Am Abend des 28. Juli, nachdem ich meine obenangeführten [Aufzeichnungen] beendet hatte, trat ein starker Nebel ein, der das Land vor unsern Blicken verbarg. Im Laufe des Vormittages hatte sich das Eis mehrmals ein wenig zertheilt, was um so bemerkenswerther war, da wir uns ganz nahe an dem äußeren Eisrande befanden, wo der Seegang am stärksten war; man durfte wohl erwarten, daß er das Eis zusammenhalten würde. Die Veränderung im Zustand des Eises war jedoch nicht bedeutend genug gewesen, als daß wir uns bei dem starken Seegang mit unsern Böten hätten durcharbeiten können. Als aber Einige von uns den gewöhnlichen Abendspaziergang vor dem Schlafengehen machen, fällt es uns auf, in wie hohem Grade das Eis mehr und mehr nachläßt. Es hat den Anschein, als ob das Eis nach der See zu sich mehr und mehr zertheilt, und das sieht ganz sonderbar aus. Aber wir sind müde und haben keine rechte Lust, — aufrichtig gesprochen, sind wir der ewigen Enttäuschungen überdrüssig; ich ging mit dem Gedanken um, in See zu gehen. So krochen wir denn in unsere Säcke. Eine Wache hatten wir aber wie gewöhnlich ausgestellt, und der Wächter erhielt die Ordre, uns zu wecken, falls das Eis noch mehr nachlassen sollte. In der Nacht verdichtete sich der Nebel, so daß wir nichts von unserer Umgebung sehen konnten.
Gegen Morgen hielt Sverdrup Wache. Er ging im Nebel auf und nieder, — erzählte er später, — sah nach dem Kompaß und dachte, ob er denn wirklich verrückt geworden sei. Entweder mußte er oder der Kompaß es sein, denn er hörte die Brandung in der Richtung, wo nach seiner Berechnung Westen sein mußte und wo folglich das Land lag, während wir sie bis dahin stets von Osten her, wo sich das Meer gegen das Eis brach, gehört hatten. Dies konnte nicht mit rechten Dingen zusammenhängen. Später erklärte sich die Sache, wie wir sehen werden, auf andere Weise. — Er hatte die Brandung an der Küste gehört.
Am Morgen lag ich eine Weile wach im Schlafsack, Ravna hatte die Wache gehabt und seine zwei Stunden wie gewöhnlich auf vier ausgedehnt. Ich lag lange da und amüsirte mich über sein kleines rundes bärtiges Gesicht, das durch die Thürspalte ins Zelt hineinguckte. Ich dachte, er grübele wie gewöhnlich darüber nach, ob jetzt wohl seine zwei Stunden abgelaufen seien, so daß er Kristiansen wecken könne, der nach ihm die Wache übernehmen sollte. Allmählich fiel mir aber der eigenthümlich unruhige Ausdruck seines sonderbaren Gesichtes auf. Ich fragte schließlich: „Nun, Ravna, kannst Du Land sehen?“ Nie werde ich den Ton vergessen, in welchem er auf seine naive Art erwiderte: „Ja, ja, Land, allzu nahe!“ (Beide Lappen bedienten sich der Verstärkung „allzu“ statt sehr oder viel.) Ich fragte, ob das Eis lose sei. „Ja, Eis lose.“ Diese Worte trafen mich wie ein Blitz. Ich sprang aus dem Sack und eilte an die Zeltthür. Vor uns lag das Land, näher als es jemals gewesen war. Das Eis war ziemlich lose und an der Küste gewahrte ich offenes Wasser. Ravna hatte wahrlich recht, das Land war „allzu“ nah, als daß wir müßig in unseren Säcken liegen konnten. Ich weckte die Gefährten, und wir fuhren in unsere Kleider und verzehrten unser Frühstück in fliegender Eile. Die Böte wurden ins Wasser gesetzt und beladen. Es währte nicht lange, bis wir fertig waren. Ehe wir die Eisscholle verließen, die uns so wohl geführt hatte und die aller Wahrscheinlichkeit nach unsere letzte sein sollte, begab ich mich auf den höchsten Punkt derselben, um zu sehen, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Im Eise war eine ganz merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Die ganze Treibeismasse schien vom Lande ab in südwestlicher Richtung getrieben zu sein. Ich konnte nur nach der Seite hin Eis entdecken, und die Luft über uns war ganz weiß, wie über großen Eismassen. In südlicher Richtung an der Küste entlang schien dagegen ganz offenes Wasser zu sein. Wir befanden uns nicht sehr weit davon entfernt, es erstreckte sich in einem langen Keil an der Küste und endete ein wenig nördlich von uns, wo das Eis hart bis an das Land hinan zu liegen schien. Wir befanden uns auf der inneren Seite der Eismasse, das Meer an der Außenseite konnte ich nicht mit Gewißheit erkennen.
Wunderbar, wie schnell sich das Rad des Schicksals dreht! Es war ganz klar, daß wir das Land in kurzer Frist erreichen mußten; hätte uns jemand das gestern gesagt, so würde niemand von uns an eine solche Möglichkeit geglaubt haben.
Wir stießen von unserer Eisscholle ab, und so schnell wie acht starke Arme uns vorwärts zu führen vermochten, ging es durch das offene Wasser zwischen den Eisschollen hindurch. Wir konnten fast den ganzen Weg rudern, nur an einzelnen Stellen mußten wir uns Bahn brechen.
Nach Verlauf von wenigen Stunden waren wir aus dem Eise heraus. Das Gefühl, das uns beseelte, als wir unsere Böte an der letzten Eisscholle vorübersteuerten und das offene, blanke Wasser sich bis an die Küste erstrecken sahen, läßt sich kaum mit Worten beschreiben. Wohl niemals hat ein Arm mit größerem Entzücken das Steuerruder geführt, als der meine in jenen Stunden. Es war, als seien wir aus einer langen, traurigen Gefangenschaft erlöst, als breite sich die Zukunft plötzlich hell und lockend vor uns aus. Und das Leben war jetzt auch licht. Kann es je lichter vor uns liegen, als wenn man Aussicht hat, das Ziel seiner Sehnsucht zu erreichen, als wenn man nach langer, langer Ungewißheit wieder in eine sichere Spur gleitet? Das ist die zitternde Freude des hereinbrechenden Tages, und ist der Tagesanbruch nicht stets schöner, wonniger als der klare Tag?
[34] Ist die Luft am Horizont über dem Eise dunkel, so ist dies ein Zeichen, daß sich an der Stelle Schlampeis oder helleres Eis befindet; die dunklere Wasserfläche giebt in der Luft oder in den Wolken einen dunklen Widerschein. Solche Luft pflegt man Wasserhimmel zu nennen.
Kapitel X.
Historische Uebersicht über frühere Versuche, den Eisgürtel auf Grönlands Ostküste zu durchdringen etc.
o hatten wir denn endlich die erste Schwierigkeit unserer Reise überwunden. Wir hatten, wenn auch spät und auf einem südlicheren Breitengrad als wir beabsichtigten, den Treibeisgürtel an der Ostküste von Grönland durchdrungen und dies Ufer erreicht, was so Viele vor uns vergebens versucht hatten.