat leiden müssen, — es waren nur die letzten Zuckungen im Todeskampf. Die Kugel war freilich nur von feinem Kaliber (9 mm) aber sie hatte die richtige Stelle im Kopf getroffen.

„Gegen Abend stockt unsere Fahrt. Wir sind in eine ungewöhnlich unebene und dichte Anhäufung von Eisschollen gerathen, so daß an ein Vordringen mit den Böten nicht zu denken ist. Das Zelt wird auf dem Eise ausgebreitet, ohne ausgespannt zu werden, wir legen die Schlafsäcke oben auf, um gleich bei der Hand zu sein, sowie das Eis nachläßt. Wir stellen wie gewöhnlich eine Wache auf und kriechen in die Säcke. Aber das Eis zertheilt sich nicht. In der Nacht fällt starker Thau, so daß die Schlafsäcke am nächsten Morgen ganz naß sind.

„24. Juli. Am Morgen liegt das Eis noch immer ebenso fest. Wir entschließen uns, die Böte und Schlitten zu ziehen. Den größten Theil der Bagage laden wir auf die Schlitten, die dann, wo wir auf eisfreies Wasser stoßen, auf die Böte gesetzt werden können. Gerade als wir im Begriff sind, abzugehen, läßt das Eis nach, so daß wir uns eine gute Strecke durchstängeln können, — dann müssen wir ziehen. Das geht nur langsam, da das Eis nicht von bester Art ist, aber etwas ist besser als nichts, und dem Lande nähern wir uns beständig. Unser Muth steigt, — vor uns liegt das Land nördlich von Igdloluarsuk, wir fangen schon an zu berechnen, wie lange wir von hier bis nach Pikiudtlek gebrauchen werden, wo die Wanderung über das Inlandseis ihren Anfang nehmen könnte. Auch heute sehen wir mehrere Vögel, einen Raben und eine Schar von 8 kurzschwänzigen „Tyvejoer“. Es ist immerhin ein Trost, Vögel zu sehen, es macht das Leben freundlicher.