„Wir müssen alles thun, um die Lappen zu ermuntern, die ihren Muth mehr und mehr sinken lassen, sie glauben, daß wir schließlich in den Atlantischen Ocean hinaustreiben. Eines Tages sprechen wir davon, wann wir wohl an Land gehen werden, und einigen uns darüber, daß es uns jedenfalls am Kap Farvel gelingen muß. Wir rechnen aus, wann dies spätestens geschehen kann, und kommen zu dem Resultat, daß uns dann noch Zeit genug bleibt, um uns an der Küste entlang nördlich emporzuarbeiten, um über das Eis zu gehen. Einige meinen, daß es, selbst wenn es dies Jahr zu spät werden sollte, doch am besten sei, gleich so weit wie möglich in nördlicher Richtung an der Ostküste vorzudringen, dort zu überwintern und das Leben so gut es geht zu fristen, um dann im Frühling die Reise nach der Westküste anzutreten. Ich bin der Ansicht, daß dies kein vernünftiger Plan ist, da es sehr schwer sein wird, den mitgebrachten Proviant, den wir während der Wanderung über das Eis nothwendigerweise haben müssen, unberührt zu lassen, aber Dietrichson meint, daß dies doch unser einziger Ausweg sei, und — wie er sich ausdrückt — „wir riskiren ja nichts weiter als das Leben dabei“. Während wir so verhandeln, sagt Balto: „Redet doch nicht über so etwas, Nansen, wir kommen doch niemals an Land, wir treiben in den Atlantischen Ocean hinaus; ich bitte meinen Gott nur, daß er mich als bußfertigen Sünder sterben läßt, so daß ich in den Himmel kommen kann. Ich habe so viel Böses im Leben gethan, aber jetzt bereue ich es bitterlich, denn ich habe eine solche Angst, daß ich nicht selig werde.“ Ich fragte Balto, ob er es nicht für nothwendig halte, seine Sünden zu bereuen, selbst wenn er nicht so bald sterben müsse. Ja, das könne wohl nicht schaden, meinte er, aber es habe dann nicht so große Eile damit. Doch wolle er, wenn er diesmal mit heiler Haut davon käme, versuchen, ein besseres Leben zu führen. Wahrlich, ein naives Bekenntniß, das von einem eigenthümlichen Christenthum zeugt, einem Christenthum, wie man es aber leider wohl nur zu oft treffen kann. Ich fragte ihn, ob er denn, wenn er gerettet würde, das Branntweintrinken unterlassen wolle. Ja, er glaube wohl, wenigstens würde er nur ganz wenig trinken. Der verdammte Branntwein wäre schuld daran, daß er auf diese Reise gegangen sei. Ich fragte, wie das zu verstehen wäre. Er sei betrunken gewesen, als er N. N. begegnete, der ihn fragte, ob er mit nach Grönland wolle. Er wäre damals so muthig gewesen und habe gemeint, das sei etwas Rechtes für ihn. Aber am nächsten Morgen, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte und sich erinnerte, worauf er eingegangen sei, bereute er es bitterlich, meinte aber, es sei zu spät, um die Sache zu ändern, jetzt würde er gern viel Geld geben, wenn er nie mitgekommen wäre.
„Im übrigen ist die Stimmung im Zelt ganz vorzüglich; — wir fühlen uns dort, wo wir sind, sehr gemüthlich. Einige lesen, Andere führen ihr Tagebuch, Balto flickt Schuhe und Ravna thut am liebsten — wie gewöhnlich — nichts. Nur die Aussicht, vielleicht wieder ins Meer hinausgetrieben zu werden, ist nicht geradezu erbaulich.
Schwere Arbeit im Treibeise.
(Von A. Bloch nach einer Skizze des Verfassers.)
„Gegen Nachmittag klärt es sich ein wenig auf, der Regen läßt nach, und wir können Land sehen, das jetzt ebenso nahe wie früher vor uns liegt.
„Eine Stunde später fassen wir den Beschluß, uns durch das Schlampeis hindurch zu arbeiten. Es ist gefährlich, aber es muß versucht werden; wir nähern uns noch immer mit reißender Fahrt dem offenen Meere. Unter steter Gefahr für unsere Böte kommen wir eine ansehnliche Strecke vorwärts. Es gilt acht zu geben und die Böte glücklich in einen Hafen zu bugsiren, sobald sich das Eis zusammenschiebt. Einmal retten wir uns gerade im letzten Augenblick auf eine kleine niedrige Scholle, die später unter dem Druck des Eises in mehrere Stücke zerberstet, auf der wir aber doch sicher liegen.
„Als das Eis andauernd fest bleibt, fangen wir an, die Böte darüber hinweg zu ziehen, was keineswegs eine leichte Arbeit ist, da die Eisschollen infolge der Bewegung im Wasser bald getrennt, bald gegeneinander getrieben werden und bald zerschellen. Am schwierigsten ist es, die Schlitten von einer Eisscholle auf die andere überzuführen, ohne sie in die See fallen zu lassen. Oft müssen wir lange warten, ehe wir zurückkommen können, um den Rest der Schlitten oder die Böte von der Scholle abzuholen, auf der wir sie verließen. Bei angestrengter Aufmerksamkeit kommen wir doch einigermaßen schnell vorwärts. Aber was nützt das alles? Freilich machen wir uns eine gute Bewegung damit, und das ist eine wichtige Sache, einen andern Nutzen hat es aber nicht. Die See arbeitet schneller als wir, und es hat den Anschein, als sollten wir wieder in die Brandung hinausgetrieben werden. Wohlan, sei es, dann wollen wir uns aber bei Zeiten einen sichern „Segler“ aussuchen. Wir nehmen eine förmliche Inspektion aller Eisschollen in der Nähe vor, wir haben jetzt ein gutes Verständniß davon, wie eine solche Eisscholle beschaffen sein muß. Schließlich bestimmen wir uns für eine, die aus bläulichem, festem Eis besteht, dick, aber nicht groß ist und ungefähr die Form eines Fahrzeuges hat, so daß sie sich leicht auf den Wellen wiegen kann, ohne zu zerschellen. Sie hat einen so hohen Rand, daß die See nicht so leicht darüber hinwegspülen kann, auf einer Stelle aber ist eine Lücke, durch welche wir die Böte mit Leichtigkeit von dem Wasser aus heraufziehen können. Dies ist ohne Zweifel die beste Eisscholle, die wir gehabt haben, und auf dieser gedenken wir — falls wir gezwungen werden, sie zu benutzen — so lange zu bleiben, wie wir uns halten können, mag auch die Brandung toben und brausen.
„Natürlich hatten wir uns auch diesmal vergewissert, daß sich genügend Wasser auf der Scholle befand, ehe wir uns bestimmten, sie zu wählen. Wasser findet man übrigens fast auf allen Schollen, indem der auf denselben liegende Schnee schmilzt und das beste Trinkwasser liefert, das sich in kleineren und größeren Lachen ansammelt. Da machten wir denn lange Gesichter, als wir einmal Wasser in unseren Kochapparat gefüllt hatten und sich nun beim Probiren herausstellte, daß es salzhaltig war. Wir hatten nicht daran gedacht, daß fast aller Schnee hier abgeschmolzen war. Wir fanden endlich auf den höchsten Punkten der Scholle, wo noch Schnee lag, gutes Trinkwasser.
„Am Abend wurde ein vorzüglicher Kaffee servirt. Die Stimmung war sehr animirt. Hätte Jemand den Kopf durch die Thür unseres gemüthlichen Zeltes gesteckt und uns um unsere brodelnde Kaffeemaschine sitzen sehen, so würde es kaum den Eindruck gehabt haben, daß dies Menschen waren, die voraussichtlich binnen kurzem hinaus sollten, um einen Kampf mit Treibeis, Meer und Brandung aufzunehmen, dem es wohl nicht an Ernst fehlen konnte.
„Wir befinden uns nun gerade vor dem Tingmiarmiuts-Alpenland. Eine schöne Felspartie immer schöner als die andere wechselt an Grönlands großartiger Küste ab. Im Grunde ist es gar nicht so übel, hier durch das Eis zu treiben, wir bekommen mehr von der Küste zu sehen, als dies sonst der Fall gewesen wäre.