Die Beschreibung des Landes, an welchem Thorgils entlang zog, sowie die der Naturverhältnisse, stimmt indessen so genau mit den wirklichen Verhältnissen an der Ostküste Grönlands überein, daß sie unmöglich ganz erdichtet sein kann, sondern von Leuten herstammen muß, welche diese Küste gesehen haben, ja die sogar sehr vertraut mit den dortigen Verhältnissen gewesen sein müssen. Wenn man z. B. liest, wie Thorgils im Frühling oder im Frühsommer auf die Gletscher hinaufstieg, um über das Meer zu schauen, ob sich das Eis schon gelöst habe, da muß Jeder, der die ostgrönländische Küste kennt, sich in Gedanken dorthin versetzt fühlen. Wenn ferner beschrieben wird, wie sie weiterziehen, vorüber an Eisgletschern und steilen Bergen, wie sie auf dem südlicheren Theil ihrer Fahrt an vielen Fjorden vorüberrudern, und wie das Eis während des größten Theils des Jahres bis hart an die Küste dicht zusammengestaut liegt, — da kann dies alles kaum auf andere Gegenden als auf die Ostküste Grönlands passen.
So scheint es denn, daß, wenn auch die Erzählung von den sonderbaren Erlebnissen Thorgils mehr oder weniger erdichtet ist, der Verfasser oder die Verfasser dennoch dies Land sehr wohl gekannt haben müssen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die alten Norweger häufiger entweder im Treibeis oder an der Küste Schiffbruch gelitten und sich auf das Land gerettet haben.[39]
Daß unsere Vorfahren die ostgrönländischen Eisverhältnisse sehr wohl kannten, geht übrigens ganz deutlich aus dem „Kongespeilet“ (ca. 1250) hervor, dort heißt es: „Noch heute giebt es in demselben Meer gar viele Wunder, obwohl sie nicht zu den Ungeheuern zu rechnen sind, denn sobald man das Meiste des wilden Meeres hinter sich hat, befindet sich in der See eine solche Unmenge von Eis, wie man etwas Aehnliches nirgends in der ganzen Welt je gesehen hat. Einige von den Eisstücken sind so flach, als wären sie auf dem Meere selber gefroren, dabei sind sie 4 und 5 Ellen dick und liegen so weit vom Lande entfernt, daß man 4 Tage und länger über das Eis gehen kann, bis man das Land erreicht. Das Eis aber liegt mehr nach Nordosten oder nach Norden vor dem Lande als nach Süden oder Südwesten oder Westen, und deswegen muß Jeder, der das Land erreichen will, so weit segeln, bis er an allen diesen Stellen, wo Eis zu erwarten ist, vorübergekommen ist, und dann von dort bis an das Land segeln. Es ist aber den Seefahrern häufiger zugestoßen, daß sie das Land zu hastig gesucht haben, und dadurch in das Eis gerathen sind. Einige aber haben sich daraus gerettet, und von diesen haben wir Etliche gesehen und ihre Rede und ihren Bericht angehört. Aber Alle, die zu diesem Treibeis gelangt sind, haben sich des Mittels bedient, daß sie ihre Böte genommen und sie hinter sich her über das Eis gezogen und sich an Land begeben haben, das Seeschiff aber und all ihr Hab und Gut ist zurückgeblieben und verrottet. Einige haben sogar 4 oder 5 Tage, Andere noch länger auf dem Eise kampirt, ehe sie das Ufer erreichten.
Dies Eis ist sehr wunderbar in seiner Beschaffenheit, es liegt zuweilen so still, daß man annehmen könnte, verschiedene Waaken und große Fjorde vor sich zu haben; zuweilen aber bewegt es sich so schnell, daß ein Schiff, das guten Wind hat, nicht so schnell segeln kann, und dabei treibt das Eis ebenso häufig gegen den Wind an wie mit demselben. Es giebt in diesem Meere auch noch Eis von anderer Beschaffenheit, das die Grönländer Fald-Jokler (Fall Jökla)[40] nennen. Die Gestalt dieses Eises gleicht einem hohen Felsen, der aus dem Meere emporragt. Diese Eisberge vermischen sich nicht mit anderem Eis, sondern stehen ganz isolirt da.“
Diese Beschreibung ist so vorzüglich, daß sie noch heute vollkommen genügen würde. Es geht deutlich daraus hervor, daß die Eisverhältnisse im grönländischen Meer und in der Dänemarkstraße zu jener Zeit dieselben waren wie jetzt, und die Behauptung, daß man aus den Sagen schließen kann, sie seien damals anders gewesen, ist völlig unbegründet.[41]
Eine Zeit nachdem der „Kongespeilet“ geschrieben war, fing die Verbindung mit Grönland allmählich an aufzuhören, die norwegischen Kolonien verfielen und die erworbenen Kenntnisse von den grönländischen Verhältnissen geriethen in Vergessenheit.
Die Erinnerung an Grönland ist jedoch niemals geschwunden, und unter den dänisch-norwegischen Königen nach Schluß des Mittelalters ist oft die Rede davon, Leute auszusenden, um das verlorene „norwegische (Steuer-) Land“ wieder zu finden. So war unter Christian II. viel die Rede davon, indem der norwegische Erzbischof Valkendorf beschlossen hatte, Grönland wieder unter das Drontheimsche Bisthum zu bringen, aber sein Plan gelangte nicht zur Ausführung. Erst über die Mitte des Jahrhunderts hinaus dachte man ernstlicher daran, das Land zu suchen, und sandte wirklich eine Expedition zu diesem Zwecke aus.
Die ersten Expeditionen scheinen hauptsächlich nur den Zweck gehabt zu haben, das Land wiederzufinden, gleichgültig an welchem Punkt; da war es denn ganz natürlich, daß man in der Regel zuerst an die Ostküste kam, die am nächsten gelegen war, und hier zu landen suchte. Ich will in aller Kürze die wichtigsten dieser Versuche, die Ostküste zu erreichen, besprechen.
Im Jahre 1579 wurde der Engländer James Alday (oder Jakob Aldax oder Aldag, wie er in der norwegischen Urkunde, Bestallungsbrief, genannt wird) an die Spitze einer Expedition gestellt,[42] welche zwei Schiffe umfaßte, und erhielt den Befehl, „Grönland besuchen zu sollen, — auf daß selbiges Land wieder unter seine rechte Obrigkeit (d. i. die Krone Norwegens) komme — desgleichen, daß die sämtlichen Gemeinden dort zu Lande Gott dem Allmächtigen zu Lob und Ehren zum christlichen Glauben gebracht werden und die wahre Religion und Gottesdienst empfahen.[43]“
Ein an Bord dieses Schiffes, auf welchem sich Alday selber befand, geführtes Tagebuch, ist der einzige bekannte Bericht von dieser Reise.[44] Man ersieht daraus, daß die Expedition am 26. August, Morgens 6 Uhr, nachdem man 7 Tage vorher die Anker in Island gelichtet hatte, der Ostküste Grönlands ansichtig wurde. An welcher Stelle der Ostküste dies war, ist nicht leicht zu sagen. Es heißt nur, daß, als sie „westnordwest am Lande entlang gingen, auch war der Wind nördlich und waren wir damals oft 10 Seemeilen vom Lande entfernt“. Daraus, daß sie in westnordwestlicher (mißweisender) Richtung gingen, sowie aus dem bald darauf folgenden Passus: „Und sagte unser Kapitän, daß anderthalb hundert Seemeilen zwischen Island und Grönland lägen“, scheint mir hervorzugehen, daß sie sich eine gute Strecke nördlich vom Kap Dan befunden haben, was auch mit dem folgenden Bericht stimmt, in dem es von dem nächsten Tag (dem 27. August) u. a. heißt: „Als wir aber auf 4 Seemeilen nahe an das Land kamen, war da viel Eis dicht am Ufer, deswegen gingen wir den ganzen Tag in südwestlicher Richtung weiter und konnten doch nirgends eisfreies Land sehen. Außer dem Eis, das an der Küste lag, kamen uns große Stücke Eis, so groß wie Kirchen entgegen.“