Es ist nicht mehr als unsere Schuldigkeit, daß wir, bevor wir weiter gehen, einen Rückblick auf diese Vielen werfen, die mit mehr oder weniger Glück oder Unglück uns den Weg bahnten, wenn auch unser Angreifen der Aufgabe sehr weit verschieden von der ihren war.
Die grönländische Ostküste wird bekanntlich nur von Wenigen besucht. Der Grund hierzu ist wohl hauptsächlich der, daß alle Diejenigen, welche eine Landung versucht haben, im Vordringen von dem Treibeis gehemmt wurden, das der Polarstrom südwärts führt, und das den größten Theil des Jahres in einem breiteren oder schmäleren Gürtel zusammengedrängt an der Küste entlang liegt.
Diese schwierigen Eisverhältnisse waren den alten Norwegern sehr wohl bekannt, was deutlich aus den vielen Berichten von Grönlandsreisen und Schiffsunglücken im Treibeis an dieser Küste, von welchen die Sagen berichten, hervorgeht.[35]
Einzelne Norweger müssen indessen die Küste erreicht haben.
So enthält die Floamanna-Sage (die in einer Handschrift aus dem Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten ist) einen Bericht, daß der norwegische Isländer Thorgils Orrabeinsfostre schon vor 900 Jahren (998) auf einer Reise nach der Westküste Grönlands (zu Erik Raude in Østerbygden) von widrigen Winden zurückgehalten wurde und nach vielen Drangsalen Schiffbruch an der Ostküste von Grönland unterhalb der Eisgletscher in einer Bucht an einem sandigen Ufer erlitt, zu deren beiden Seiten große Eisgletscher ins Meer hinausragten.[36] Sehr bezeichnend ist es, daß sich dies im Herbst, Mitte Oktober zugetragen haben soll, in einer Jahreszeit, in der die Küste nach unseren jetzigen Erfahrungen am leichtesten zugänglich ist.
Die hier ans Land Geworfenen sollen aus Thorgils samt Frau und ganzem Hausstand, sowie einem anderen Mann, Jostein, ebenfalls mit Frau und Hausstand, bestanden haben. Die Sage beschreibt sehr eingehend, wie Thorgils vier Winter und vier Sommer hindurch sein Leben an dieser ungastlichen Küste fristet, vermittelst der spärlichen Hülfsmittel, die er sich dort verschaffen konnte und dem Wenigen, was aus dem Schiff geborgen war — ein Boot, ein paar Stück Kleinvieh und etwas Mehl.
Zwei Winter und den dazwischen liegenden Sommer hielt sich Thorgils an dem Orte auf, wo er gestrandet war, indem er des Eises wegen nicht fortkommen konnte.[37]
Zu Anfang des ersten Winters gebar Thorgils Gattin, Thorey, einen Sohn. Im Laufe desselben Winters starb Jostein, seine Gattin und seine sämtlichen Hausgenossen infolge der Seuche. (Wahrscheinlich Skorbut.) Es geht aus der Sage hervor, daß Jostein es nicht verstanden hat, seine Mannen in der nöthigen Zucht zu halten. Im Frühling, der auf den zweiten Winter folgte, als Thorgils eines Tages mit einigen Begleitern oben auf die Gletscher hinaufgestiegen war, um zu sehen, wie es mit dem Treibeise stehe, wurde Thorey von seinem Verwalter und den Leibeigenen ermordet, worauf diese mit dem geretteten Boot und den eingesammelten Lebensmitteln gen Süden flüchteten. Als Thorgils heimkehrte, fand er sein Haus geplündert und seine Gattin todt auf dem Bette liegen, das Kind aber an der Brust der Leiche saugend. Dies war der härteste Schlag, der Thorgils widerfahren war, und die Sage berichtet, daß er das Leben des Kindes rettete, indem er einen Einschnitt in eine seiner Brustwarzen machte und es sein Blut saugen ließ; durch ein Wunder wurde das Blut später in Milch verwandelt. Um sich Nahrungsmittel zu verschaffen, mußten Thorgils und seine wenigen Begleiter wieder auf die Jagd gehen, und an Stelle des gestohlenen Bootes verfertigten sie sich ein Fahrzeug aus Fellen, das inwendig mit Holz oder Weidenzweigen steif gemacht wurde.
Dann löste sich der Eisgürtel und zwei ganze Sommer hindurch arbeiteten sie sich nun in südlicher Richtung am Lande entlang, bis sie — wahrscheinlich in der Nähe von Kap Farvel, einen Ort erreichen, wo ein landflüchtiger Mann, Rolf aus Østerbygden, sich angesiedelt und ein Haus gebaut hatte.[38] Bei ihm blieb Thorgils den Winter über und zog dann im nächsten Sommer südwärts weiter, an der Landspitze vorüber, bis er nach Østerbygden gelangte.
In dieser Sage ist viel Märchenhaftes enthalten, so z. B. daß Thorgils Besuch von Thor erhielt, und die oben erwähnte [Geschichte], wie er das Kind säugte etc. Dies muß die Zuverlässigkeit des ganzen Berichts in Zweifel stellen.