„Nachdem wir unser Frühstück eingenommen hatten, begannen wir wieder, unsere Böte vorwärts zu ziehen, mußten es aber schon auf der nächsten Scholle aufgeben wegen der zunehmenden Bewegung im Wasser, die uns seit dem Tage, als wir uns draußen in der Brandung befanden, noch nie ganz verlassen hatte, und die das Eis dicht zusammenhielt, so daß wir nicht ans Land kommen konnten.

„Im Laufe des Tages zertheilte sich das Eis mehrmals ein wenig, schob sich aber immer gleich wieder zusammen. Ich will nicht versuchen, vorzudringen, weil sich zwischen den Eisschollen viel Schlampeis befindet und man bei dieser Bewegung keinen sicheren Hafen finden kann, wenn sich das Eis plötzlich mit so rasender Fahrt zusammenschiebt, wie das jetzt der Fall ist.

„Da wir nichts zu thun haben, beschließen wir, die Schlittenschienen vom Rost zu reinigen, so daß sie leichter übers Eis gleiten können. Als dies gethan ist, bereiten wir unser Mittagessen; — Bohnensuppe wird mit den Ueberresten von der rohen Fleischmahlzeit von gestern zusammen mit etwas frisch abgeschnittenem Fleisch gekocht. Währenddessen benutzen wir die Zeit, um die Breite zu nehmen, die 63° 18′ N. beträgt; die Länge, welche wir am Nachmittage bemessen, ist 40° 15′. Wir befinden uns also ungefähr 18 Minuten (4½ Meilen) vom Lande entfernt. Wir sind bedeutend weiter vom Lande abgetrieben als wir gestern waren, und unsere lichten Hoffnungen trüben sich wieder ein wenig. Ein Rabe bringt uns indessen auch heute ein wenig Trost.

„Endlich ist unser Mittagessen fertig; es wird in die wenigen Tassen, die wir haben, und in hermetische Blechbüchsen, die wir als Tassen benützen, gefüllt. Wir fangen an zu essen und finden Alle, — ja sogar die Lappen — daß es vorzüglich schmeckt. Da entdeckt Ravna zu seinem Schreck und Entsetzen, daß das Fleisch in der Suppe nicht ganz durchgekocht ist, er kann infolgedessen nichts mehr herunterbringen, sondern sitzt da und setzt eine klägliche Miene auf, die unsere allgemeine Heiterkeit erregt. Sein kleines, scheckiges Gesicht ist unter solchen Umständen ganz unbezahlbar komisch. Balto ergeht es nicht viel besser, er kann freilich die Suppe trinken, die er „vorzüglich“ findet, das Fleisch aber schüttet er heimlich in eine Wasserlache in der stillen Hoffnung, daß ich es nicht bemerken soll. Er behauptet, daß er mit dem Propheten Elias sagen kann: „Herr, was ich nicht gegessen habe, das kann ich auch nicht essen.“ Ich suchte ihm begreiflich zu machen, daß Elias sicher so etwas nicht gesagt habe, denn er aß, was Gott ihm sandte, daß aber ein Mann, den man den Apostel Petrus nennt, allerdings so etwas Aehnliches gesagt haben solle, daß dieser Ausspruch aber mit einem Gesicht, das er hatte, in Zusammenhang stand und figürlich zu verstehen sei. Er schüttelte den Kopf ungläubig und beharrte bei seiner Meinung, daß nur Heiden und Thiere rohes Fleisch äßen. Zum Trost erhalten die Lappen jeder einen Fleischbiskuit. Es kann nicht nützen, alte Hunde das Bellen lehren zu wollen.

Dietrichson und Kristiansen fühlen heute Stechen in den Augen, ich ermahne nun meine sämtlichen Gefährten, sorgfältig im Gebrauch der Schneebrillen zu sein.

„Am Nachmittage ist der Zustand des Eises noch immer unverändert, wir treiben mit schneller Fahrt südwärts. Während der letzten Nacht hatten wir uns mehr vom Lande entfernt, jetzt nähern wir uns scheinbar wieder mehr.

„Am Nachmittage befinden wir uns dem von Graahs Reise bekannten Skjoldungen gegenüber. Von Igdloluarsuk an haben wir wieder eine herrliche Alpenlandschaft vor uns mit hohen, scharfen Zinnen und zerrissenen Formen, die besonders am Abend bei glühendem Sonnenuntergang von zauberhafter Schönheit sind.

„Die Bewegung wird auffallend stärker, obwohl wir ziemlich weit von dem offenen Eisrande entfernt sind. Da draußen muß ein sehr heftiger Seegang sein.

Unser Leben im Treibeise.
(Nach einer Photographie.)