„Ueber Nacht ist das Wetter schön, still, kalt und heller Mondschein, — ganz so wie gestern.
„Es muß die Wirkung des Kaffees sein, daß ich Gefallen daran finde, hier draußen zu sitzen und zu schwatzen, anstatt in den Sack zu kriechen, um frische Kräfte für die Anstrengungen des morgenden Tages zu sammeln. Gute Nacht!
„Den 27. Juli. Ich ging über Nacht doch nicht zu Bett. Das machte der Kaffee, — eine reine Kaffeevergiftung!
„Ich ging auf und nieder und schwatzte mit Sverdrup, während er Wache hielt. Wir tauschten Erinnerungen aus unsern Knabenjahren aus. Die ganze Menschheit und das Leben nehmen sich von hier oben im Treibeise gesehen so wunderlich fern aus. Erst gegen Morgen krochen wir in unsern Sack und fielen in einen unruhigen Schlummer.
„28. Juli. Gestern lagen wir still, ebenso heute. Unsere Furcht, am äußeren Rande des Eises wieder in die Brandung zu gerathen, war nicht ganz unbegründet. Wir näherten uns ihr gestern auf kaum 300 m. Wir sehnten uns jetzt fast darnach, hinaus zu kommen, da dies Leben im Treibeis doch ein Ende haben mußte, sobald wir in das offene Meer gelangten. Der Seegang war nicht stark und der Wind günstig, wir mußten in 24 Stunden bei Kap Farvel sein, und dort konnten wir sicher durch das Eis dringen und die Küste erreichen.
„Aber wir sollten nicht dahin gelangen. Als wir eine Weile an der Eiskante entlang getrieben waren, geriethen wir abermals an eine Zunge aus Treibeis, die sich südlich von uns zu erstrecken schien. Das Eis ist hier sehr schmal. Durch Peilung verschiedener Punkte der Küste entdeckten wir, daß wir — die wir uns hart am Rande des Eises befanden — ungefähr 3¾ Meilen vom Lande bei Mogens Heinesensfjord befanden.
„Gestern hatten wir regnerisches, kaltes Winterwetter mit bedecktem Himmel, heute lacht die Sonne warm und sehnsuchtweckend auf uns herab. Das Inlandseis nördlich und südlich von Karra Akungnak liegt rein und weiß wie eine ebene, scheinbar leicht befahrbare Fläche da; im Innern wird es durch Reihen von Nunataks unterbrochen, — und zwar durch weit mehr als auf Holms Karte verzeichnet sind. Es lockt und zieht uns weit, weit hin nach dem unbekannten Innern. Nun wohl, einmal wird unsere Zeit schon kommen!“ —
Mit diesem hoffnungsvollen Ausruf, der vielleicht wunderbar erscheinen mag, wenn man so häufig getäuscht worden ist, schließen meine Tagebuchsaufzeichnungen aus dem Treibeis. Die nächsten Aufzeichnungen kommen vom 31. Juli und lauten folgendermaßen:
„Welch ein Unterschied zwischen der Scenerie, die mich jetzt umgiebt, und der, inmitten welcher ich zuletzt schrieb: Damals Eis, Einsamkeit und das Brausen des Meeres, jetzt heulende Hunde, Heiden in Unmassen, niedergerissene Zelte, kurz — Leben, Wirksamkeit und Sommer, vor allem aber Grönlands Felsengrund unter unsern Füßen.“
Diese Worte schrieb ich beim Aufbruch von dem ersten Eskimolager, auf das wir stießen, ehe ich aber mit den Mittheilungen aus meinem Tagebuche fortfahren kann, muß ich erst erzählen, wie wir hierher gelangten.