Die Grönländer sind ungewöhnlich stolz auf ihre Kinder und thun alles, um sie zufriedenzustellen, besonders wenn es Knaben sind, die stets als angehende Fänger und Stützen der Familie betrachtet werden.
Eskimo-Knabe aus Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Eskimo-Knabe aus Godthaab. (Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Diese kleinen Tyrannen pflegen in der Regel das ganze Haus zu regieren, und das Wort des Weisen Salomo: „Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es beizeiten,“ wird nicht anerkannt; die Grönländer züchtigen ihre Kinder nie oder nur selten, und ich habe nicht einmal einen Eskimo ein hartes Wort zu einem seiner Kinder sagen hören. Man sollte erwarten, daß die Eskimokinder bei dieser Erziehung unartig und ungezogen würden. Dies ist jedoch keineswegs der Fall; obwohl ich mich ziemlich viel unter den Eskimos an der Westküste bewegt habe, so sind mir nur ein einziges Mal unartige Eskimokinder begegnet, und zwar in einem mehr europäischen als grönländischen Hause. Wenn die Kleinen einigermaßen zur Vernunft gekommen sind, so reicht ein vernünftiges Wort von seiten des Vaters oder der Mutter aus, um sie zu regieren. Niemals habe ich weder im Freien noch in den Häusern gesehen, daß Eskimokinder uneinig waren, sich zankten oder gar sich prügelten. Ich habe sie stundenlang bei ihren Spielen beobachtet, habe sogar an ihrem „Fußball“ theilgenommen (ein eigenartiges Spiel, das viel Aehnlichkeit mit dem englischen Football hat), und dabei kann bekanntlich gar leicht eine Uneinigkeit entstehen, nie aber sah ich unfreundliche Mienen oder Heftigkeit. Wo in Europa würde das wohl möglich sein? Was der Grund zu diesem auffallenden Unterschied zwischen europäischen und Eskimokindern ist, kann ich nicht mit Gewißheit sagen, im wesentlichen beruht es wohl in der äußerst friedlichen und gutmüthigen Natur der Grönländer. Zum Theil mag es auch darin liegen, daß sich die Eskimofrau stets mit ihren Kindern in einem Raum aufhält und sie, wenn sie sich im Freien bewegt, in der Amaute auf ihrem Rücken trägt, ja sie sogar mit auf ihre Arbeit nimmt; sie giebt sich folglich weit mehr mit ihren Kindern ab (sie säugt sie ja auch viel länger), als die europäischen Mütter selbst in den niederen Schichten thun, geschweige denn in den höheren, wo ja die Kinder den Mädchen oder Bonnen fast gänzlich überlassen sind. Infolgedessen herrscht natürlich in Grönland ein weit innigeres Familienleben zwischen Kindern und Eltern als in Europa. Daß die Eskimojungen sich hin und wieder einmal damit belustigen, nach den Enten und Hühnern des Koloniedirektors oder des Pfarrers zu werfen, muß man ihnen nicht zur Last legen, ebensowenig, wenn sie einmal in den Garten des Koloniedirektors eindringen und dort Unheil anstiften.
Eskimo-Knabe und -Mädchen aus Sukkertoppen. Das Mädchen mit einer kleinen Schwester in der Amaute ihrer Mutter.
(Nach einer Photographie.)
Man darf nicht vergessen, daß die Achtung vor dem Grundeigenthum völlig außerhalb ihres Fassungsvermögens liegt, wie sie auch nicht begreifen können, daß man nicht alles fangen und nehmen darf, was auf dem Felde wächst und sich dort bewegt; man mag ihnen das noch so viel einprägen, sie werden es doch niemals fassen.
Es ist bereits früher erwähnt worden, daß die Knaben schon zeitig zu ihrem Beruf erzogen werden; auf gleiche Weise erlernen auch die Mädchen den ihren; sie müssen schon in jungen Jahren nähen und der Mutter in ihren häuslichen Verrichtungen zur Hand gehen.