Das Boot wird über das Eis gezogen.
(Von E. Nielsen nach Photographie.)
„Da das Eis ungünstig ist und die Sonne mitten am Tage warm scheint, machen wir Halt, schlagen unser Zelt auf, bereiten unser Mittagsmahl und richten es an. Es wird unter folgenden Verhältnissen bereitet. Von der Pferdekeule, die im Boote lag, schnitt ich so viel ab, wie ich für 6 Mann ausreichend hielt; ich hackte es auf einem Ruderblatt, schüttete es in den einen Absatz des Kochapparats, that Salz hinzu, öffnete dann ein paar Büchsen mit Marrofat-Erbsen, schüttete sie auf das Fleisch, rührte das Ganze tüchtig um, und das Mittagessen war fertig. Balto hatte während der ganzen Zeit neben mir gestanden und jede Bewegung aufmerksam verfolgt, er war mir sogar behülflich gewesen. Er war — wie er sagte — hungrig und freute sich auf ein gutes Mittagessen. Obwohl er wie alle Lappen und die meisten weniger aufgeklärten Menschen ein großes Vorurtheil gegen Pferdefleisch hatte, meinte er doch, als ich die Erbsen zu dem gehackten Fleisch schüttete, dies schiene ja „ganz herrlich“ zu werden.
„Als es fertig war, trug ich die Schüssel auf und setzte sie vor die Anderen, die vor der Zeltthür saßen, und sagte, sie sollten nur zulangen, — das Gesicht aber, das Balto da aufsetzte, wird wohl Niemand, der es gesehen, so leicht wieder vergessen. Anfangs drückte es den höchsten Grad fragender Verwunderung aus, und — als er entdeckte, daß es Ernst war — einen Abscheu und ein so grundkomisches Entsetzen, daß es uns unmöglich war, unsere Lachmuskeln im Zaum zu halten. Balto theilte nun Ravna auf Lappländisch mit, was hier vor sich ging, und dieser, der bis dahin ein uninteressirter Zuschauer gewesen war, wandte sich mit einem Ausdruck von noch größerem Abscheu ab.
„Ohne uns den Appetit dadurch stören zu lassen, langten wir übrigen vier in die Schüssel und nahmen gehörig von der kräftigen Kost zu uns, die uns Allen vorzüglich mundete. Die Lappen drückten eine stumme Verzweiflung darüber aus. Wäre es nicht aus anderm Grunde, hätten wir gern etwas Fleisch für sie kochen können; aber wir mußten sparsam mit dem Spiritus umgehen. Nur ganz ausnahmsweise während unserer Fahrt durch das Eis gestatteten wir uns den Luxus zu kochen, wir würden späterhin noch genügend Verwendung für den Spiritus haben. In der Regel waren unsere sämmtlichen Speisen kalt, und als Getränk benutzten wir entweder reines Wasser, wovon stets ausreichend in kleineren und größeren Lachen auf den Eisschollen vorhanden war, oder auch wir vermischten das Wasser mit kondensirter Milch, was ein sehr erquickendes Getränk abgab. — Diesmal erhielten die Lappen präservirtes Beef, was sie völlig für die erlittene Täuschung tröstete, denn das war, wie Balto sich ausdrückte „eine reinliche und kräftige Speise“.
Als sehr bezeichnend will ich eine Antwort anführen, die Balto gab, als er einmal nach unserer Rückkehr nach Norwegen gefragt wurde, welche Zeit auf der Reise ihm als die schlimmste erschienen sei.
„Am schlimmsten war es,“ — antwortete Balto, — „als wir im Treibeis lagen und im Begriff waren, in den atlantischen Ocean hinauszutreiben. Ich fragte Nansen, ob er glaube, daß wir an Land kommen würden, und er antwortete „Ja“. Und dann fragte ich ihn, was wir denn eigentlich thun sollten, und er antwortete, wir müßten nach Norden hin rudern, aber ich fragte, wovon wir leben sollten, wenn wir nicht nach der Westküste hinüber kämen, und er sagte, dann müßten wir Wild schießen. Da fragte ich, womit wir denn das Wild kochen wollten, und Nansen antwortete, das müßten wir roh essen, — da wurde Balto sehr betrübt.“
„Gegen Abend ziehen wir wieder weiter, da aber das Eis nicht ganz fest ist, die Bewegung stärker wird und das Wasser am Fuße der Schollen einen für die Böte unheimlichen saugenden Zug hat, beschließen wir bald, die Nacht über still zu liegen, um bessere Zeiten abzuwarten. Uns umhüllte ein dichter, feuchter Nebel, der unsere Kleider völlig durchnäßte, dazu wehte ein beißender Nordwestwind, der, wie ich hoffte, das Eis zertheilen würde.
Der Bär macht Halt und betrachtet uns.
(Von E. Nielsen.)
„25. Juli. Am Morgen ungefähr um 4½ Uhr weckt mich der Ruf des wachthabenden Kristiansen, indem er in die Zeltthür hineinruft: „Nansen, da kommt ein Bär.“ Ich sage ihm, er soll eine Büchse aus dem Boot holen, fahre in meine Schuh und springe in ziemlich leichtem Kostüm heraus. Der Bär kommt in vollem Galopp direkt auf unser Zelt zu, als aber Kristiansen mit der Büchse naht, macht er plötzlich Halt, betrachtet uns einen Augenblick und ergreift die Flucht. Das war sehr ärgerlich, aber die Anderen bekamen doch einen Eisbären zu Gesicht, und danach hatten sie sich lange gesehnt.